Grundbegriffe der Kampfkunst (2)

Kleine Philosophie des Karate

In den nächsten Monaten möchte ich hier einige Artikel veröffentlichen, deren Originalfassung ich etwa um das Jahr 2000 geschrieben habe. Sie waren als Beiträge zu einem Buch gedacht, das den Titel "Kleine Philosophie des Karate" tragen sollte. Zu diesem Vorhaben hatte ich mich nach der Lektüre von "Sword and Brush" von Dave Lowry entschlossen. Ich hatte Lowrys Buch damals begeistert gelesen und sogar damit begonnen, es zu übersetzen. Allerdings stellte sich während des Übersetzungsprozesses heraus, daß ich in vielem mit Lowrys Ansichten nicht übereinstimme. Seine Sichtweise reizten mich teilweise so sehr zum Widerspruch, daß ich schließlich das Buch lieber unter einem anderen Ansatz neu schreiben wollte, als es zu übersetzen. Dieses Projekt habe ich damals jedoch nicht zu Ende gebracht, weil ich zwischenzeitlich mein Buch "Dôjôkun" verfaßt habe. 

 

"Sword and Brush" von Dave Lowry ist dann aber im Jahre 2004 auf deutsch bei schlatt-books unter dem Titel "Pinsel und Schwert" erschienen. Ich habe diese deutsche Fassung, die Hendrik Felber realisiert hat, als Lektor für schlatt-books begleitet. Die Idee, eine eigene "Kleine Philosophie des Karate" in Buchform herauszubringen, hat inzwischen für mich ihren Reiz verloren. Die bereits fertiggestellten Kapitel sollen nun aber doch nicht vollends in der Schublade verstauben.

 

Hier möchte ich daher einige Aufsätze aus meinem Projekt "Kleine Philosophie des Karate" aus den Jahren 2000 (ff)  in einer 2008 bearbeiteten Version vorstellen, heute das Kapitel "Te - die Hand".

 

Te - Die Hand

Im chinesischen Kulturraum sind mehrere Zeichen im Gebrauch, um die Hand in ihren unterschiedlichen Funktionen in der Schrift abzubilden. [1] Das shu oder te, Bestandteil des japanischen Wortes karate, ist eines von ihnen. Wird es mit anderen Schriftzeichen zusammengefügt, kann es vielfältige Handlungen und Tätigkeiten ausdrücken, was sich daraus ergibt, daß die Hand das eigentliche Organ und Instrument zur Gestaltung der Welt ist. Daher dient das Zeichen auch im übertragenen Sinne zur Bezeichnung menschlicher Aktivität und Macht [2] und wird unter anderem als Sinnbild für das Tun an sich aufgefaßt.

 

Sowohl die offene Hand als auch die Faust können im fernen Osten als Wahrzeichen für waffenlose Kampfkunst gelten. Aus diesem Grunde wurde das ursprüngliche okinawanische Karate früher schlicht te genannt. [3] Manchmal sprach man auch von Okinawa-te, der "okinawanischen Hand", oder tô-de (tô-te) [4], der "chinesischen Hand", wenn die festländischen Einflüsse in der einheimischen Kampfkunst betont werden sollten. Aus dem Chinesischen wurde auch der Ausdruck kenpo oder kempo [5] übernommen, der "Faustmethode", also ganz einfach "Boxen" bedeutet.

 

Te, die Hand, hat im Wort Karate eine doppelte Bedeutung. Die erste, offensichtliche, ergibt sich, wenn man den Begriff Karate-Dô mit "Weg der Leeren Hand" übersetzt und dies als Hinweis auf die leeren, waffenlosen Hände versteht, die zwar ein wichtiges Merkmal des Karate, aber doch letztlich auch für diese Kampfkunst nicht typischer sind, als für manch andere.

 

Der weitergehende Sinn des te erschließt sich, wenn man seine Stellung innerhalb des Wortes Karate-Dô näher beleuchtet. Das te erscheint inmitten der Zeichen kara (Leere, Leerheit) und (Weg, Methode). Es steht damit gewissermaßen unter dem Aspekt von Leere und Weg.

 

Soweit nun die Hand Metapher für menschliches Handeln ist, läßt sich der Begriff Karate-Dô daher auch als "Handlungsweise aus der Leere" oder "Handlungsweise in Übereinstimmung mit dem Weg" übersetzen. Die "leere Hand" des Karate ist deshalb sowohl als "waffenlose Methode" als auch als "Handeln aus der Leere in Übereinstimmung mit dem überzeitlichen Weg" zu verstehen. Karate-Dô umfaßt beides. Das Ziel dieser Kunst liegt deshalb darin, Sieg und Niederlage nicht zu beachten und mit leerer Hand den Weg der Herzensbildung zu suchen.

 

 

 

[1] Siehe [Wang, Vom Ursprung, S. 17, Nr. 1.3.1]. Unter der Rubrik "Hände", wird das moderne Zeichen aus einem früheren abgeleitet, das als fünf Finger der Hand gedeutet wird. Dagegen geht [Wiegers, Chinese Charakters, L. 48 A ] davon aus, daß das Zeichen ursprünglich die Linien der Handflächen abbildet. Einen Überblick über sechs Schriftzeichen, die die menschliche Hand repräsentieren, gibt [Wiegers a.a. O in L. 43]: rechte und linke Hand im Profil, die linke Hand als Handfläche, die rechte Hand nach unten zeigend, beide Hände erhoben oder herabhängend, sowie jeweils mehrere Varianten davon, die [Wiegers a.a.O.] in anderen Zusammenhängen aufführt.   

[2] [Becker, Lexikon, S. 121].

[3] Chôjun Miyagi in: [Bittmann, Karatedô, S. 157 und S. 233].

[4] In Wortverbindungen wird die Aussprache eines harten Konsonanten erweicht. Im Wort tô-te wurde das "-te" so zu "de". Die Zeichen, die man zum Schreiben des Wortes "tôde" mit der Bedeutung "chinesische Hand" verwendet, können auch (um die Verwirrung komplett zu machen) "kara-te"ausgesprochen werden. Vergl. [Bittmann, Karatedô, S. 44 und FN 201 mit weiterem Nachweis]. Die von Werner Lind in [Lind, KKL, S. 869 und S. 897] vertretene Auffassung, daß das "te" in Okinawa  (und China) generell "Technik", in Japan aber "Hand" bedeute, (siehe Stichwörter "Tôde" und Tôte"), wird von ihm nicht belegt und ist nicht nachzuvollziehen.

[5] [Bittmann, Karatedô, S. 315].