Die Geschichte der 47 Rônin - Kapitel 3 (Teil 3)

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was bisher geschah...

Der altgediente Samurai Hara war nach dem Bekanntwerden der Katastrophe zum heimatlichen Schloß Akô geeilt. Hier hatte seinem Vorgesetzten Oishi zu nächtlicher Stunde vom Tod des Fürsten Asano brichtet, den der Fürst Kira aufgrund einer von ihm angezettelten Intrige zu verantworten hat. Nun beraten Oishi, Hara und ein betagter Samurai namens Yioshida darüber, wie sich die Ritter vom Klan der Asano-Samurai in der ungewöhnlichen Situation verhalten sollten. Es stünde zu erwarten, hatte Hara berichtet, daß in wenigen Tagen die Truppen des Shoguns die Übergabe der Burg Akô an die Vermögensverwaltung des Shôgûns fordern würden. Sollte man nun von Seiten des Asano-Samurai dieser Forderung kampflos nachkommen oder die Burg verteidigen, um sterbend unterzugehen? Wir belauschen den nächtlichen Kriegsrat....

 

 

Ôishi dachte an die Umstände des Angriffs, den sein Herr auf Kira geführt hatte. Er hatte keinen Zweifel daran, dass er berechtigt gewesen war. Hätte sich die Begegnung doch nur nicht im Schloß, sondern an irgendeinem anderen Ort zugetragen!

 

Es war nicht seine Sache, den Shôgun zu kritisieren, ganz gleich unter welchen Umständen. Doch es stürzte ihn in Verwirrung und Zweifel, wenn er auch nur daran dachte, wie widersprüchlich ihr Regent die Lehren des Buddhismus auslegte. Sicher, der buddhistische Gedanke, dass Gewalt und Grausamkeit abzulehnen seien, fand sich im Kern der Lebensbewahrungsgesetze wieder. Doch hätten diese nicht auch dem Fürsten Asano zugute kommen müssen? Wie war das noch mit der Eitelkeit von Macht und Reichtum, mit der Pflicht zur Enthaltsamkeit, mit der Zurückgezogenheit von allen Schönheiten des Lebens oder dem Gebot zur frommen Meditation? Nein, Tsunayoshi legte sich in der Tat den Buddhismus immer so aus, dass er seinen eigenen Zwecken diente. Die Praxis seiner Lebensführung konnte von jedem kritisiert werden, der mutig genug war, dies zu tun.

 

Ôishi hob seine Augen von den Bildern, die er in den glühenden Kohlen des Hibachi gesehen hatte, und bemerkte, dass der alte Yoshida ihn beobachtete. Ohne Zweifel hatte er über die selben Dinge nachgedacht. Es war nicht nötig, auch nur ein Wort darüber zu verlieren. Yoshida schüttelte sein greises Haupt.

"Wir müssen irgendeinen Plan machen", sagte er verlegen. Ôishi horchte auf. Er hatte auf den Rat des alten Mannes gehofft, doch jetzt wurde ihm klar, dass er von diesem keine Unterstützung erwarten konnte. Niemals zuvor hatte sich in der Geschichte des Klans ein ähnlicher Vorfall ereignet, und Yoshida war nicht in der Lage, damit anders umzugehen, als es der jüngste und unerfahrenste Samurai in der Burg war.

Ôishi wäre für den Rat des Alten dankbar gewesen, doch er erkannte nun, dass er ab sofort in seiner Eigenschaft als Oberster Gefolgsmann alle Entscheidungen allein zu fällen hatte. Er fühlte sich stark genug, diese Verantwortung zu tragen.

Sicherlich war er in der Lage, seine Anordnungen durchzusetzen. Er musste auf seine Umsicht vertrauen und darauf, dass er im Sinne seines verblichenen Herrn das Beste für das Haus Asano tun werde.

 

Hara rieb sich die Hände und änderte rastlos seine Haltung. Er sah in diesem Treffen noch immer einen Kriegsrat, in dem ein Verteidigungsplan für die Burg zu erarbeiten war.

"Sollten wir nicht alle Männer zusammenrufen?", knurrte er. Ôishi zögerte und war froh, dass Yoshida sich räusperte, um damit anzudeuten, dass er antworten wolle.

"Lasst uns bis zum Tagesanbruch warten", sagte der Alte. "Unseren Kriegern steht Außergewöhnliches bevor: Selbst wenn es nur das ist, dass sie erfahren müssen, dass ihr Herr tot ist. Es wird gut sein, wenn wir ihnen zuvor alle Ruhe gönnen, die möglich ist."

"Ich stimme mit Yoshida-Sensei überein", sagte Ôishi.

Respektvoll bezeichnete er den alten Mann als "Lehrer", um seiner Bemerkung mehr Gewicht zu verleihen. "Morgen werden wir alle klarer sehen, dann können wir den Schwierigkeiten mit mehr Gelassenheit begegnen." "Wir sollten beginnen, über unsere Verteidigung nachzudenken", fauchte Hara verbissen und Ôishi, der sich ärgerlich zur Seite drehte, fing einen besorgten Blick Mimuras auf, der dem alten Krieger galt. Mimura schien irgendetwas an Haras Verhalten zu bedrücken, doch Ôishi zögerte, den Diener dazu zu befragen, um ihn nicht in Verlegenheit zu bringen. Stattdessen wandte er sich an Hara.

"Habt Ihr mir wirklich alles berichtet, Hara? Alles, was ich bezüglich dieser tragischen Vorfälle wissen muss? Kira wurde getötet, und unser Herr wurde zum Tode und zum Verlust seines Eigentums verurteilt. Ist das die ganze Geschichte?"

Hara zögerte.

"In einer Hinsicht bestehen Zweifel. Kira wurde in Eile fortgebracht. Er könnte den Anschlag überlebt haben, obwohl das nicht sehr wahrscheinlich ist. Ansonsten habe ich Euch alles gesagt, was ich weiß. Ich verstehe nicht, weshalb Ihr immer noch zögert, die Burg auf ihre Verteidigung vorbereiten zu lassen. Die Truppen des Shôguns können mit jedem Tag eintreffen und wir müssen bereit sein, unser Bestes zu geben."

"Wir werden bereit sein, sorgt Euch nicht. Ich glaube, dass es für uns nun das Beste sein wird, wenn wir versuchen, irgendwie etwas Schlaf zu finden. Ich brauche Zeit zum Nachdenken, bevor ich irgendwelche Entscheidungen treffen kann."

Er stand auf, verneigte sich respektvoll in Richtung des in sich zusammengesunkenen Yoshida und nickte lässiger in Haras Richtung, um ihnen eine gute Nacht zu wünschen.

 

Als er den Raum verließ, folgte ihm Mimura, obwohl dieser keinen offensichtlichen Grund dazu zu haben schien. Ôishi schwieg, bis sie die Tür seines Gemachs erreicht hatten, dann drehte er sich zu dem Jüngeren um.

"Nehm? Er ein Bad und ruh? Er sich ein wenig aus", sagte er. "Morgen steht uns allen ein harter Tag bevor. Ich danke Ihm für alles, was Er getan hat, und weiß, dass Er in seinem Herzen stets um das Wohl des Hauses Asano besorgt ist."

Als er sich gerade zum Gehen anschickte, hielt Mimura ihn zurück, indem er sich unvermittelt auf die Knie warf und bis zum Boden verneigte.

"Ich muss es Euch erzählen", sagte er in rauhem Flüsterton.

"Hara hat mir zwar unter Drohungen Stillschweigen auferlegt, aber ich weiß, dass ich Euch gegenüber dazu verpflichtet bin, jetzt, wo Ihr die ganze Verantwortung zu tragen habt!"

 

Ôishi zog Mimura freundlich an der Schulter seines Mantels in die Höhe, bis sie sich Auge in Auge gegenüberstanden. Der Ältere sagte nichts und wartete, bis der Jüngere seinen stummen inneren Kampf ausgetragen hatte.

"Bevor wir Edo verlassen haben", stieß Mimura schließlich hervor, "suchten wir den jüngeren Bruder unseres Fürsten, den Herrn Daigaku Asano, auf und auch seinen Onkel, den Fürsten Toda, welcher Daimyô von Ogaki ist. Sie behielten, wie nicht anders zu erwarten, angesichts der ganzen Angelegenheit die Fassung, und dies, obwohl, wie Ihr wisst, Daigaku ein eher zartbesaiteter junger Mann ist und Fürst Toda doch schon recht alt. Sie wussten bereits alles, was geschehen war. Sie kannten auch den Befehl, dass die Burg Akô an die Repräsentanten des Shôguns zu übergeben sei."

"Und?"

"Sie wiesen Hara an, Euch zu bestellen, dass wir uns in Frieden ergeben sollten, damit die Entehrung, die über die Familie gefallen sei, nicht noch größer werde."

Ôishi ließ von dem Jungen ab und bedeutete ihm, dass er gehen könne. Mimura eilte den Korridor hinunter und betete, das Richtige getan zu haben. Hara könnte ihn töten, wenn er herausfand, dass er seine Anweisung übertreten hatte.