Die Geschichte der 47 Rônin. Kapitel 3 (Teil 2)

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Was bisher geschah

Fürst Asano von Ako, der einer Intrige am Hofe des Shôgunds in Edo zum Opfer gefallen ist, wurde dazu verurteilt, Seppuku zu begehen und mußte dem Urteil noch am selben Tage Folge leisten. Hara, einer seiner Gefolgsleute, machte sich unverzüglich nach Bekanntwerden dieser Schreckensnachricht zur Burg Ako auf, um dem Obersten der Gefolgsleute der Ako-Samurais, Ôishi, darüber Bericht zu erstatten. Abgehetzt tifft Hara in der Burg Ako ein. So erfährt man nun auch in der Stammburg von den  Vorfällen und versucht, sich auf die Situation einzustellen....

 

 

"Und das Urteil wurde tatsächlich so schnell vollstreckt?", rief Ôishi und schwor bereits den Verantwortlichen einen stillen Racheeid.

"Noch am selben Tag", sagte Hara tonlos. "Sogar noch ehe wir erfahren konnten, was eigentlich geschehen war."

"Was ist mit der Fürstin Asano?", fragte Ôishi besorgt. "Wißt Ihr, was mit ihr geschehen ist?"

"Sie ist fort", sagte Hara mit einem Schluchzen. "Sobald unser Fürst tot war, erschienen die Soldaten des Hofes in unserem Stadthaus und konfiszierten alles. Wir mussten alle das Stadthaus verlassen und die Fürstin wurde ins Haus ihrer Eltern zurückgeschickt. Unter Androhung des Todes ist es ihr untersagt, nach Akô zurückzukehren oder zu versuchen, mit irgendeinem Mitglied der Familie in Kontakt zu treten."

 

Ôishi fühlte einen Stich in seinem Herzen, als er an das Mädchen dachte, das in einem nahegelegenen Zimmer schlief und vertrauensvoll die Rückkehr von Vater und Mutter erwartete. Er war überwältigt vom Ausmaß der Tragödie, die das Haus Asano und all seine Mitglieder so plötzlich ereilt hatte. Er wandte sich an Mimura und bat ihn, den alten Yoshida Chuzaemon zu holen, einen der ältesten Samurais.

Als das Holzkohlefeuer im Hibachi gebracht wurde, befahl Ôishi, es neben Yoshida zu stellen. Dieser saß nun still an seinem Platz, doch noch immer strömten Tränen über seine Wangen. Ôishi und Hara rückten nahe an ihn heran, um ihn zu wärmen, während Mimura seine langen Beine verschränkte und sich neben der Tür postierte, um darauf zu achten, dass man sie nicht belauschte.

"Vielleicht sollten wir Ono rufen", schlug Yoshida unsicher vor.

Als Schatzmeister des Klans hatte Ono einen wichtigen Einfluss auf alle finanziellen Angelegenheiten.

Ôishi glaubte jedoch nicht, dass sein Rat momentan von großem Nutzen sei. Ono könnte geneigt sein, den Wert von Recht und Ehre unter den der Finanzen zu stellen, und Ôishi hielt es nicht für angebracht, sich in dieser Situation über Grundsatzfragen auseinander zu setzen. "Diese Angelegenheit betrifft Ono nicht", sagte er an Yoshida gewandt. "Wir können selbst entscheiden, was getan werden muss."

 

Ôishi schaute zu Hara hinüber. Dieser nickte zustimmend. Er beurteilte die Kompetenz Onos in dieser Angelegenheit nicht anders.

 

Für eine Weile trat Stille ein. Jeder hing seinen eigenen Gedanken nach. Um das bittere Gefühl zu dämpfen, das der Gedanke an den Tod seines Herrn in ihm hervorrief, versetzte Ôishi sich in seiner Erinnerung in eine ferne Vergangenheit zurück. Er dachte an die Zeiten, zu denen er als junger Samurai in den Pflichten seines Standes unterwiesen worden war. Seine Lektionen hatte er in eben diesem selben Zimmer erhalten, in dem sie nun saßen. Auch nach all den Jahren hatte er noch die Warnungen des alten Yamaga Soko im Ohr, der einst prophezeit hatte, dass man dekadenten Zeiten entgegengehe. Die strikte Beachtung der konfuzianischen Lehren würde, so hatte er immer gesagt, durch die Prediger des "neuen Konfuzianismus" untergraben werden, sie würden die Moral des Hofes zersetzen.

Wegen seiner konservativen Ansichten war Yamaga aufs Land verbannt worden. Offiziell hatte es geheißen, er könne mit seiner Zeit nicht Schritt halten. Unter den Samurais von Akô, die den verweichlichenden Einflüssen des Hofes nie ausgesetzt gewesen waren, fand er damals begeisterte Zuhörer. Ôishi hörte über die Zeiten hinweg Yamagas Verdammung des Hofes von Edo, als ob sie gerade in diesem Augenblick gesprochen würde: "...die Preisgabe des Edlen zugunsten des Eleganten..." Klang dies jetzt nicht wie eine Prophezeiung von Fürst Asanos Tod?