Grundbegriffe der Kampfkunst (1)

Kleine Philosophie des Karate

In den nächsten Monaten möchte ich hier einige Artikel veröffentlichen, deren Originalfassung ich etwa um das Jahr 2000 geschrieben habe. Sie waren als Beiträge zu einem nicht realisierten Buch gedacht, das den Titel "Kleine Philosophie des Karate" tragen sollte. Zu diesem Vorhaben hatte ich mich nach der Lektüre von "Sword and Brush" von Dave Lowry entschlossen. Ich hatte Lowrys Buch damals begeistert gelesen und sogar damit begonnen, es zu übersetzen. Allerdings stellte sich während des Übersetzungsprozesses heraus, daß ich in vielem mit Lowrys Ansichten nicht übereinstimme. Seine Sichtweise reizten mich teilweise so sehr zum Widerspruch, daß ich schließlich das Buch lieber unter einem anderen Ansatz neu schreiben wollte, als es zu übersetzen. Dieses Projekt habe ich damals jedoch nicht zu Ende gebracht, weil ich zwischenzeitlich mein Buch "Dôjôkun" verfaßt habe.

"Sword and Brush" von Dave Lowry ist dann aber im Jahre 2004 auf deutsch bei schlatt-books unter dem Titel "Pinsel und Schwert" erschienen. Ich habe diese deutsche Fassung, die Hendrik Felber realisiert hat, als Lektor für schlatt-books begleitet. Die Idee, eine eigene "Kleine Philosophie des Karate" in Buchform herauszubringen, hat inzwischen für mich ihren Reiz verloren. Die geschriebenen Kapitel sollen nun aber doch nicht vollends in der Schublade verstauben.

Hier möchte ich daher einen ersten Aufsatz aus meinem Projekt "Kleine Philosophie des Karate" aus den Jahren 2000 (ff) - und zwar das Kapitel "Waza - die Technik" - in seiner 2008 bearbeiteten Version vorstellen:

Waza - Die Technik

Das deutsche Wort "Technik" stammt vom griechischen téchne ab, das für "Kunst" an sich oder für ein gestaltetes "Kunstwerk" steht. Ein Künstler gestaltet durch Technik etwas Natürliches bewußt und wandelt es in etwas - in gewissem Maße - Künstliches um, dem eine höchste Vollkommenheit dann zugebilligt wird, wenn es natürlich erscheint. 

Auch in den Kampfkünsten geht es darum, natürliche Bewegungen technisch zu gestalten, um sie schließlich auf einer subtileren Ebene zur Natürlichkeit zurückzuführen. Die Techniken, um die es im Rahmen der Kampfkünste geht, haben eine körperliche Seite, betreffen taktische und strategische Kampfmethoden, die Anwendung der angemessenen Atmung zu unterschiedlichen Zwecken und das psychophysische Zusammenspiel all dieser Größen.

Obwohl eine Kampfkunst und ihre Technik in der realen Welt zielorientiert eingesetzt werden kann, hat sie zugleich das Potential, Wegkunst im Sinne des "überzeitlichen" Dô zu sein. Indem diejenigen, die eine solche Kunst ausüben, bestimmte ethische Grundeinstellungen und eine besonders hierauf gerichtete Haltung hinsichtlich ihrer Kunst anstreben, verwandeln sie ihre Kampfkunst in eine Wegkunst. [1] Im Idealfall verfolgen Kampfkunstanhänger nicht nur die Vervollkommnung ihrer Kunstfertigkeit, sondern suchen in ihrer gesamten Lebensgestaltung jene spielerisch erscheinende Leichtigkeit zu verwirklichen, die sich aus der Anpassung an die Gesetzmäßigkeiten des "überzeitlichen" WEGes ergibt.

Um zu einem Verständnis der Bedeutung von Technik in der Kampfkunst zu gelangen, sollte man sie auf mehreren Ebenen betrachten. Auf einer ersten, äußeren Ebene ist die körperliche Technik das Herzstück der Übung. Ihr gilt die gesamte Bemühung des Anfängers. Vom "überzeitlichen" WEG, dessen Auswirkung zwar allgegenwärtig, dessen wesentliche Eigenschaft aber die Nicht-Benennbarkeit, die Unbeschreibbarkeit ist, [2] wird der Übende anfänglich kaum etwas bemerken. Seine Übung und sein Bewußtsein bleiben in der Welt der konkreten Technik gefangen; er denkt nur ans Hauen und Stechen. Auf dieser Ebene übt sich, wer eine Kampfkunst nur um irgendwelcher konkreter Zwecke willen erlernen und ausüben möchte, sei es zur Selbstverteidigung, als Polizist oder Soldat, als Wettkämpfer oder Filmschauspieler. Die technische Ebene muß ein Übender vollständig mit Wissen und Wollen durchdringen, um sich so das "Handwerk" einer Kunst umfassend anzueignen. Erst danach kann er die Techniken für seinen angestrebten Zweck frei einsetzen. Dieser Akt der bewußten Aneignung der Kunst ist für ihre Anwendung zu einem beliebigen Zweck unerläßlich, denn nur derjenige, der wirklich weiß, was er tut, kann tatsächlich machen, was er will. [3] 

Wer Kampfkunst als WEGkunst betreiben will, muß dieses vollständige Aneignen zum Abschluß gebracht haben. Sein Ziel liegt von da an nicht mehr in vordergründigen Zwecken wie der Selbstverteidigung oder dem Wettkampf, ja nicht einmal mehr in der äußeren Perfektion von Technik, die nach gewöhnlichem Verständnis bereits gemeistert ist. Das Übungsziel im Bereich der WEGkunst liegt vielmehr in der Rückkehr zur vollständigen Natürlichkeit der Handlung, zur Natur selbst, obwohl eine Kunstfertigkeit, also etwas "Künstliches" ausgeübt wird.

Auf dieser Ebene, jenseits der Zwecke, ist die Technik mühelos und erscheint allen wechselnden Situationen angemessen. Sie realisiert sich, frei von Erwägung und Analyse im rechten Augenblick und auf die rechte Weise. Sie steht keinem außerhalb ihrer selbst liegenden Zweck oder Ziel zur Verfügung. Das Leben, die Technik und alle Handlungen offenbaren sich im Einklang mit den Gesetzmäßigkeiten des "überzeitlichen" WEGes. Die Technik wird, vom Standpunkt des Bewußtseins aus betrachtet, zu einer unbewußten. Dies wird in Asien als "Nicht-Technik" bezeichnet.  Die konkrete Technik nähert sich ihrem Ideal.

Im wörtlichen Sinne ist eine solche Technik zwecklos, weil sie vom Bewußtsein, das normalerweise die Zwecke setzt, unabhängig ist. Aus diesem Grund wird sie auch als "leer" bezeichnet. Sie ist stark und unaufhaltsam, natürlich wie wehender Wind und strömendes Wasser. Sie kann mit Säuglingsgeschrei verglichen werden, das Laotse als Beispiel anführt, um Handlungsweisen im Einklang mit den Gesetzmäßigkeiten des überzeitlichen Weges zu beschreiben.[4] Stundenlang, heißt es im Tao Te King, schreit ein Kind, ohne heiser zu werden: nicht durch Angst und Zweifel behindert, nicht durch Wissen gehemmt, erweist sich ein vollkommener Leib im Einklang mit der Gesetzmäßigkeit des WEGes. [5]

Da es aber Erwachsenen nicht ohne Weiteres gegeben ist, im oben genannten Sinne einfach und unbefangen wie Kinder zu handeln, müssen sie oft lange Zeit danach streben, die Einzelheiten einer solchen natürlichen Technik "wieder" zu erlernen. Sie müssen es lernen, der unscheinbarsten Technik ungebrochene Aufmerksamkeit und Achtsamkeit zuzuwenden; in meditativer Wachheit, mit Konsequenz und Gelöstheit schmieden sie jede Technik auch dann noch, wenn sie sie bereits gemeistert haben. Dieser Prozeß weist seinerseits den Charakter eines "Weges der Technik" auf, der sich in den größeren Zusammenhang des "überzeitlichen" Dô einfügt.

Ein in diesem Sinne wahrhaft Übender wird ohne Resignation erkennen, daß die Technik auch durch seine dauerhafte Bemühung niemals vollständig zu erfassen ist. Größere Fertigkeit eröffnet tieferen Einblick, dieser bedingt neue Fragestellungen, läßt neue Übungsdetails erkennen, die es zu meistern gilt. Beständiges Üben ist lediglich geeignet, um sich einer Technik, die den Prinzipien des "überzeitlichen" WEGes entspricht, asymptotisch anzunähern. Diese Spur geduldig zu verfolgen, ist das einzige, was WEGschülern wie Meistern zu tun verbleibt: in dieser Welt werden sie das vollständige Ideal niemals verwirklichen. Daher mahnt Funakoshi Gichin, Karate ? und damit seine Technik ? wie warmes Wasser zu behandeln, das abkühlt, wenn ihm nicht beständig neue Wärme zugeführt wird.[6] Mabuni Kenwa äußert sich über die Technik noch deutlicher. Nüchtern bemerkt er: "Die Technik ist unerschöpflich. Der Hochmut ist nicht erwünscht."[7] 

[1] Beispiele für diese Haltung finden sich im Tao Te King, vergl. [TTK Jerven, S. 44 (XXXVI), S. 66 (LV), S. 67 (LVI) und S. 79 (LXVIII)], aber auch noch weitaus öfter.
[2] Die Unbeschreibbarkeit des Weges wird im Tao Te King oft besungen. Einige Beispiele findet man etwa in [TTK Jerven, S. 9 (I), S. 33 (XXV),  S. 52 (XXXXI)] und öfter. Besonders auch [TTK Jerven, S. 22 (XIV)]: "Wir schauen es, doch sehen es nicht. Es ist unsichtbar?".
[3] Diese Bemerkung soll auf  Moshe Feldenkrais zurückgehen, der mit Bezug auf Körperbewegungen gesagt haben soll: "Du kannst nicht machen, was Du willst, solange Du nicht weißt, was Du tust."
[4] [TTK Jerven, S. 66 (LV)].
[5] [TTK Jerven,a.a.O.]. 
[6] Vergl. [Bittmann, Karatedô, S.130, Nr.11].
[7] Mabuni Kenwa, Begründer des Shito-Ryû Stils. Das Zitat ist [Bittmann, Karatedô, S. 179] entnommen.