Die Geschichte der 47 Rônin, Kapitel 2 (Teil 1)

 

Leseprobe - Urheberrechtlich geschütztes Material

Was bisher geschah

Der erste Gefolgsmann des Fürsten Asano von Akô, der vitale Mittvierziger Oishi, ein tadelloser Samurai, kehrt von einer Inspektionsreise aus dem Fürstentum zur heimatlichen Burg derer von Asano zurück. Er wird von der minderjährigen Tochter des Fürsten begleitet, mit der er die politische Situation Japans bespricht, das an der Schwelle zum 18. Jahrhundert aufgrund von religiösem Fanatismus und Aberglauben in eine prekäte gesellschaftliche und soziale Lage geraten ist. Nun aber wechselt die Szene und wir werfen einen Blick in die Shôgunatshauptstadt Edo:

 

Kalt brach die morgendliche Dämmerung über der Shôgunatshauptstadt Edo herein. Ein trüber, sonnenloser Tag kündigte sich an. Der Wind, der von den schneebedeckten Bergen herunterwehte, rüttelte in den Randbezirken der Stadt an den Regentüren der Höfe, folgte dann der Postroute nach Südwesten und schob auf ihr eine Wolke von Staub und Schmutz vor sich her, ehe er unerbittlich in die Stadt eindrang. Auf seinem Weg durch die Reisfelder nahm er den Gestank menschlicher Exkremente genauso auf, wie den weihrauchartigen Geruch der Holzkohlefeuer, die die Frauen in aller Frühe in ihren Küchen entfachten, oder den Salzgeruch der See aus den flachen Gewässern der Bucht von Edo.

Auf Bodenhöhe verlor der Wind in den engen Gassen seine Kraft. Diese Gassen bildeten zwischen den leichten Holzgebäuden, die für beinahe siebenhunderttausend Kaufleute und Handwerker sowohl Unterkunft als auch Arbeitsstätte waren, gleichsam ein Netz. Über ihren mit Ziegeln gedeckten Dächer fauchte der Wind böig weiter in Richtung des erhöhten Stadtzentrums, tauchte dann dort ab, um einen felsbewehrten Burggraben zu überqueren und sich schließlich zwischen den Wachtürmen und Plätzen des Schlosses von Edo zu verlieren, in dem der Shôgun Tokugawa Tsunayoshi, der oberste Regent des Landes, seinen Hofstaat unterhielt.

 Der Wind legte sich eine Stimme zu, während er sich beißend und unsichtbar voranbewegte. Als er durch einen Friedhof und über die öffentlichen Hinrichtungsplätze zog, schreckte er einen Straßenköter auf und ließ ihn aufheulen. Augenblicklich nahmen andere seinen Klagelaut auf, was zur Folge hatte, dass die Luft augenblicklich vom düsteren Geheul tausender umherirrender Hunde erfüllt war. Selbst aus der Ferne war dieses unheimliche Raunen und Rauschen zu vernehmen, das allmählich anschwoll und bedrohlicher wurde. Es bahnte sich seinen Weg in die Hütten der Bettler ebenso wie in die Anwesen der Wohlhabenden, es drang gleichermaßen in die Ohren der armen wie der reichen Schläfer.

 Fürst Asano, Daimyô der Provinz Akô, wirkte trotz seiner fünfunddreißig Jahre immer noch jungenhaft frisch. Er ritt mit seinem obersten Gefolgsmann durch eine neblige Landschaft; sie hetzten einen wilden Eber, der die Felder der Bauern im Distrikt bedrohte. Als sie in einen immer dichter werdenden Nebel gerieten, begann sich ein unheimliches Summen in des Fürsten Asano Ohren zu erheben, das selbst sein Pferd unter ihm zu beunruhigen schien, denn es sträubte sich nervös. Auch der hinter ihm reitende Ôishi schien das Summen zu bemerken, denn er zügelte sein Pferd und sah sich besorgt um, doch Fürst Asano spornte sein eigenes Ross ungeduldig an und verschwand im Nebel.

"Mein Fürst Asano", rief Ôishi in plötzlicher Besorgnis, "kommt zurück, kommt zurück!"

Doch der hartnäckige Stolz des Fürsten ließ ihn nicht umkehren.

 Während er weiter in das dichte Vakuum des Nebels hineinpreschte, schwoll das herzlose Geräusch in seinen Ohren zu einem Kreischen an und wurde schließlich zu einem nervzerreißenden Heulen. Er fühlte den Schrecken wie einen Stich, als er in diesen Laut gleichsam hineingesogen wurde und dabei jeglichen Richtungssinn verlor. Im strahlenden Weiß des Nebels war er plötzlich ohne Sicht. Er fühlte, wie er das Gleichgewicht verlor und zu fallen begann. Das Heulen steigerte sich ins Unerträgliche. Er wusste, dass er um sein Leben kämpfen musste, wenn er den Dämonen im Nebel entkommen wollte, die nun im Begriff waren, ihn zu verschlingen. Er schrie um Hilfe ? in diesem Augenblick schreckte er in seiner Villa, die nahe dem Schloss des Shôguns lag, unvermittelt aus dem Schlaf auf. Er hörte das Heulen der Hunde von Edo, das mit dem Wind verging, der es gebracht hatte.

"Mein Gemahl!", rief seine Frau, die sich rasch erhob und beobachtete, wie er, noch halb im Traum, das rasch ergriffene Schwert an seiner Seite aus der Scheide zog. "Was ist dir?"

Jetzt, wo er völlig wach war, schüttelte er seinen Kopf und legte das Schwert zurück.

"Diese Hunde", murmelte er, "diese verdammten Hunde."

"Schlaf weiter", sagte sie, und ein beruhigendes Lächeln kam über ihr hübsches rundes Gesicht.

"Du solltest dich langsam an sie gewöhnt haben."

"Ich werde mich niemals an sie gewöhnen, noch an sonst irgendetwas an diesem miserablen Ort."

"Nur noch einen Tag", versuchte sie ihn zu ermuntern. "Dann gehen wir heim nach Akô und zu unserer Tochter." "Nur noch ein Tag", wiederholte er in einem Ton, der sowohl hilflos als auch hoffnungsfroh war. "Nur noch ein weiterer erbärmlicher Tag."

Er versuchte, wieder einzuschlafen, doch sein Herz klopfte noch immer unter der Last des Alptraums, und seine Augen wollten sich nicht schließen. Ruhelos beobachtete er, wie das Licht der Dämmerung durch die Fensterläden schlüpfte und über die Tatami-Matten auf dem Boden zu seinem Bett kroch. Fürst Asano seufzte und rollte sich aus den schweren Steppdecken, um einen Moment lang fröstelnd in seiner Unterwäsche dazustehen, dann legte er eine gepolsterte Robe an und schob die Tür aus Papierpaneelen zur Seite, um den kalten Korridor dahinter zu betreten.

 Mit gleitenden Schritten ging er über das glatte Holz, welches von unzähligen Füßen in Strümpfen, die vor ihm durch diesen Korridor gekommen waren, dunkel poliert worden war. Die eine Seite des Korridors wurde durch bemalte Shôji-Paneelen begrenzt, die sich zwischen Pfeilern aus duftender Zeder spannten. Ihnen gegenüber, auf der anderen Seite, wurde der Gang von schweren Regentüren zum dahinterliegenden Garten abgeschlossen. Fürst Asano überlief ein Schauer, als diese Läden im Wind klapperten und er erneut die Hunde aus seinen Träumen zu hören glaubte. Er öffnete die Schiebetür zur Küche.

 Die Küche war ein großer, mit rauhen Brettern beplankter Raum, in dessen Mitte eine tonumrandete Feuerstelle in den Boden eingelassen war. Hier saßen zwei Samurais seines Gefolges, das Haar in standesgemäßen Knoten gewunden, und wärmten sich. Als er sich näherte und eine Begrüßung murmelte, nahmen sie den formellen Kniesitz ein und verneigten sich tief.

 Kataoka, der Jüngere der beiden, drahtig, wollte sich gerade mit dem Gesichtsausdruck eines verspielten Affen anschicken, ein paar heitere Worte mit seinem Herrn zu tauschen, doch er überlegte es sich anders, als er dessen Miene gewahr wurde. Fürst Asano war von Natur aus angespannt, doch an diesem Morgen schien er es mehr denn je zu sein, und Kataoka wusste, dass er besser still war.

 Der andere Mann, ein entschlossen dreinschauender Krieger namens Hara, der wohl in seinen Fünfzigern stand, war nicht so eifrig; mit müden Augen folgte er Kataokas Bewegung, als dieser sich mit gekreuzten Beinen zurück ans Feuer setzte, sobald sich ihr Herr niedergelassen hatte.

 "Du hättest nicht so früh aufstehen müssen", sagte Fürst Asano zu Hara.

"Kataoka ist der Einzige, den ich heute als Begleiter benötige, und alles, was er für mich tun kann, ist draußen zu stehen, an den Burgwänden hinaufzuschauen und von daheim zu träumen."

 Hara grunzte. In seinen Augen zeichnete sich ein kurzes Funkeln ab, dann senkte er erneut schläfrig die Lider, während er die Reisschale nah an sein Gesicht hob, um zu essen. Kataoka nickte zustimmend und lächelte sein glückliches Affenlächeln. Es war eine Ehre, bei einer so wichtigen Sache der einzige Begleiter des Fürsten zu sein. Er hustete, als ihm der Rauch des Feuers ins Gesicht stieg. Fürst Asano streckte sich nach dem Teekessel, der über dem Feuer hing, doch der Rauch stach auch ihm in die Augen. Er fluchte und warf den Kessel wieder auf den Haken.

"Mimura!", rief er.  

Ein Rascheln aus der Speisekammer sagte ihm, dass der Diener ihn gehört hatte. Er war ein großer, unbeholfener, noch junger Kerl und kam eilends herein und verneigte sich tief vor seinem Herrn. Als er seine Augen hob, sah er, dass der Rauch sich überallhin verteilt hatte, jedoch nicht in die Öffnung im Dach zog, durch die er eigentlich hätte entweichen sollen. Er griff schnell in die Feuergrube, um die grünen Äste herauszuziehen, die das Ungemach verursacht hatten.

 "Wer hat dies getan?" fragte der Fürst scharf, "Er weiß es doch besser, Mimura. Kann Er nicht dazu beitragen, diesem elenden Tag einen besseren Anfang zu verschaffen?"

Mimura entschuldigte sich mit einem Überfluss an höflichen Phrasen und zerkaute Bemerkungen über die Dummheit des neuen Feuerdieners zwischen seinen Zähnen. Dann schloss er die Tür der Kammer und rief nach dem nachlässigen Burschen. Es rührte sich nichts und er rief erneut. Diesmal tauchte als Antwort der Kopf des Feuerdieners im Durchgang auf: ein großer Haufen schwarzer, zerzauster Haare war über einem schamlosen Gesicht zu sehen.

 Mimura wies ihn wegen seiner Achtlosigkeit barsch zurecht. Falls er nun eine Entschuldigung erwartet haben sollte, wurde er schwer enttäuscht. Der Junge erklärte Mimura mit lauter, poltender Stimme, dass, wenn er, Mimura, so schlau sei, könne er ja selbst Feuer machen. Dann zog er seinen Kopf in den Durchgang zurück und knallte hinter sich abrupt die Tür zu.

 Die Männer am Feuer waren angesichts solchen Benehmens schockiert. Hara war so aufgebracht, dass er auf die Füße sprang und nach seinem Langschwert griff.

 "Was denkt Er, Kerl, sich? Glaubt Er vielleicht, Er kann mit einem unserer Diener in diesem Ton sprechen?", rief er zur Tür gewandt.

 "Nein, warte doch", wiegelte Fürst Asano mit müdem, aber dennoch nachdrücklichem Ton in der Stimme ab. "Er ist doch nur ein dummer Junge. Du wirst dich selbst in Schwierigkeiten bringen, wenn du ihm etwas zuleide tust. Die Gesetze sind hier anders; wir können nicht wie zu Hause verfahren."

"Aber einen Eurer Diener zu beleidigen, heißt, Euch selbst zu beleidigen", erwiderte Hara hitzig. "Ich sollte ihm zumindest seine lästerliche Zunge herausschneiden, wenn Ihr mir schon nicht erlaubt, ihm den Kopf zu nehmen."

"Setz dich, setz dich wieder hin und trink deinen Tee. Du musst dich an diese Sitten von Edo gewöhnen. Hier kommen und gehen ständig irgendwelche Daimyôs aus den Provinzen. Das ist hier so alltäglich, dass es nicht einmal dem niedrigsten Feuerknappen Respekt abnötigt."

 Hara legte, immer noch murrend, sein Schwert aus der Hand und setzte sich wieder. Er beobachtete, wie Mimura die Tür zum Durchgang öffnete und hinausging. Und gleich darauf war von draußen ein Klatschen und ein schmerzerfülltes Jaulen zu vernehmen. Hara lächelte milde, während Kataoka laut auflachte.

"Das wird dem jungen Affen eine Lehre sein", rief er fröhlich und zog seinerseits die eindrucksvollste Affengrimasse, die er beherrschte. Die anderen grinsten. Kataoka war mit sich sehr zufrieden, denn es war ihm wieder einmal gelungen, seinen Herrn für kurze Zeit einige seiner Sorgen vergessen zu lassen.

 "Ich wünschte, man könnte mit allen Bewohnern von Edo so einfach verfahren", seufzte Fürst Asano und nahm sich etwas Reis. "Aber leider ist das nicht möglich. Ganz besonders nicht bei jenen, die auf irgendeine Weise über Einfluss verfügen ? und sei er auch noch so gering."

 

Für die Erlaubnis, diesen Auszug aus dem Roman "Die Geschichte der 47 Rônin" von John Allyn als Leseprobe in diese Seiten einzustellen, danke ich dem Verlag schlatt-books, der die deutschen Rechte an diesem Text innehat. 

"Die Geschichte der 47 Rônin" von John Allyn ist bei www.schlatt-books.de zu bestellen. Oder im Buchhandel.