Die Geschichte der 47 Rônin, Kapitel 1 (1)

 

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Was demnächst geschieht

Aus Loyalität, Pflichtgefühl, Treue und Ehre üben siebenundvierzig Gefolgsleute eines japanischen Landedelmannes in einer kalten Januarnacht des Jahres 1703 blutige Rache für ihren Herrn. Sie sind sich der Folgen, die die Tat für ihr eigenes Leben hat, wohl bewußt. Aus ritterlicher Treue verstoßen sie gegen die Gesetzte des Shôguns und müssen ihr Vergehen mit dem Leben bezahlen.

Diese Begebenheit ist wohl die weltweit bekannteste Episode aus der Geschichte des feudalen Japan. Seit dreihundert Jahren bildet sie ein wichtiges Leitmotiv für das kollektive Unterbewußtsein und Selbstverständnis von Millionen von Japanern.

Die Geschichte der 47 Rônin von Akô wirft die Frage auf, was es heißt, einem Lebensplan folgen, der von Anfang an den Gedanken an den eigenen Tod mit einschließt. Anders ausgedrückt: Wie können wir angesichts des eigenen Todes ein gelungenes Leben führen?

 

KAPITEL 1

Unsere Geschichte beginnt am Abend des 13. März 1701. Die Sonne neigte sich auf ihrer Bahn über den Pazifik bereits dem Horizont zu und tauchte die Gewässer rings um das japanische Inselreich in ein flammendes Rot. Im Südwesten der Hauptinsel, auf einem Waldpfad nahe der Inlandsee, lenkte ein stattlicher Reiter schweigsam einen bemerkenswert ungepflegten Hengst durch die Pinien, während er seine Augen vor dem gleißenden Abendlicht mit der Hand schützte.

 

Dieser Reiter war Ôishi, der Erste unter den Gefolgsleuten des Asano-Klans, jenes Feudalverbandes, der über das hügelige Gebiet ringsum herrschte. Zusammen mit der Tochter seines Herrn, die neben ihm auf einem Pony mit zerzauster Mähne ritt, kehrte Ôishi von einem Tagesritt aus einem der Burgstädtchen, die zum Besitz der Herren von Asano zählten, zu ihrer Burg Akô zurück.

 

Die beiden Reiter bildeten ein seltsames Paar. Ôishi war ein gutaussehender Mann in den frühen Vierzigern. Seine Züge waren von einer hohen Stirn, klaren Augen und einem energischen Kinn geprägt. Eine Aura ruhiger Autorität umgab ihn. Seine Haartracht, sein Beinkleid, die an einen Hosenrock erinnernde Hakama, und die beiden Schwerter, die er an seiner Seite trug, wiesen ihn als Samurai aus, als ein Mitglied der Kriegerkaste.

 

Das Kind in seiner Begleitung war zierlich und lebhaft. Es erinnerte, in Kimono und Obi gekleidet, an einen bunten Schmetterling. Die beiden fühlten sich trotz ihrer Verschiedenheit in ihrer gegenseitigen Gesellschaft offensichtlich wohl. Das Mädchen war der strikten Disziplin entbunden, die ihm die Eltern ansonsten auferlegten, und Ôishi gab sich in der Gegenwart des Kindes, zumal es nicht das eigene war, beinahe ungezwungen. Er musste nicht mehr, wie bei seinem öffentlichen Auftreten in der Stadt, auf jede seiner Gesten achten, entspannte sich allmählich und scherzte hin und wieder, um sich zu zerstreuen, ein wenig mit dem Kind.

Je mehr jedoch ihre schäbigen Pferde der heimatlichen Burg zutrotteten, desto einsilbiger wurde ihre Unterhaltung. Ôishi war durch die Erlebnisse und Eindrücke aus der Stadt innerlich aufgewühlt. Er wurde zunehmend wortkarger, bis er schließlich ganz verstummte. Das Mädchen respektierte sein Schweigen.

 

Ôishi dachte daran, wie peinlich genau er sein ganzes Leben hindurch die Verordnungen der buddhistischen Priesterschaft beachtet hatte, mit denen sie die durchaus nicht seltenen Auswüchse von Gewalt und Grausamkeit in der japanischen Gesellschaft einzudämmen suchten. Im täglichen Leben wurden diese Vorschriften meist vom gesunden Menschenverstand relativiert und erfuhren daher meist eine gemäßigte Auslegung.

 

Man war allgemein nicht zimperlich in jenen Zeiten und sprach dies offen aus. Auch Ôishi hielt es für naturgegeben, daß gelegentlich getötet wurde: Man tötete einen Feind, gegen den man sich zur Wehr setzte, ebenso leicht, wie ein Tier, das zur Nahrung dienen musste.

 

Ôishi hatte dennoch stets die besonderen Grausamkeiten des Alltags verabscheut. Er fand keinen Gefallen daran, wenn beispielsweise während ritterlicher Turniere Hunde zum Geschicklichkeitsbeweis durch Speere und Pfeile zur Strecke gebracht wurden. Er hatte keine Einwände gegen die Abschaffung derartiger Vergnügungen. Doch die neuen Lebensbewahrungsgesetze des Shôguns gingen über solche Rücksichtnahmen bei weitem hinaus. Faktisch genossen Tiere inzwischen in Japan mehr Rechte als Menschen. Das neue, buddhistisch geprägte Denken hatte nicht nur alle gesellschaftlichen Wertmaßstäbe auf den Kopf gestellt, sondern das gesamte Land an den Rand des wirtschaftlichen Ruins geführt.

 

Ôishi hatte an diesem Tag in der Stadt beispielsweise ehedem wohlhabende Bauern beobachtet, die um Arbeit bettelten. Sie waren verarmt, weil es ihnen verboten war, auf den Feldern gegen das Schadwild und andere Plagen anzukämpfen, die die Ernten bedrohten. Füchse, Dachse, Vögel und Insekten wüteten in den Saaten, aber aufgrund der neuen Lebensbewahrungsgesetze des Shôguns mussten sie dem Treiben tatenlos zusehen.

 

Ôishi wusste, dass man auch heutzutage noch heimlich Geflügel in den Hinterräumen ansonsten respektabler Geschäfte verkaufte, doch im Großen und Ganzen kam es kaum zu Verstößen gegen die neuen Gesetze. Die Ver-waltungsmaschinerie der Shôgunatsregierung arbeitete äußerst gründlich, wenn es darum ging, Gesetzesbrecher aufzuspüren, und auf die Verletzung lebendiger Wesen standen harte Strafen. Wer es etwa wagte, einem Tier das Leben zu nehmen, wurde zur Sühne für dieses Verbrechen selbst hingerichtet.

 

Nicht allein die Bauern, auch andere Berufsgruppen litten unter den neuen Gesetzen. Jäger, Fallensteller und Gerber wurden nicht mehr gebraucht. All die Männer, die zuvor diesen Gewerben nachgegangen waren, scharten sich nun auf der Suche nach einem Broterwerb in den Städten, in der Hoffnung, für sich und ihre Familien ein Auskommen zu finden. Doch mit Bestürzung mussten sie erkennen, dass sie kaum auf Arbeit und Lohn hoffen konnten. Die Preise für die Dinge des täglichen Bedarfs waren durch das knappe Angebot an Lebensmitteln enorm gestiegen und lagen weit über dem, was gemeine Leute gewöhnlich aufbringen konnten. Die einzige Ware, die es augenscheinlich zu niedrigsten Preisen gab, waren junge Mädchen als Beischläferinnen. Viele Bauerntöchter waren als Prostituierte von ihren verarmten Familien an Bordelle in der Stadt verkauft worden. Ihre Eltern hofften, sie könnten sich so über die schlechten Zeiten hinwegretten.

 

Wie immer, wenn Ôishi mit der Tochter seines Herrn und Fürsten Asano unterwegs war, hatte er in der Stadt einen großen Bogen um die Vergnügungsviertel gemacht. Doch bestimmte, anrüchige Etablissements vermehrten sich zur Zeit allenthalben rasant. Sie reichten inzwischen sogar bis direkt an die Hauptstraße heran, sodass es unmöglich wurde, ihnen auszuweichen. Ôishi beschämte diese Entwicklung und er würde seinem Herrn darüber zu berichten haben, sobald er zurückkehrte.

 

Bisher hatten die Samurais die wachsende wirtschaftliche Not des Landes noch nicht zu spüren bekommen, denn sie wurden aus Erlösen bezahlt, die durch den Reisanbau auf feudalfürstlichen Lehen zu den üblichen hohen Preisen erzielt wurden. Ihr Leben wurde auf ganz andere Weise durch die Erlasse des Shôguns berührt.

 

Seit einiger Zeit gab es beispielsweise den Bogenwettstreit nicht mehr. Es wurden nicht einmal mehr Schießübungen dazu abgehalten, da es verboten war, Gänse zu rupfen. Nun fehlte es an Federn, um die Pfeilschäfte zu richten. Auch die Falknerei lag darnieder. Die Beizvögel waren freigelassen worden, und sogar der Shôgun selbst hatte seinen eigenen "Meister der Falken" entlassen. Auch die Reitkunst verfiel, denn es war nun bei Strafe der Verbannung untersagt, Pferdehufe zu beschlagen. Den Rossen durfte man nicht einmal mehr die Mähnen stutzen.

 

Am schwersten wog in Ôishis Augen allerdings der gleichzeitige allgemeine moralische Verfall, der sich in jenen neuen Zeiten inzwischen von der Hauptstadt des Shôguns ausgehend bis in die letzten Winkel der Provinzen verbreitete.

 

Als Samurai hatte sich Ôishi seit seiner Kindheit mit den Lehren des Konfuzius befasst. Jedem Krieger wurden sie nahe gebracht, damit ihm Treue und Loyalität gegenüber seinem Dienstherrn ebenso selbstverständlich wurde wie wilde Entschlossenheit auf dem Schlachtfeld.

 

Deshalb irritierte es Ôishi, wenn er hörte, dass nun Tanz und Schauspielerei in Edô Einzug gehalten hatten, Künste, die, wie es hieß, einen allmählich zersetzenden Einfluss auf die Moral der Samurais ausübten. Er hatte gerüchteweise sogar vernommen, dass Samurais, die in den Hauptstädten einquartiert waren, die Kabuki-Theater von Edô und Kyôtô besucht hätten, doch eigentlich konnte er solche Geschichten kaum glauben.

 

Die geschilderten Zustände dauerten nun zwar schon einige Zeit an, aber bis heute war sich Ôishi nicht darüber im Klaren gewesen, wie schlecht die Dinge inzwischen eigentlich bestellt waren. In Gedanken begann er, einen Bericht zu formulieren, den er dem Fürsten Asano vorzutragen gedachte.

 

Als er an seinen Herrn, den Vater seiner kindlichen Begleiterin dachte, wandte er ihr seinen Blick zu. Sie hatte gedankenverloren vor sich hingelächelt, doch unter seinem Blick wurde ihr Gesichtsausdruck ernster. Sie ahnte, dass Ôishi wegen der Veränderungen in der Stadt, die auch ihr nicht entgangen waren, in Sorge war.

 

"Onkel", fragte sie ihn, "warum sind alle Gehöfte im ganzen Umkreis so verwahrlost? Wohl keines von ihnen wird noch sorgsam gewartet und gepflegt. Meint Ihr nicht, wir sollten dies meinem Vater anzeigen und ihm melden, dass die Bauern ihrer Pflicht nicht gründlich nachkommen?"

 

Ôishi musste über die Fragen des Kindes lächeln, was es ein wenig unsicher werden ließ. Rasch beruhigte er das Mädchen und sagte, dass die Dinge doch nicht so schlecht stünden, wie es den Anschein habe.

"Lass uns nicht vorschnell die Bauern schelten. Kannst du dir nicht vorstellen, wie sie in diese Lage geraten sind?"

"Aber was soll zu ihrer Entschuldigung gelten? Sie vernachlässigen doch Äcker und Vieh!"

"Es ist nicht so, mein Kind, dass sie die Felder leichtfertig verkommen lassen. Sie werden ganz einfach der wilden Tiere nicht mehr Herr, seit das Jagen des Schadwildes durch die Lebensbewahrungsgesetze des Shôguns verboten worden ist. Das ruiniert das Land."

"Aber warum ist es ihnen verboten, die Tiere zu verfolgen, die sie so plagen?"

"Der Shôgun hat bestimmt, dass es nicht recht sei, einem Tier das Leben zu nehmen. Alle Untertanen im Land sind an dieses Wort gebunden, und auch wir halten uns daran, weil wir unserem Herrn und Meister, deinem Vater, in Treue dienen. Wir wollen keine Schande über ihn bringen, indem wir uns ungehorsam erweisen gegenüber den Anweisungen seines Herrn, des Shôguns."

"Aber weshalb hat denn der Shôgun ein so hartes Gesetz überhaupt erlassen?"

Ôishi seufzte. Er hatte Verständnis für die Gründe, die den Herrn Tsunayoshi bewogen hatten, seine Lebensbewahrungsgesetze zu erlassen, auch wenn sie das Land noch so sehr bedrückten.

 

"Weil es nichts auf der Welt gibt, das er sich mehr wünscht als ein Kind", sagte er, "ein süßes, hübsches Kind wie dich. Weißt du, er hat eines verloren ? seinen kleinen Jungen. Er war vier Jahre alt, als er gestorben ist. Und ein Priester sagte dem Shôgun, dass er, falls er wieder ein Kind haben wolle, zuerst eine Sünde aus einem seiner früheren Leben wiedergutmachen müsse. Einst habe er nämlich ? wohl aus Mutwillen ? ein lebendiges Wesen zerstört. Du hast bemerkt, dass wir bei unseren Turnieren keine Hunde mehr töten, weil der Shôgun im Jahr des Hundes geboren wurde. Daher hat er dies bei Todesstrafe verboten."

"Selbst dann, wenn man einen angreifenden wilden Hund abwehren müsste?"

Ôishi zögerte kurz.

"Hier könnten die Dinge etwas anders liegen, aber es wäre sicher von Nutzen, wenn man einen Zeugen benennen könnte, der beschwören kann, dass der Hund den ersten Biss getan hat."

Er lächelte sie an, und das kleine Mädchen lächelte zurück. Sie war sich nicht sicher, ob er scherzte oder nicht. Sie beschloss, ihren Vater danach zu befragen, sobald er aus Edô zurückkam.

 

Mit einem Schrei trieb sie ihre kleinen Füße in die Flanken des Ponys, das daraufhin in den Galopp fiel.

"Wir fliegen nach Hause", rief sie und war mit wehendem Haar ihrem Begleiter im Nu zehn Längen voraus.

Ôishi stieß einen wilden Schrei aus, wie ihn die Krieger im Angriff tun, und galoppierte hinter ihr her, hielt aber die Distanz ein, die sie gewonnen hatte. So jagten sie die gewundene Straße entlang und den Hügel hinauf. Auf der Kuppe kamen sie in Sichtweite der Burg, die weit unter ihnen in der Mitte einer großen Ebene lag, strategisch so platziert, dass kein Feind sich ihr ungesehen nähern konnte.

 

Gewöhnlich versenkten sie sich in das imposante Bild, das die Burg mit ihren hohen Steinmauern und den weißen, ziegelgedeckten Türmen bot. Doch dieses Mal machten sie keinen Halt, um den Anblick zu genießen.

 

Die untergehende Sonne warf bereits lange Schatten, die nach ihnen zu greifen schienen, als sie den Hügel hinunter und dem Burgtor entgegenpreschten. Ôishi durchzuckte der Gedanke, dass, wenn sich diese Sonne morgen wieder über den Horizont erhob, der letzte Tag von Fürst Asanos Dienst in Edô angebrochen sein würde. Er hoffte, dass dort bei den bevorstehenden Zeremonien, an denen sein Herr teilzunehmen hatte, alles gut ging. In der Hauptstadt des Shôguns wurde nämlich eine komplizierte und zugleich penible Etikette gepflegt. Fürst Asano war nun aber nicht gerade für seine Geduld bekannt, wenn es darum ging, sich an offiziellen Anlässen und Zeremonien zu beteiligen. Je schneller er solche Auftritte hinter sich bringen konnte, um so wohler war ihm in seiner Haut. Als das Mädchen mit gehörigem Vorsprung vor Ôishi das Tor passierte, und er schließlich selbst am Tor den Gruß der Wachposten entgegennahm, schoss es ihm noch einmal durch den Kopf: "Morgen ist der letzte Tag."

 

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Für die Erlaubnis, diesen Auszug aus dem Roman "Die Geschichte der 47 Rônin" von John Allyn als Leseprobe in diese Seiten einzustellen, danke ich dem Verlag schlatt-books, der die deutschen Rechte an diesem Text innehat. 

 

"Die Geschichte der 47 Rônin" von John Allyn ist bei www.schlatt-books.de zu bestellen. Oder im Buchhandel.