Mehrheitsentscheidungen und Machtkämpfe.

Ein Beispiel, wie im Karate Stilrichtungen entstehen.


Im Karate gibt es viele Stile, Untergruppen und Abspaltungen. In einem Interview, das Jose Fraguas mit dem Shitô-ryû Meister Minobu Miki geführt hat, erläutert dieser die skurrile Abspaltungsgeschichte innerhalb der Shitô-ryû Stile. Mikis Antwort ist hier in einer von mir bearbeiteten Form wiedergegeben. Die etwas weniger bearbeitete Version seiner Antwort wird man im Rahmen des gesamten Interviews (und vieler weiterer Interviews mit anderen Karate-Meistern des 20.Jh.) demnächst bei schlatt-books in der deutschen Version von Fraguas' Buch "Karate-Masters" nachlesen können.

 

Minobu Miki wurde gefragt, worin die wirklich bedeutsamen Unterschiede zwischen Shitô-kai, Itosu-kai, Tani-ha, Hayashi-ha und Shitô-ryû lägen. Er antwortete:

 

Nachdem der Gründer des Shitô-ryû, Mabuni Kenwa, verstorben war, gründeten Absolventen der Toyo-Universität in Tôkyô das Shitô-kai. Die Gruppe wurde von Mabuni Kenei und Manzo Iwata geleitet. Innerhalb ihrer Organisation bestand von Anfang an ein ganz spezielles Problem.

 

Während die Ausbilder der Region Ôsaka ihr Shitô-Karate direkt vom Stilgründer Mabuni Kenwa gelernt hatten,  haben es die Ausbilder der Region Tôkyô hauptsächlich an der Toyo-Universität von Mabuni Kenei und Manzo Iwata und damit aus zweiter Hand gelernt. Die Gruppen aus der Region Tôkyô beziehungsweise aus der Region Ôsaka unterschieden sich deshalb in technischer Hinsicht voneinander und übten sogar unterschiedliche Varianten von katas.

 

Nach vielen Treffen haben sich beide Gruppierungen zu einer Übereinkunft bereit gefunden und gemeinsam einige Videofilme produziert. Ihre zuvor unterschiedlichen Lehrpläne hatten sie durch einen Mehrheitsbeschluss ihrer älteren Mitglieder aneinander angeglichen. 

 

Man hat hier also auf der Grundlage eines Mehrheitsbeschlusses neue Terminologien und Bewegungen geschaffen. Man hat sich sogar auf Änderungen in den katas geeinigt, obwohl man sich (in bestimmten Fällen) im Widerspruch zu den vom Gründer des Shitô-ryû geschaffen Original-Versionen wußte, die ja noch bekannt waren. Aber die ostjapanische Gruppe aus der Region Tôkyô hatte mehr Stimmen als die westjapanische Gruppe aus der Region Ôsaka, die ja eigentlich die Basis des traditionellen Shitô-ryû in der ursprünglichen Nachfolge von Mabuni Kenwa vertrat. Falls Karate-dô wirklich als budô aufzufassen ist, kann es nicht richtig sein, wenn eine Mehrheit über einen Lehrplan entscheidet. - Im Jahre 1968 wurde dann schließlich auch noch der Name der Organisation in Shitô-kai geändert. Sie arbeitet nun mit der nationalen japanischen Karate-Organisation, der Japan Karate-dô Federation zusammen.

 

Nach dem Tode von Mabuni Kenwa im Jahre 1952 hatte der inzwischen verstorbene Sakagami Ryûsho das Itosu-kai geschaffen. Er erklärte, damit dem letzten Wunsch von Mabuni Kenwa zu entsprechen und behauptete, das Erbe der Tradition Itosus sei über Mabuni Kenwa an ihn übertragen worden. - (Anm.: Itôsu Ankô war der Lehrer von Mabuni Kenwa gewesen.)

 

Aber offensichtlich hat Sakagami in erster Linie seine persönlichen kata-Varianten des Shitô-ryû vertreten. Dadurch hat er eine eigene Itosu-Tradition geschaffen. Da Sakagami der Seniorschüler von Mabuni Kenwa war, beeinflusste seine Methode viele Anhänger des Shitô-ryû, besonders aber die ostjapanischen Karatekas, einschließlich einer ostjapanischen Gruppe des Shitô-kai aus der Richtung, die dem inzwischen ebenfalls verstorbenen Iwata Manzo nahestand. Selbst Shôtôkan-Karatekas sind von Sakagamis Methodologie beeinflusst, was sich darin zeigt, daß auch Shôtôkan-Karatekas viele katas des Shitô-ryû übernommen haben, die sie dann ihrerseits wiederum den Prinzipien ihres eigenen Stils entsprechend abänderten.

 

Das "Tani-ha Shitô-ryû" ist von Chojiro Tani geschaffen worden, eben jenem Tani, der auch den Zweig des Shukokai des Shitô-ryû kreiert hat. Er war bekannt für seine kreativen, neuen Methoden und seine speziellen katas. Bei der Vorführung mancher katas trug er eine Maske und einen Kimono. Der Stil des Shukokai ist sehr eigenwillig, und die meisten Anhänger des Shitô-ryû betrachten ihn nicht als Teil ihres Stils.

 

Kuniba Kosei, der das Seishinkai geschaffen hat, war der Vermieter des gleichnamigen dôjôs gewesen. In diesem dôjô, das ursprünglich ein Filial-dôjô von Mabuni Kenwa im Süden der Stadt Ôsaka gewesen ist, unterrichtete hauptsächlich Tomoyori Kenyu, der seinerseits das Kenyu-ryû gegründet hat.

 

Als Kuniba sein dôjô unabhängig machte, das ja als Shitô-ryû dôjô gelistet war, verweigerten ihm viele der älteren Shitô-ryû Ausbilder die Anerkennung. Kuniba reiste daraufhin nach Okinawa und erhielt von dem berühmten Nagamine Shoshin aus dem Shorin-ryû ein Zertifikat, das die Authentizität seiner Richtung bescheinigte und in dem die Schule von Kuniba als "Motobu-ha Shitô-ryû" bezeichnet wurde.

 

Im Jahre 1970 trennte sich Hayashi Teruo vom oben genannten Seishinkai, um seinem eigenen Verständnis Raum zu schaffen, einer Stilvariante, die heute als "Hayashi-ha Shitô-ryû" bekannt ist.

 

Er schloß sich gemeinsam mit Sakagami der Nippon Karate-dô Rengokai an und lernte viele katas von Sakagamis Itosu-kai. "Hayashi-ha Shitô-ryû" stammt also vom Seishinkai ab. Laut Mabuni Kenzo, dem eigentlichen Erben des Shitô-ryû, ist es jedoch nicht direkt mit dem Shitô-ryû oder Mabuni Kenwa in Verbindung zu bringen.

 

Die meisten der hochrangigen Shitô-ryû Karatekas sagen, es sei der Wunsch von Mabuni Kenwa gewesen, daß Mabuni Kenzo den Stil als Erbe weiterführe und ihm als soke vorstehe. Und in der Tat hat Mabuni Kenzo die Organisation seines Vaters mit dem Namen "Shitô-ryû Nippon Karate-dô kai" übernommen und weitergeführt. Er hat den gesamten Lehrplan seines Vaters geerbt, einschließlich der persönlichen Aufzeichnungen und besonderer katas, die nicht öffentlich waren und hat auf dieser Grundlage den Stil seines Vaters nach dessen Richtlinien und Methodologien fortgesetzt. Das Wichtigste aber ist, dass er nie die katas oder den Lehrplan seines Vaters verändert hat.

 

 

Quelle: "Karate Masters" S. 293, insb. S. 299-302. Distelhausen, Schlatt-books (2008/09)