Senioren und andere - Unsere ganz beiläufige Integrationsarbeit im

Keiko-kan e.V. Wiesloch

 

Ein Selbstportrait von Keiko-kan e.V. und Keiko-kan Dôjô

Im November 2004 erhielten wir als Karateverein einen Fragebogen vom Sportkreis Heidelberg. Dort sollte ein Arbeitskreis "Mehr Bewegung für Ältere"eingerichtet werden. Der Verein Keiko-kan e. V. war aufgefordert, an diesem Arbeitskreis teilzunehmen. Wir haben dem Sportkreis mit dem im folgenden veröffentlichte Schreiben geantwortet. Es ist zu einer exakten Darstellung unserer Vereinsarbeit geworden ... und wenn ich das im zeitlichen Abstand lese, muß ich sagen, daß wir unsere Sache wirklich ganz gut machen. (Oh.... Eigenlob stinkt; aber wenn uns sonst auch niemand zur Kenntnis nimmt...?) - Auf das Schreiben hat der Sportkreis im übrigen niemals reagiert. Ein bedauerlicher Kommunikationsmangel! Nun aber zur Sache:

 

Donnerstag, 11. November 2004

Sehr geehrte Damen, sehr geehrter Herr

des Arbeitskreises Seniorensport im Sportkreis Heidelberg,

über den Sportkreis HD hat mich Ihr Fragebogen erreicht. Ich habe versucht, ihn auszufüllen, bin aber daran gescheitert. Er paßt nicht auf unsere Verhältnisse. Deshalb habe ich mich entschlossen, Ihnen einen ausführlichen Brief zu schreiben.

Wir sind ein Karateverein. Wir betreiben Karate als, wie es in unseren Statut heißt, "lebensbegleitende Kampf- und Bewegungskunst". Damit ist auch gleich eines klar: Wir machen keinen Wettkampfsport und keinen Leistungssport. Genaugenommen machen wir nicht mal Breitensport. Wahrscheinlich fällt das, was wir tun, am ehesten unter den Begriff "Kultur".

Wir beschäftigen uns mit Karate. Das hat mit Bewegung (daher Bewegungskunst) und mit Kampf zu tun (daher Kampfkunst). Karate steht so, wie wir es auffassen und betreiben, auch mit asiatischer Philosophie und Medizin in Beziehung.

Wir entwickeln in unserem Karate soziale Kompetenz und schärfen unsere Selbst- und Fremdwahrnehmung; das ist wichtig für das Erlernen von Fähigkeiten, die in der Selbstverteidigung gebraucht werden. Karatetreiben in unserem Sinne hilft, die Fähigkeit zur Selbstbeobachtung zu entwickeln. Diese ist der Ausgangspunkt für das Streben nach Selbsterkenntnis. Und diese ist im traditionellen Karate eines der höchsten Ziele.

Weil wir Karate "lebensbegleitend" auffassen, unterhalten wir keine Seniorensportgruppe. Wir integrieren. Wir reden nur normalerweise nicht drüber. Bei uns kann man ab 40, 50, 60, 70 und später mit Karate anfangen. Aber auch früher. Zur Zeit ist unser jüngstes Mitglied 10 Jahre alt und unser ältestes 47. Beide sind Anfänger.

Wir berücksichtigen natürlich in unserer Übungspraxis das Lebensalter. Jeder hat in jenem Alter andere Bedürfnisse und andere Präferenzen. Jeder kann und wird sich bei uns eigene Leistungsziele setzten. Wir helfen ihm, diese Ziele für sich selbst zu formulieren und unterstützen ihn im Rahmen unseres Dôjôs in seinem Bestreben, diese auch zu erreichen.

Weil wir der Ansicht sind, daß wir uns als Menschen nur im Zusammenhang und in Relation zu anderen Menschen, die anders sind als wir selbst, als diejenigen wahrnehmen können, die wir in unserem Menschsein tatsächlich sind, gliedern wir unsere Gruppe bewußt nicht nach einer Altersstruktur auf. Wir wollen über das Thema eigentlich nicht mal sprechen. Für uns ist es nämlich keins. Wir beteiligen uns daher auch nicht an der Aktion unseres Karateverbandes "Karate über 35".

Zwar übt bei uns eine Kindergruppe - sie ist aus Ferienspaßveranstaltungen entstanden - aber da diese Gruppe am Nachmittag stattfindet, stirbt sie ohnehin aus: Die Schulpolitik, vor allem der Lehrermangel (nicht die Ganztagsschule) wird allen Kindern in wenigen Jahren jede Nachmittagsfreizeit genommen haben.

Unsere beiden oben genannten Mitglieder, das älteste und das jüngste, trainieren daher inzwischen gemeinsam am Abend in der Erwachsenengruppe. Sie lernen, aufeinander Rücksicht zu nehmen. Sie nehmen einander in ihrer unterschiedlichen Situation wahr. Sie pflegen Umgang miteinander. Sie verstehen: Jugend ist kein Privileg und Alter keine Krankheit. Und so leben bei uns die Generationen (wie auf einem Bauernhof vor 120 Jahren) in natürlicher Weise zusammen. Das ist möglich, weil wir uns jedem konkurrenzsportlichen Verhalten konsequent und vollständig entziehen. Wir sind der Ansicht, daß es Wettbewerb in anderen Lebensbereichen bereits genug gibt, wir brauchen ihn nicht in unserem Karate.

Wir würden jederzeit Anfänger auch im Alter von 40, 50, 60 oder 70 Jahren in unsere Gruppe aufnehmen. Wir würden uns über solchen Zuwachs wirklich freuen. Es kommt nur keiner... Das liegt aber nicht an uns. Wir schreiben regelmäßig über uns, mal auf der Internetseite (das ist zur Zeit etwas zurückgestellt) mal im Ortsblatt Mühlhausen (das hat zur Zeit Vorrang). Oder eben an dieser Stelle jetzt.

Ich selbst habe gerade ein Buch unter dem Titel "Dôjôkun. Die Ethik des Karate-dô" veröffentlicht. Es ist bei "Schlatt-books" erschienen, einem kleinen, aber renommierten Fachverlag für Karateliteratur. Wer dieses Buch liest, erkennt sofort die Richtung, in der sich unser Karate bewegt.

Wir integrieren, weil viele und sehr unterschiedliche Leute aus unterschiedlichen Beweggründen das Bedürfnis verspüren können, Karate zu betreiben. Sie finden bei uns im Keiko-kan e.V. die Möglichkeit dazu: Bei uns üben nicht nur Ältere und Jüngere gemeinsam, sondern auch Männer und Frauen, Ausländer und Deutsche, Arbeiter, Akademiker und Schüler. Wir haben zur Zeit zwei Türkinnen im Verein, hatten auch schon einen Russen, der leider wieder weggezogen ist. Bei uns üben Gesunde und Kranke miteinander: Wir haben im Verein Leute, die mit der Zuckerkrankheit oder MS leben, Leute die?s ernsthaft mit den Bandscheiben haben und andere, die aus nervlichen Gründen und Alltagsstreß "bloß" irgendwelche "Zipperlein" kultivieren.(Das gibts auch... und es ist eine ernste Sache und gar nicht zum Lachen.)

Wir bringen Behinderte und Nichtbehinderte miteinander in Kontakt: Eines unserer Mitglieder wurde mit nur einer Hand geboren; wir hatten schon ein Mitglied, das trotz ständiger Medikamentierung im Sekundentakt unter epileptischen Absencen litt. Das erfordert viel Verständnis und Geduld. Wir haben in den beiden letzten Jahren zwei Schwangere im Training gehabt, die nach der Entbindung ihre Babys mit ins Training gebracht haben, wenn sie keinen Babysitter finden konnten... Und wenn die Kleinen schreien, werden sie reihum auf den Arm genommen. Das eine Kind hat bei uns im Dôjô laufen gelernt. Kampfkunst wird im Keiko-kan, wie gesagt, lebensbegleitend geübt.

Leben ist selbstverständlich. Deshalb nehmen wir nicht an Wettbewerben teil, die unter dem Motto gestartet werden wie etwa "Wer integriert am schönsten einen Ausländer?" oder "Sport mit Behinderten" oder "Karate für Ältere". Wir bringen die Leute so zusammen, wie sie zu uns kommen. Und wir trainieren hart Karate. Manche sagen: wirklich hart. In den Karateverbänden jedenfalls werden unsere Leute sehr respektiert. Auch wenn sie nicht am Wettkampfgeschehen teilnehmen.

Unser Karate ist an der Selbstverteidigung orientiert. Wir üben Dinge, die auf jedem Wettkampf zur Disqualifikation führen würden, weil sie gefährlich sind. Dadurch lernen unsere Anfänger präzise Selbstbeobachtung und Konzentration. Sie werden zur Schärfe der Wahrnehmung erzogen. Dies folgt daraus, daß unsere Kampfkunst in der Tradition der Zenphilosophie steht.

In diesem Schreiben an Sie kann ich nicht all das schildern, was Karte für uns ist und wie wir es praktizieren. Aber um auf der Basis des Gesagten auf Ihren Fragebogen zurückzukommen: Wir haben kein Interesse, an einem Arbeitskreis "Mehr Bewegung für Ältere" teilzunehmen. Wir möchten nicht über "Aktivitäten der Seniorenberatung des Sportkreises Heidelberg" informiert werden. Wir haben keine Seniorengruppe. Wir wollen auch keine Seniorengruppe bilden. Und wir brauchen keine Unterstützung.

Aber wir nehmen jederzeit gerne Senioren auf: So, wie sie es sich vorstellen, "Senioren" ab 40 oder 50 (sind das schon "Senioren"?) und dies genauso gerne wie Senioren ab 60 oder ab 70. (Ab dem Alter von 71 Jahren wendeten auch die alten Römer, den Begriff senex (Greis, Senior) auf Männer an. Ab diesem Alter dürfen wir also getrost von "Senioren" sprechen, ich stimme zu....).

Wer älter ist oder aus anderen Gründen kein Karate machen möchte und das soll?s auch in einem Alter von 13 oder 14 Jahren geben der kann, wenn er trotzdem zu uns kommen möchte, in unseren Qi Gong-Kursen oder der Tai Chi Gruppe geistige und körperliche Bewegung finden.

Wenn Sie also einen Senioren oder eine Seniorin kennen, der in der oben geschilderten Umgebung und Atmosphäre Karate üben möchte, schicken Sie uns diese Person. Wir nehmen sie gerne auf. Wir brauchen einen Altersausgleich für die Kinder, die wir in unsere Abendkurse übernehmen mußten, weil sie am Nachmittag keine Freizeit mehr haben.

Wer zu uns stoßen möchte, muß bereit sein, regelmäßig zwei- oder dreimal pro Woche zum Unterricht zu kommen. Er muß sich auch darüberhinaus mit der Sache beschäftigen wollen. Wer bei uns mitüben möchte, muß entschlossen sein, es auch wirklich zu tun. Und dies am besten langfristig. Daß wir für langfristig Interessierte in besonderem Maße offen sind, ergibt sich aus dem Wort "lebensbegleitend" in unserem Statut.

Sollte ein solcher interessierter Senior  Senior im Sinne dieses Wortes schließt auch Frauen ein  SchichtarbeiterIn sein, können wir für sie oder ihn sogar an bestimmten Vormittagen Übungszeiten anbieten. Wer also will, der darf. Er muß nur zuverlässig sein... oder es werden wollen.

Herzlich grüßt Sie

Andreas F. Albrecht,

Erster Vorsitzender. Keiko-kan e.V. ,

4. Dan Karate (seit 2003)  anerkannt von DKV und DJKB