Gewalt in der Gesellschaft - Traditionelle Kampfkunst und realistische Selbstverteidigung

Straßenkampf und Budô

In diesem Monat führt das interessante Link zu einer Seite für "Traditionelle Kampfkunst und realistische Selbstverteidigung".

Diese Seite wird von Matthias Golinski bereitgestellt. Sie gehört zu den interessanten Seiten der deutschsprachigen Kampfkunst-Szene, da sie mehr zu bieten hat als die ewige Wiederholung des Altbekannten, das meist durch den Satz " "Funakoshi, der Vater des modernen Karate..." eingeleitet wird. 

Golinski behandelt geschichtliche Themen und  technische Fragen auf einem inhaltlich guten Niveau, geht auf den Bereich der Selbstverteidigungs- Psychologie ein und läßt "Gäste" aus der gesamten Kampfkunstwelt zu Wort kommen. Mixed Martial Arts und Cross-Training sind Themen auf Golinskis Seite, die "Gäste" sind meist Selbstverteidingungsspezialisten oder Kampfkunsthistoriker wie Geoff Thompson, Ian Abernethy, Patric McCarthy, Graham Noble, Roland Habersetzter, Lee Morrison und viele andere.

Die Themen auf Golinskis Seite für "Traditionelle Kampfkunst und realistische Selbstverteidigung" reichen von Straßenkampf bis Budô, vom Umgang mit der Angst im Ernstfall bis zur Trainingspsychologie. Es wird Interessantes über historische Persönlichkeiten von Motobu Chôki bis Shinken Taira berichtet.

Leider haben sich auf der Seite vor allem in den aus dem Englischen übersetzten Texten etliche Angliszismen erhalten; darüber sollte man aber unbedingt hinwegsehen, denn über den gut recherchierten und durch Quellenangaben belegten Inhalt von Golinskis Seite gibt es keine Zweifel: Sie ist lesenswert!

Pragmatiker und Traditionalisten

Otto von Guericke 1602-1686

Die Seite befaßt sich vor allem mit moderneren Auffassungen zur Selbstverteidigung und ist u.a. auch von Ansichten aus dem Brasilian Ju Jutsu oder dem Wing tsun kuen mitgeprägt. Solche Systeme entsprechen zwar den Realitäten der Straße, ihre modern-pragmatische (selten philosophische) Konzeption steht aber zumindest teilweise im Gegensatz zu den traditionellen, an konfuzianischen Tugenden orientierten Kampfkunst-Auffassungen. Daher werden sie aus dem Lager der Traditionalisten oft kritisch betrachtet und manchmal sogar abwertend kommentiert. 

Wohl deshalb stellt Matthias Golinski, der vor allem am Aspekt "realistischer Selbstverteidigung" interessiert ist, seine Seite unter ein Zitat des deutschen Erfinders Otto von Guericke, das er auf diese Kritik an den moderneren Selbstverteidigungsauffassungen bezieht. Dieser Physiker, der mit seinen "Magdeburger Halbkugeln" auf dem Reichstag in Regensburg 1654 in einem spektakulären Experiment die Existenz und Wirkung des Luftdrucks nachgewiesen hat, vermerkte in seiner 1672 erschienenen Schrift  "Experimenta Nova Magdeburgica, Amstelodami":

"...es kann sich ja ein jeder, der nicht an vorgefaßten Meinungen leidet, sondern sich ohne jede unangebrachte Leidenschaft mit den Versuchen bekannt macht und sie mit der gerechten Waage der Wahrheit wägt durch die dabei erworbene reichere Erfahrung und das vollständigere Wissen von solchen eingewurzelten und nicht recht begriffenen Auffassungen freimachen. Wo nämlich das Zeugnis der Dinge selbst vorliegt, bedarf es keiner Worte; wer aber handgreifliche und sichere Erfahrungstatsachen bestreitet, mit dem soll man nicht streiten oder sich groß in einen Kampf einlassen. Bitte sehr, mag er doch bei seiner Meinung bleiben und wie die Maulwürfe der Finsternis nachjagen."
 

Das interessante Link geht im Juli 2008 also zur Seite tsuru.de . Besonders der zur Zeit neuste Artikel über gesellschaftliche Aspekte der Selbstverteidigung schließt sich sehr gut an unsere Reihe zu "Gewalt in der Gesellschaft" an. Matthias Golinski wirft darin nämlich einen aufschlußreichen "Blick aus dem Fenster" auf die Realitäten der Selbstverteidigung in der heutigen Zeit.

Was "da draußen" zu sehen ist, ist sinnlose Brutalität, Skrupellosigkeit, gefährlichster Waffeneinsatz aus den nichtigstenen Anlässen oder das unvorhersehbare Zusammenrotten gewaltbereiter Personen zum Zwecke spontaner Gewaltausübung, unabhängig von Alter und Geschlecht auf Seiten der Täter wie der Opfer.

Die berichteten Tatsachen sind bedenkenswert und geeignet, von nicht recht begriffenen Auffassungen freizumachen. Das ist für all jene wichtig, die sich mit Selbstverteidigung befassen, denn die wenigsten traditionellen Kampfkünstler kennen sich mit den Realitäten bei Raubüberfällen und Körperverletzungen aus, ganz einfach weil ihnen das Zeugnis der Dinge selbst (eben nicht) vorliegt.

Leider kann der Artikel über die Realitäten der Selbstverteidigung in der modernen Gesellschaft wegen der Konstruktion der tsuru. de - Seite nicht direkt verlinkt werden. Man klickt sich deshalb ganz einfach folgendermaßen durch: Psychologie - der Blick aus dem Fenster. Und schon ist man da.