Mu – Nichts

 

Ein philosophischet Dialog als Humoreske

Lichtschein fragte Nichtsein: „Meister, seid Ihr oder seid Ihr nicht?“ Lichtschein erhielt keine Antwort und blickte angestrengt auf die Gestalt von Nichtsein. Aber da war alles tiefe Leere. Den ganzen Tag schaute er nach ihm, ohne es zu sehen; er horchte nach ihm, ohne es zu hören, er griff nach ihm, ohne es zu fassen.

 

Da sprach Lichtschein: „Das ist das Höchste: Wer vermag das zu erreichen? Ich vermag zwar, ohne Sein zu sein, aber nicht ohne Nicht-Sein. Wenn es darüberhinaus noch ein Nicht-Sein gibt, wie kann man das erreichen?“[1]

 

Sein oder Nichtsein

Der chinesische Philosoph Dschuang Dsi führt mit dieser allegorischen Skizze humorvoll in das Problem von Sein und Nichts ein: Zwei symbolhafte Gestalten werden dem Leser vors geistige Auge geführt, die miteinander in ein - etwas einseitiges – Gespräch vertieft sind: Lichtschein und Nichtsein.

 

Lichtschein, eine kaum greifbare Erscheinung, ist in seiner materiellen Substanz weniger als das Licht, nur Glanz und flüchtiger Schein. Diesem, der nur geringfügig mehr als das reine Nichts ist, stellt Dschuang Dsi Nichtsein gegenüber, also das Nichts an sich (無), dem es naturgemäß völlig an jeder noch so flüchtigen Substanz fehlt. An Nichtigkeit übertrifft Nichtsein den Lichtschein eindeutig. Da Dschuang Dsi als taoistischer Philosoph jedes „Weniger“ als ein „Mehr“ wertet, läßt er auch den Lichtschein in seiner kleinen Geschichte von einem Vorrang des Nichtsein ausgehen. Dies kommt dadurch zum Ausdruck, daß sich Lichtschein mit der respektvollen Anrede: „Meister!“ an Nichtsein wendet.

 

„Meister, seid Ihr oder seid Ihr nicht?“

 

Dschuang Dsi stellt hier eine der tiefgründigsten Fragen der Philosophie: Ist das Nicht-Sein oder ist es nicht? Anders ausgedrückt: Hat das Nicht-Sein an sich Anteil am Sein? Anstelle von komplizierten philosophischen Erörterungen entwickelt er im Folgenden allein aus dem Fortgang der Handlung eine eigenwillige Lösung: Lichtschein erhält nun, wie wir erfahren, keine Antwort. Dies darf im Grunde nicht verwundern, denn Nichtsein repräsentiert das Nicht-Sein und was nicht ist, kann natürlich auch keine Antwort geben. Verfolgt man diesen Gedankengang konsequent zu Ende, erkennt man, daß die Stille auf ganz natürliche Weise dem Nichts entspringt.

 

Stille genügt dem analytisch ausgerichteten Geist jedoch nicht als Antwort auf die Frage nach Sein und Nicht-Sein. Lichtschein, der den durch logische Erkenntnis nach Einsicht strebenden Geist verkörpert, möchte das Wesen von Nichtsein nun auf andere Weise ergründen und blickt angestrengt auf dessen Gestalt. Er vermag Nichtsein jedoch auch nicht zu sehen, denn „da war alles tiefe Leere.“ Auch Horchen und Greifen beschert dem Forscherdrang des Lichtschein kein Resultat.

 

So erkennt Lichtschein allein aus der Erscheinung und dem Verhalten von Nichtsein dessen wesentliche Eigenschaften: Unsichtbarkeit, Unhörbarkeit und Unfaßbarkeit. Sie offenbaren sich ihm völlig natürlich und sprechen schweigend und wie von selbst aus dem Wesen Nichtseins heraus. Sie bezeugen, daß das Nicht-Sein an Nichtigkeit, Gestaltlosigkeit und Stille in seiner tiefen Leere nicht mehr zu überbieten ist.

 

Als Lichtschein dies erkennt, bemerkt er staunend: „Das ist das Höchste.“ Im nichtigsten und geringsten Ding der Welt erkennbar sein, ist nicht nur nach taoistischer Auffassung eine Eigenschaft des Höchsten.

 

Dschuang Dsi zitiert das Tao Te King,[2] wenn er vom „Schauen, ohne es zu sehen; Horchen, ohne es zu hören, greifen, ohne es zu fassen“ spricht. Dort nämlich wird in den gleichen Wendungen vom überzeitlichen Weg gesprochen. [3] Nicht-Sein und Weg gleichen sich in ihrer Gestaltlosigkeit; sie geben auf alles Befragen hin keine Antwort, sind reine Stille, ihr Wesen ist leer.

 

In der Tradition der chinesischen Philosophie sind solche tiefsinnigen Betrachtungen und Anspielungen niemals Selbstzweck; stets strebten die Denker nach der praktischen Anwendung ihrer Einsichten. So durchbricht auch Dschuang Dsi den Rahmen der Allegorie, indem er dem Lichtschein die Frage in den Mund legt, wer die Eigenschaften und Verhaltensweisen des Nichts erreichen könne und auf welche Weise dies eigentlich möglich sei.

 

 

Handeln aus dem Nichts: Nichthandeln

Das Interesse an diesen beiden Fragen rührt daher, daß das Handeln aus dem Nichts heraus, in einem Geist, der in Stille und Leere gesammelt ist, in ostasiatischen Gesellschaften ein hohes Ideal verkörpert. Aus diesem Grund erlangte die Philosophie des Nichts unter anderem auch in den Kampfkünsten große Bedeutung und nicht zuletzt deshalb wurde für die Kunst des Karate die Leere (), die große Eigenschaft des Nichts, zum Namensemblem erhoben. [4]

 

 

Die Idee des Handelns aus dem Nichts ist nicht nur für westlich gebildete Menschen schwer verständlich. Mißdeutungen und Mißverständnisse gibt es allenthalben. Daher werden auch im Osten die Lehrer nie müde, zu betonen, daß das Nicht-Handeln keinesfalls mit bloßer Untätigkeit zu verwechseln ist und daß die dem Nicht-Handeln entsprechende Geistestätigkeit, das Nicht-Denken, kein schläfriges Dahindämmern ist, sondern eine besondere Aktivität des hellwachen Geistes.

 

 

Nichtdenken, Nichthandeln

In der Psychologie der Kampfkünste bezeichnet der Begriff des Nicht-Denkens eine Form allgegenwärtiger Aufmerksamkeit, die sich dadurch auszeichnet, daß der Geist bei keiner Einzelheit seiner Wahrnehmung verweilt oder haftet. Kein von außen auf ihn einstürmender Eindruck wird dem Bewußtsein zur Beurteilung vorgelegt. Der sonst ununterbrochen fließende innere Dialog des Erörterns und Abwägens findet im Geisteszustand des Nicht-Denkens nicht mehr statt. Obwohl dieses innere Zwiegespräch durch aufmerksame Übung zum Erliegen gebracht wurde, bleibt ein solcher nicht-denkender Geist dennoch in wacher Aufmerksamkeit gesammelt.

 

Um diesen Geist oder - nach anderem Sprachgebrauch - dieses Herz (心 ) zu beschreiben, das im Zustand des Nichtdenkens verweilt, wird in Japan das Bild des Mondes als Metapher genutzt. Wie Mondlicht, das sich gleichermaßen über Nahes und Entferntes, über kleinste Einzelheiten und ganze Landschaften ergießt, ohne eine einzelne Stelle in seinem Einflußbereich zu bevorzugen oder zu vernachlässigen, soll sich auch der Geist mit ununterschiedener Präsenz auf alles erstrecken, was in seinem Wahrnehmungsbereich liegt.

 

 

Natürlich ist es nicht leicht, diese Haltung des „Geistes, der dem Mond gleicht“ mit verständlichen Worten so zu beschreiben, so daß sie zur Grundlage praktischer Kampfkunstübung werden kann. Die Geisteshaltung des Nicht-Denkens ist jedoch die wichtigste psychologischen Grundlage für die Kampfkünste Ostasiens; deshalb ist ihr Verständnis für die Praxis der Wegschüler von zentraler Bedeutung.

 

Fremdartige Begrifflichkeiten in der Kampfkunst

In der Vergangenheit fanden die Meister des Zen und der Kampfkünste verschiedene Begriffe, um die Geisteshaltung des Nicht-Denkens zu umschreiben; sie nannten sie unter anderem „Bewegungslose Weisheit“, „Herz, das nicht anhält“, „Nicht-Herz“ oder auch „Nicht-Geist“.[5]  Stets wollten sie durch solche Worte jene innere Stille bezeichnen, die dem Nichts entströmt, jenes absichtslose geistige Sein ohne Pläne und Ränke, das ohne vorgefaßte Meinung oder Erwartungshaltungen offen und reaktionsbereit ist.

 

 

Nichthandeln bedeutet nicht "Untätigkeit"

Der Geisteshaltung des Nicht-Denkens entspringt und entspricht die Handlungsweise des Nicht-Handelns. Bedeutsam ist es, das Nicht-Handeln oder Nicht-Tun nicht mit Untätigkeit zu verwechseln. Unter Nicht-Handeln versteht man ein machtvolles Wirken in Unbewußtheit und Natürlichkeit. Es ereignet sich, wenn der Körper spontan den umfassenden Wahrnehmungen des Geistes folgt: So etwa, wenn man ißt, weil man hungrig ist oder einen Schritt zur Seite tut, um einem herabstürzenden Gegenstand auszuweichen. Kampfkunst und alltägliches Leben gleichen sich vollkommen in der Dimension des Nicht-Handelns: stets gilt es, unbekümmert im rechten Augenblick das Richtige zu tun. So offenbart sich Nicht-Handeln in vollkommenem Tun, das im Einklang mit dem Natürlichen und Einfachen steht.

 

Nichthandeln im Karate

Wer als Karateka so zu handeln vermag, verwirklicht das Ideal des Leeren. Sein Leben folgt dann natürlich und mühelos, vom Nichts getragen, wahrhaft dem Karate-Dô. Daher schreibt Kenwa Mabuni: „Durchdringt man gerade dieses eine Schriftzeichen ()Nichts, meistert man das Mysterium des Weges der leeren Hand.“[6]

 


[1] Diese Allegorie findet sich in [Dschuang Dsi, Blütenland, S. 232 f ].

[2] Dschuang Dsi kannte die Sprüche des Tao Te King. Vergl. hierzu die Einleitung Richard Wilhelms zu [Dschuang Dsi, Blütenland, S. 7ff ] und dort u. a. das Zitat von Sï Ma Tsïen. A.a.O. steht „Lau Dan“ für „Laotse“, vergl. Wilhelms Anmerkungen ebd. S. 6 „Zur Transkription“.

[3] Vergl. [TTK Jerven, S. 22 ( XIV)].

[4] Nachweise siehe im Kapitel Kara - die Leere.

[5] [Takuan, geheimnisvolle Aufzeichnung S.19-52 ].

[6] Mabuni Kenwa, zit. nach [Bittmann, Karatedô, S. 186 ].