Die Geschichte der 47 Rônin. Kapitel 3 (Teil 1)

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Was bisher geschah

Fürst Asano von Ako ist einer Intrige am Hofe des Shôgunds in Edo zum Opfer gefallen. Er wurde von seinem Widersacher, einem Fürsten Kira, unerträglich beleidigt. Dies veranlaßte Asano sein Schwert zu ziehen und Kira niederzuschlagen. Doch darin lag ein Verstoß gegen die Etikette des Hofes, die er mit dem Leben bezahlen muß.  Er wird binnen weniger Stunden dazu verurteilt, Seppuku zu begehen. Diesem Urteil muß er sich noch am selben Tage beugen. Nun erfahren seine Gefolgsleute nach und nach von diesen ungeheuerlichen Vorgängen....

 

"Warum seid Ihr hier und nicht bei unserem Herrn?"

Ôishi reagierte auf den schmutzigen, schweißgebadeten Hara, der mitten in der Nacht zu ihm gebracht wurde, mit einer Mischung aus Wut und Scham. In seinem gegenwärtigen Zustand war der alte Krieger eine Schande für die ganze Kaste der Samurais. Ôishi schämte sich stellvertretend für seinen Herrn, den Fürsten Asano, der, wie er wusste, dasselbe empfunden haben würde, wenn er einen seiner Männer in einem solchen Zustand zu Gesicht bekommen hätte. Nachdem sich der Diener, der Hara hereingeleitet hatte, zurückgezogen hatte, stieß dieser in einem ersten ungestümen Ausbruch seine Unglücksbotschaft hervor.

"Unser Herr ist tot", stöhnte Hara, "und die Burg wird konfisziert werden!"

 

Augenblicklich verloren alle Äußerlichkeiten für Ôishi jede Bedeutung. Ôishi hatte das Gefühl, als sei ihm Wasser in die Ohren gedrungen. Er war gelähmt, sprachlos. Er wünschte, dass er eigentlich noch schlafe und gerade den schrecklichsten aller nur vorstellbaren Träume durchlebe. Er wollte Hara anschreien, damit er nicht weiterrede, doch er bezwang sich und hörte zu, so unglaublich ihm auch schien, was dieser zu berichteten hatte. Fürst Asano war ihm wie ein Bruder gewesen, der Gedanke an seinen Tod, sein Verlust war ihm unerträglich.

 

Hara kniete auf dem Boden des Vorzimmers und stieß seinen Bericht hervor, während er in seiner Erregung und Seelennot seinen Kopf abwechselnd auf- und niederwarf. Mimura, der ihn begleitet hatte, saß indessen unter Tränen dabei und bestätigte alles.

"Kira ist für alles verantwortlich! Kira, der Hofzeremonienmeister, hat unseren Herrn zum Bruch des Burgfriedens provoziert. Unser Herr war gezwungen, sein Schwert zu ziehen und ihn niederzustrecken, obwohl er, wie wir alle, die Strafe dafür kannte, die darauf steht, wenn man im Schloss des Shôguns die Klinge blank zieht."

"Und das Urteil wurde tatsächlich so schnell vollstreckt?", rief Ôishi und schwor bereits den Verantwortlichen einen stillen Racheeid.

"Noch am selben Tag", sagte Hara tonlos. "Sogar noch ehe wir erfahren konnten, was eigentlich geschehen war."

"Was ist mit der Fürstin Asano?", fragte Ôishi besorgt. "Wißt Ihr, was mit ihr geschehen ist?"

"Sie ist fort", sagte Hara mit einem Schluchzen. "Sobald unser Fürst tot war, erschienen die Soldaten des Hofes in unserem Stadthaus und konfiszierten alles. Wir mussten alle das Stadthaus verlassen und die Fürstin wurde ins Haus ihrer Eltern zurückgeschickt. Unter Androhung des Todes ist es ihr untersagt, nach Akô zurückzukehren oder zu versuchen, mit irgendeinem Mitglied der Familie in Kontakt zu treten."

 

Ôishi fühlte einen Stich in seinem Herzen, als er an das Mädchen dachte, das in einem nahegelegenen Zimmer schlief und vertrauensvoll die Rückkehr von Vater und Mutter erwartete. Er war überwältigt vom Ausmaß der Tragödie, die das Haus Asano und all seine Mitglieder so plötzlich ereilt hatte. Er wandte sich an Mimura und bat ihn, den alten Yoshida Chuzaemon zu holen, einen der ältesten Samurais von Akô. Seine Erfahrung würde nun von großem Nutzen sein.

 

"Von wem habt Ihr all das erfahren?", fragte Ôishi Hara, der nun, nach seiner anstrengenden Reise, Anzeichen starker Müdigkeit zeigte.

"Kataoka war dabei, als unser Herr im Hause des Fürsten Tamura Seppuku beging. Immerhin war ihm dieser ehrenvolle Tod zugestanden worden. Die Übrigen von uns kamen zu spät. Die Sänftenträger waren auf den belebten Straßen nur langsam vorangekommen. Sie erreichten unser Stadthaus erst nach geraumer Zeit. Als wir von ihnen schließlich Kataokas Nachricht erhalten hatten, liefen wir zwar sofort zum Anwesen des Fürsten Tamura, aber wir kamen zu spät: alles war bereits vorbei. Nun eilten wir zu unserem Stadthaus zurück, um die Fürstin zu schützen. Doch hier trafen kurz darauf die Streitkräfte des Shôguns mit dem offiziellen Befehl ein. Wir zogen es vor, ihre Anweisungen zu befolgen. Es gab nichts, was wir retten konnten. Die Befehle lauteten: 'Sofortige Konfiskation sämtlichen Eigentums!' und: 'Sofortiger Vollzug!'"

 

"Und auch diese unsere Burg Akô soll konfisziert werden?" "Ja", sagte Hara schwach. "Eine Streitmacht soll demnächst von Edo ausgeschickt werden, um auch hier die Anordnung des Shôguns zu vollstrecken."

"Und was ist mit den Männern, die Ihr in Edo zurückgelassen habt? Sind sie auf ihrem Weg hierher? Wir sollten in einer solchen Zeit zusammenbleiben!"

 

Hara sah zu ihm auf.

 

"Ich habe dem jungen Horibe das Kommando überlassen. Er und die anderen schließen unsere Geschäftsbücher in Edo ab, so wie ich es in Eurem Interesse wähnte. Sie halten auch Ausschau, um zu sehen, wann der Feind, will sagen: die Truppen des Shôguns Edo verlassen."

 

Ôishi sah ihn scharf an. Er verstand wohl, was Hara ihm da gerade gesagt hatte: Er empfahl, die anrückenden Shôgunatstruppen in Akô zu erwarten, um bei der Verteidigung der Burg kämpfend unterzugehen. Hara sah darin eine Möglichkeit, ihre Ehre wiederherzustellen. Ôishi wollte dagegen eine solch schwerwiegende Entscheidung zu diesem Zeitpunkt nicht treffen, und eigentlich überhaupt nicht, solange er nicht alle Hintergründe und Zusammenhänge, die diese Angelegenheit betrafen, überblicken konnte.

 

Sie wurden in ihren Überlegungen durch die Ankunft des alten Yoshida unterbrochen. Dessen sonst so gütiges, abgeklärtes Gesicht, das an das Antlitz eines Buddha erinnerte, lag nun in Sorgenfalten.

 

Sie berichteten ihm, was geschehen war. Yoshida wand sich in seinem Bestreben, seinen Schmerz zu beherrschen und nicht in lautes Wehklagen auszubrechen, buchstäblich am Boden. In seinem ganzen Dasein als Samurai war er niemals einer solchen Bedrückung ausgesetzt gewesen.

 

Selbst Ôishis Magen krampfte sich in Verzweiflung und Mutlosigkeit zusammen, doch er kämpfte gegen seine Gefühle eisern an. Immerhin trug er in dieser Situation die ganze Verantwortung für die Verwaltung des Hauses Asano. Er musste den anderen ein Vorbild sein, kühle Selbstkontrolle beweisen, und er hatte die bestmöglichen Entscheidungen zu treffen.

 

Er wünschte, dass er eigentlich noch schlafe und gerade den schrecklichsten aller nur vorstellbaren Träume durchlebe. Er wollte Hara anschreien, damit er nicht weiterrede, doch er bezwang sich und hörte zu, so unglaublich ihm auch schien, was dieser zu berichteten hatte. Fürst Asano war ihm wie ein Bruder gewesen, der Gedanke an seinen Tod, sein Verlust war ihm unerträglich.

 

Hara kniete auf dem Boden des Vorzimmers und stieß seinen Bericht hervor, während er in seiner Erregung und Seelennot seinen Kopf abwechselnd auf- und niederwarf. Mimura, der ihn begleitet hatte, saß indessen unter Tränen dabei und bestätigte alles.

 

"Kira ist für alles verantwortlich! Kira, der Hofzeremonienmeister, hat unseren Herrn zum Bruch des Burgfriedens provoziert. Unser Herr war gezwungen, sein Schwert zu ziehen und ihn niederzustrecken, obwohl er, wie wir alle, die Strafe dafür kannte, die darauf steht, wenn man im Schloss des Shôguns die Klinge blank zieht."