Die Geschichte der 47 Rônin. Kapitel 2 (Teil 8)

Leseprobe - urheberechtlich geschütztes Material

Was bisher geschah

Fürst Asano von Akô wurde von einem Beamten des Shôguns, dem Fürsten Kira, auf das schwerste beleidigt.  Asano hat in einer unmittelbaren Reaktion auf Kiras unerträglich dreisten Vorstoß sein Schwert gezogen und Kira beinahe getötet. 

 

Etikette, Sitte und Gesetz verbot es jedoch in jener Zeit nach 1603, am Hofe des Shôgûns, aus welchem Grunde auch immer, ein Schwert zu ziehen. Ob Asano Verhalten als Verlust seiner Selbstbeherrschung zu werten war oder ob er eigentlich nur den Gesetzen der Samuraiehre unausweichliche Genüge getan hat, war auch damals kaum zu beurteilen. Er wurde jedenfalls im Schloß unter Arrest gestellt und in die Obhut eines Daimyos namens Tamura gegeben, der ihn in sein Stadthaus bringen ließ, wo man nun die Entscheidungen abwartet, die der Hof im Falle Asanos nun treffen muß.

 

Indessen warten die Gefolgsleute Asanos in den Innenhöfen des Schlosses von Edo immer noch nichtsahnend auf die Rückkehr ihres Herren.

 

Der Nachmittag zog herauf, bevor Kataoka begann, sich um seinen Herrn ernstlich zu sorgen. Die Zeremonien waren offensichtlich abgeschlossen, denn die verschiedenen Fürsten schickten nach ihren Sänften und wurden darin davongetragen. Noch immer gab es kein Zeichen von Fürst Asano. Schließlich erkannte Kataoka die Sänfte des Fürsten Date und eilte ihr entgegen.

 

Fürst Date war von den Ereignissen noch immer benommen und verstand daher im ersten Augenblick Kataokas höfliche Frage nicht. Was inzwischen mit Fürst Asano geschehen war, wusste er selbst nicht genau, außer, dass er verhaftet worden war und sich nun in der Obhut des Fürsten Tamura befand, der ihn abgeführt hatte.

 

Allmählich wurde ihm klar, dass Kataoka überhaupt nichts von Asanos Angriff auf Kira wusste. Nun versuchte er, Kataoka von den dramatischen Ereignissen auf diplomatische Weise in Kenntnis zu setzten, damit die Familie und alle Gefolgsleute des Fürsten Asano auf diskrete Weise erfahren konnten, was sich zugetragen hatte.

 

"Euer Herr ist bei Fürst Tamura. Ich empfehle Euch, sofort dorthin zu gehen."

"Stimmt etwas nicht?", fragte Kataoka beunruhigt.

"Es hat sich ein Unfall ereignet. Fürst Kira und Euer Herr sind daran beteiligt."

Es entstand eine kurze Pause. Kataoka verarbeitete, was ihm da mitgeteilt wurde. Als er die Andeutungen verstand, schien ihm das Herz in die Magengrube sinken zu wollen und sein Mund wurde trocken.

"Man muss die Sänfte hier also nicht mehr bereithalten?", stammelte er.

Fürst Date schüttelte verneinend den Kopf. Dann wartete er einen Moment lang, um festzustellen, ob Kataoka fähig war, etwas Sinnvolles zu tun, bevor er sich anschickte, den Palastbezirk zu verlassen. Das war das Mindeste und zugleich auch das Äußerste, was er für einen anderen Daimyô tun konnte.

Mit einer knappen Verbeugung brachte Kataoka seinen Dank zum Ausdruck und machte sich auf.

Er wagte nicht, gegen das Laufschrittverbot, das innerhalb der Schlosshöfe Geltung hatte, zu verstoßen. Dennoch war er im Nu an der Sänfte des Fürsten Asano. Obwohl seine Gedanken wild durcheinanderwirbelten, verfasste er eine kurze Nachricht für die Träger, die sie Hara überbringen sollten. Die Männer stammten aus Akô, daher konnte er ihnen vertrauen. Da sie jedoch von niederem Rang waren, mussten sie nicht unbedingt in alle Einzelheiten eingeweiht werden. Er teilte ihrem Anführer daher nur mit, dass Fürst Asano beschlossen habe, den Fürsten Tamura zu besuchen, und dass er sich bereits zu dessen Anwesen begeben habe. Die Sänfte werde daher ins Quartier zurückgeschickt. Hara aber solle mit ihm, Kataoka, unverzüglich bei Tamura zusammentreffen.

 

Nachdem er seine Anweisungen gegeben hatte, begleitete er die Sänfte rasch aus den Burghöfen hinaus, zurück über die Grabenbrücke und hinein in die Straßen der Stadt. Jetzt konnte er so schnell laufen, wie es ihm beliebte, und er rannte durch das Gedränge der Massen, als würde er von tausend Teufeln verfolgt. Seine Gedanken brüllten und lärmten. Wie konnte so etwas geschehen, fragte er sich immer wieder, wie konnte so etwas seinem geliebten Herrn zustoßen?

 

In Tamuras Anwesen wurde der Fürst Asano höflich behandelt. Sein Bewacher borgte ihm eine schlichte Robe, die er zu seiner Erleichterung gegen seine aberwitzig unpassenden Zeremonienhosen und den Kamishimo austauschen konnte. Niemand in seiner nächsten Umgebung versuchte, mit ihm zu reden, denn es bestand eine verständliche Unsicherheit über seinen Status. Er wurde in einen kleinen Vorraum mit weißen Wänden gebracht. Dort überließ man ihm Papier, Tusche und Pinsel, damit er eine Nachricht an seine Frau verfassen konnte.

Nur mit Mühe gelang es dem Fürsten Asano in dieser Situation, seine Gedanken zu sammeln. Dennoch brachte er eine kurze Zusammenfassung der Geschehnisse zu Papier. Dabei hob er hervor, wie unausweichlich sein Konflikt mit Kira gewesen sei.

Er wurde durch die Ankunft eines Sittenrichters aus Edo unterbrochen, der sich in Begleitung von zwei Gehilfen befand. Als offizielle Bevollmächtigte der Shôgunatsregierung überbrachten sie das Urteil, und Fürst Asano konnte hören, wie sie es dem Fürsten Tamura im Nebenraum zuflüsterten. Der bestürzten Reaktion des Fürsten konnte er entnehmen, dass das Urteil hart war, und das konnte nur eines bedeuten: Tod! Der Rest des Geflüsters bedeutete ihm wenig:

"Berater stehen dagegen... Tsunayoshi unerbittlich... sein eigener oberster Berater war einige Jahre zuvor bei einem ähnlichen Vorfall niedergestreckt worden... ein Exempel muss statuiert werden..."

 

Fürst Tamura betrat daraufhin mit allen Zeichen des Respekts den Raum, der nun dem Fürsten Asano zum Gefängnis geworden war, und verneigte sich tief.

"Unser gnädiger Shôgun hat verfügt, dass Eure Hinrichtung schnell vonstatten gehen soll. Ihr solltet ihm dafür dankbar sein. Mit Rücksicht auf Euren Rang wird Euch ein ehrenhafter Tod zugestanden", sagte er.

 

Fürst Asano blieb vollkommen ruhig, und Tamura betrachtete diese stoische Akzeptanz des harten Urteils mit Anerkennung. Dann fügte er den letzten Satz des Urteils hinzu:

"Alles Eigentum, das Eurem Namen untersteht, wird konfisziert und bleibt bis auf weiteres dem Schutz des Shôguns unterstellt."

Dem Fürsten Asano erschien es, als sei sein Inneres vom Heulen der Hunde erfüllt. Er empfand das gleiche hilflose Versinken, das er aus seinem Traum kannte. Er starrte auf die blanke weiße Wand vor sich, bis sich Fürst Tamura schließlich verneigte und zurückzog. Nach einer Weile beugte er sich vor, um seinen Brief fortzusetzen. Noch ehe er ihn beendet hatte, kam der Fürst Tamura mit dem Sittenrichter und seinen Gehilfen zurück. Sie warteten, bis er seine Nachricht zu Ende gebracht hatte. Als dann der Brief getrocknet und versiegelt war, trat der Richter vor und wollte ihm aufhelfen. Aber Fürst Asano schüttelte seinen Arm mit Würde und Autorität ab und erhob sich ohne fremde Hilfe.

 

In dem Augenblick, als er vom Fürsten Tamura und den andern in den Garten geleitet wurde, erhob sich am Eingang des Anwesens Tumult. Kataoka war eingetroffen. Er forderte atemlos die Erlaubnis, seinen Herrn sehen zu dürfen. Fürst Tamura beriet sich kurz mit dem Richter. Die Erlaubnis wurde erteilt, sie hielten sich aber, als Kataoka herzutrat, dicht bei den beiden, denn sie wollten die Angelegenheit schnell und reibungslos zu Ende bringen. Kataoka zögerte in Gegenwart der anderen, doch konnte er seine Gefühle nicht beherrschen. Innig bat er seinen Herrn um Verzeihung dafür, dass er die schrecklichen Ereignisse im Schloss nicht einmal geahnt hatte.

Fürst Asano hob die Hand.

"Ich bin glücklich, dich zu sehen, Gengoemon", sagte er, wobei er ihn bei seinem Vornamen nannte.

"Du bringst mir das erste freundliche Gesicht, das ich seit heute Morgen gesehen habe."

Kataoka fühlte, wie sich Tränen in seinen Augen sammelten, doch Fürst Asano gab vor, es nicht zu bemerken. Er übergab seinem Gefolgsmann die Nachricht, die er verfasst hatte.

"Dies ist mein Lebewohl an die anderen. Bitte überbringe es meiner... meiner Frau."

Er hielt für einen Moment inne, und sein Blick schien in weite Fernen zu schweifen.

"Sag allen..., sag ihnen..., Ôishi wird wissen, was zu tun ist."

 

Im Garten hatte man vor der vollzählig versammelten Samurai-Gefolgschaft des Fürsten Tamura drei Matten auf den Boden gelegt und mit einer weißen Decke bespannt. Da der frühe Abend bereits herangerückt war und die Dämmerung heraufzog, leuchteten Papierlaternen an den Ecken der rasch improvisierten Tribüne. Fürst Asano wurde angewiesen, sich in der Mitte der Decke vor einem kleinen Schemel niederzulassen, auf welchem ein Dolch mit einer neun Zoll langen Klinge lag.

Fürst Asano hob ihn auf, betrachtete ihn mit gesammelter Aufmerksamkeit und bemerkte, dass es ein Erbstück der Tamurafamilie war. Er schenkte daher dem Fürsten Tamura ein kurzes, anerkennendes Lächeln und nahm reglos die Verkündung des Urteils hin, die durch den Richter feierlich in den umständlichen Formulierungen des Hofjargons erfolgte. In Asanos Herzen heulten Hunde, erbarmungslos und traurig zugleich. Schließlich, irgendwann, der Fürst fühlte es mehr, als er es hörte, hatte das Verlesen ein Ende gefunden. Er wusste, was man nun von ihm erwartete. Er hatte Vertrauen in seine Befähigung, das Unvermeidliche mit der nötigen Würde zu vollziehen. Zumindest was diesen Augenblick anbetraf, würde niemand von ihm sagen können, er habe seinen Platz nicht gekannt.

 

Fürst Asano von Akô fasste den Dolch mit beiden Händen und sprach leise ein kurzes Gebet. Dann führte er die Spitze der Klinge sorgfältig, fast bedächtig an die linke Seite seines Unterbauchs. Mit einer kurzen, nachdrücklichen Bewegung senkte er sie tief in seinen Leib und führte sie in einem fast waagerecht verlaufenden Schnitt zur rechten Seite. Schließlich, nach schier endlos erscheinender Zeit, trat einer der Gehilfen des Sittenrichters vor, um den Sterbenden mit einem einzigen kraftvollen Streich seines Langschwertes zu enthaupteten. Jäh verstummten alle Geräusche.

 

 

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