Was das traditionelle vom modernen Karate unterscheidet

Heute wird viel mit Begriffen wie "modernes" oder "traditionelles" Karate jongliert. Hier soll einmal der Frage auf den Grund gegangen werden, welche Neuerungen und Veränderung die alte Selbstverteidigungs-Kunst Okinawas erfahren hat, als sie Anfang des 20. Jahrhunderts japanisiert und modernisiert worden ist.

Karate wird heute hauptsächlich als eine japanische Kunst betrachtet. Eigentlich stammt es jedoch aus Okinawa. Worin liegen die Unterschiede zwischen dem japanischen und dem okinawanischen Karate? 

Vielfalt und Einfalt: Der Weg in die Orthodoxie

Zunächst einmal muß man feststellen, daß es in Okinawa niemals eine zusammenhängend formulierte  Kunst der Selbstverteidigung gegeben hat, die als in sich geschlossenes, durchstrukturiertes System Bestand gehabt hätte. Jeder Meister unterrichtete nach eigenem Ermessen, was ihm gut dünkte. Und das, was als Kampfkunst oder Selbstverteidigungskunst unter der Bezeichnung "Chinesische Hand " oder tô-de unterrichtet und geübt worden ist, konnte von Lehrer zu Lehrer etwas sehr Unterschiedliches sein. Vor allem aber scheint es ein prägendes Strukturmerkmal der alten Kampfkünste Okinawas gewesen zu sein, daß sie sich von Generation zu Generation verändert haben. Jede Zeit paßte sie ihren Bedürfnissen an. 

In sich geschlossene Karate-Systeme entwickelten selbst auf Okinawa erst in der Zeit nach 1920 unter japanischem Einfluß. Im Verlaufe dieser Systematisierungsprozesse veränderte sich die alte Selbstverteidigungskunst Okinawas in ihren inneren Strukturen von Grund auf. 

So kristallisierten sich unter zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts die heute fast unveränderlich tradierten Karate-Stile (jap.:ryûha) im modernen Sinne heraus. Sie sind vor allem hinsichtlich ihrer technischen Merkmale bis in alle Einzelheiten strikt festgeschrieben. Diese Stilbildung ist darauf zurückzuführen, daß man im generell sehr traditionsbewußten Japan den Wert einer kulturellen Überlieferung am Alter ihres Stammbaums mißt. Eine wahre Kunst zeichnet sich nach japanischem Empfinden dadurch aus, daß sie seit möglichst unvordenklichen Zeiten "lebendig" tradiert wird.

Bevor eine solch respektable Überlieferungsgeschichte einer Kunst angeregt werden kann, muß sie erst einmal in ihren technischen und methodischen Strukturen klar formuliert werden. Indem nun verschiedene Karatelehrer unabhängig voneinander im Rahmen der Anpassung an japanische Vorstellungen eine solche klare Formulierung der von ihnen favorisierten Methoden vollzogen haben, formulierten sie automatisch ihre jeweiligen Stile. Dabei wurde ehemals lebendiges Überlieferungsgut in einem Prozeß der Normierung nach und nach in Regeln gefaßt. Was auf diese Weise zum "Stil" geworden ist, unterlag der zunehmenden Erstarrung und Orthodoxie, die das modernen Karate im allgemeinen prägt. 

Damit ist ein wichtiger Unterschied zwischen dem modernisierten japanischen und dem ursprünglichen okinawanischen Karate skizziert: Japanisches Karate kennt Normierung und Reglementierung, geprägt durch eine orthodoxe Überlieferung in der Tradition von Stilen, während in Okinawa eine quasi freie und mündliche Überlieferung das Bild prägte, welche die Kunst wandelbar, lebendig und entwicklungsfähig hielt. 

Weiße Westen für alle

Im Zuge der Vereinheitlichung wurde auch der genormte weiße dôgi  in Japan ins moderne Karate eingeführt. Kurzerhand hat man dazu auf jenen bekannten Typ des Trainingsanzugs zurückgegriffen, den der Vater des modernen Jûdô, Jigoro Kano, für das Jûdô entworfen hatte. Auch das Gürtelrangsystem, das ebenfalls aus dem Jûdô stammt, ist erst nach 1920 unter japanischem Einfluß ins Karate übernommen worden. Das gesamte kyû - und dan- Graduierungsystem hat sein Vorbild im Kendô und Jûdô.

Etikette

Auch sonst ist vieles, was heute in Bezug auf dôjô-Rituale als "Karate-typisch" empfunden wird, erst neueren und daher meist japanischen Ursprungs. So ist etwa auch die Formulierung der gesamten, heute üblichen dôjô-Etikette japanisch und damit "modern" und keinesfalls ursprünglich okinawanisch. Über die Hintergründe und Bedeutung all dieser nur scheinbar äußerlichen "Neuerungen" - die inzwischen auf ein fast hundertjähriges Bestehen zurückblicken können -  wird an anderer Stelle noch weiter nachzudenken sein. 

Wettkampfkarate: Die perfekte Normierung

Schließlich, und dies ist die folgenschwerste Veränderung, die das Karate unter japanischem Einfluß erfahren hat, kam es in der ersten  Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts zur Schaffung eines regelgebundenen Wettkampfsystems, das dem Konzept des shobu-ippon-shiai aus dem Kendô und Jûdô entspricht. Diese Entwicklung ist vom Wadô-Ryû-Begründer Hironori Otsuka und dem hierzulande weniger bekannten, aber nicht weniger bedeutenden Meister Yasuhiro Konishi angestoßen worden. Diese beiden Wegbereiter des Sport-Karate wollten den Übenden mit der Einführung eines Wettkampf-Systems eine Plattform schaffen, auf der sie sich als Kämpfer in technischer wie geistiger Hinsicht einer Selbstprüfung unterziehen können. 

Die meisten modernen Trainingsabläufe und viele der heute gebräuchlichen technischen Konzepte beruhen auf den Erfordernissen dieser im zwanzigsten Jahrhundert neu geschaffenen regelgebundenen Wettkampfanforderungen. Unter ihrem Einfluß ist ein in bisher nie dagewesener Weise normiertes Karate entstanden, das den Selbstverteidigungssystemen des alten Okinawa so wenig gleicht wie etwa das moderne olympische Sportfechten den Fechtkünsten deutscher Landsknechte aus dem 16. Jahrhundert. 

Karate in Wieslocher Keiko-kan Dôjô

In dieser Randglosse soll dargelegt werden, inwieweit wir im Keiko-kan e.V. Wiesloch in Anbetracht der nebenstehend dargelegten Entwicklung unser Karate eher traditionell oder moden auffassen.

Zunächst stellen wir uns die ernste Frage: Was ist "traditionell"?

In unserer Arbeit im  dôjô in Wiesloch reflektieren wir die Entwicklung, die das Karate seit seiner öffentlichen Verbreitung nach 1878 durchlaufen hat. Aufgrund unserer inzwischen gewonnenen Erkenntnisse bemühen wir uns um ein im eigentlichen Sinne "traditionelles" Shôtôkan mit den Bezügen, die es in seiner früheren Ausgestaltung (zwischen 1922 und 1945) zu seinen okinawanischen Wurzeln (vielleicht teilweise) noch hatte. Dabei sind wir uns der Schwierigkeiten bewußt, die uns durch verbandsseitig auferlegte Grenzen gezogen sind. Deshalb unterziehen wir unsere Trainingsprozesse einem langfristigen, gut durchdachten Wandel, der sich in unserer Trainingspraxis nach und nach bewähren muß.

 Wir rekonstruieren und entwickeln weiter 

Unser Ziel ist jedoch nicht die Rekonstruktion eines irgendwie gedachten "ursprünglichen" Karate. Wir bemühen uns um die Erschließung einer selbstverteidigungsorientierten Kunst, die wir jedoch nicht leichtfertig auf ein rein äußerliches unter reinen Effektivitätsgesichtspunkten betrachtetes Straßenkampf-Trainigsniveau abgleiten  lassen wollen. Wir hoffen, daß wir unseren Karate-Weg, d.h. unsere Auffassung von karate-dô, so entwickeln können, daß er zu einem blühenden Zweig am Baum der Zen-Weg-Künste wird.  

Zen auf dem Karate-Dô? 

Damit stehen wir in einer Linie mit einer "modernen Tradition", die man als von Meistern wie Hanashiro Chomo, Funakoshi Gichin und Kenwa Mabuni begründet ansehen kann. Der letztgenannte, Kenwa Mabuni, Begründer des Shitô-Ryû-Stils, hat dies so formuliert: "Das letzte [Ziel] der Kampfkunst der leeren Hand - des Karate-dô - ist genau eins mit den Prinzipien des Zen. Daher liegt das Ziel, auf welches man vom ersten Schritt des Eintretens in den Weg der Leeren Hand an zugehen sollte, im Erlangen des wundersamen Zustandes, auf den in dem [bekannten] Satz *Faust und Zen sind eins* angespielt wird." 

Auch diese Zielsetzung werden manche als im eigentlichen Sinne nicht "original" kritisieren, weil sie davon ausgehen, daß kaum jemand im "alten" Okinawa derartige Überlegungen angestellt haben wird. Sie ist aber sehr wohl in dem Sinne "original", "ursprünglich" oder "traditionell", als sie der Tradition einer ständigen Weiterentwicklung unserer Kampfkunst entspricht und mit den Übungsmethoden des karate-dô ohne weiteres in Einklang zu bringen ist. 

Unser Ansatz im Keiko-kan Dôjô Wiesloch entspricht diesem Verständnis und dem Grundgedanken des zwanzigsten Satzes der Karate-do Niju-kun von Funakoshi Gichin ebenso, wie der Aussage jenes berühmt gewordenen kalligraphierten Gedichts, das Funakoshi während seiner Überfahrt von Okinawa nach Japan (wohl im Jahre 1922) niedergeschrieben hat. Dort heißt es:   

Nach Altem forschen heißt
das Neue verstehen
dies ist eine Frage der Zeit.
Bewahre in allem ein klares Denken!
Wer vermag den Weg
geradlinig und treu weiterzuführen?