Zur Philosophie des Karate

Eine Bestandsaufnahme unter den Voraussetzungen westlicher Sportinteressen

Als das japanische Karate Anfangs der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts in Europa bekannt wurde, schien es uns eine geheimnisvolle, exotische, fast magisch anmutende Kunst zu sein. Jenen, die sie beherrschten, wurde eine nahezu mystische Unbesiegbarkeit nachgesagt. Eine rätselhafte Aura umgab alles, was mit Karate zu tun hatte. Wir glaubten, es entstamme geradewegs einer Welt stiller Tempel, geheimnisvoller Riten, tödlicher Handkantenschläge und tiefsinniger Lehren. In den Pioniertagen des europäischen Karate träumten viele noch von Meditation, Magie, Philosophie und Selbstfindung in der Kampfkunst.

Bereits ein flüchtiger Blick auf die Geschichte des Karate der fünfziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts zeigt jedoch, daß das Karate im Westen seit seinen ersten Anfängen in Europa und Nordamerika von einem weitaus nüchterneren Bild geprägt war.

Das Karate ist fast augenblicklich nach seinem ersten Bekanntwerden im Westen in die Einflußsphäre verbandssportlicher Interessen geraten. Und sobald sich die geschäftstüchtigsten Funktionäre der Karatewelt für den olympischen Gedanken zu begeistern verstanden, war endgültig alles verloren: Die Ideale der alten Philosophien des fernen Ostens waren für das sich rasch weltweit verbreitete Karate dahin.

Heute, im ersten Jahrzehnt des einundzwanzigsten Jahrhunderts, dominiert fast überall und fast ausschließlich die "Philosophie des Sports" das Karate. Sie ist für den Mainstream zum eigentlichen Rahmen seiner ethischen Ausrichtung geworden und bildet den gesamten Inhalt der tatsächlich praktizierten Karatephilosophie. Daß auch die Philosophie des Sports, vor allem seine Ethik, längst zerbrochen ist, braucht angesichts des immer aktuellen Dopinghintergrunds nicht diskutiert zu werden. Von Meditation und einer nach Innen-Wendung kann im modernen Karate, wie es von den großen, national und international operierenden Karateverbände repräsentiert wird, daher keine Rede mehr sein.

Dennoch gibt oder gab es selbstverständlich eine ursprüngliche Philosophie des Karate. Sie war und ist wie bei allen anderen, nicht versportlichten Kampfkünste des fernen Ostens - und das macht sie aus unserer westlichen Sicht durchaus "ursprünglich" - mit konfuzianischen, taoistischen, buddhistischen und shintoistischen Weltsichten und Philosophien verknüpft.

Was das Karate im engeren Sinne betrifft, sind die theoretische Grundlagen seiner ursprünglichen Philosophie wohl erst im zwanzigsten Jahrhundert aufgezeichnet worden. Wahrscheinlich steht uns bisher nur das wenigste, was zu unserem Sujet in Okinawa, Japan und teilweise bereits früher in China gedacht und geschrieben wurde, in europäischen Verkehrssprachen zur Verfügung. Viel Übersetzerarbeit und Publizistenengagement wird hier noch gefragt sein. Wir müssen uns also eingestehen, daß wir zur Zeit noch vergleichsweise wenig über die Materie wissen.

Einige der Schlüsseltexte zur Karatephilosophie des zwanzigsten Jahrhunderts sind inzwischen dennoch auch im Westen bekannt geworden, wenn sie auch ihrem Inhalt nach bei weitem nicht rezipiert worden sind. Der größte Teil der aktuell aktiven Karateszene ist nämlich so sehr von sportpolitischen Interessen bestimmt, daß philosophische, religionsvergleichende oder anthropologische Überlegungen und Interessen bisher kaum beachtung finden. Für eine wirkliche Auseinandersetzung mit der ursprünglichen Philosophie des Karate ist daher innerhalb eines Großteils der Karateszene eigentlich kein Raum.

Quellen zur Karate-Philosophie

Zu den wichtigsten Schlüsseltexten der älteren Karatephilosophie, soweit sie bei uns im Westen bisher bekannt geworden sind, gehören die "Zwanzig Regeln des Karate-Weges" (karate-dô nijûjô)  des Funakoshi Gichin und die vom gleichen Autor stammenden, aber weniger bekannten "Sechs Regeln" des Karate-dô.

Die "Zwanzig Regeln des des Karate-Weges"  sind nicht Teil eines Buches. Sie sind ursprünglich nur auf einer Photographie erhalten geblieben, die von einer Kalligrapie Funakoshis angefertigt worden ist. Das Original ist vermutlich verschollen. Dennoch hat der Text inzwischen in zahllosen, leider meist problematischen Übersetzungen, die viel Mißverständnis provozieren können, im Internet weite Verbreitung gefunden.

Die "Sechs Regeln", sind in Funakoshis Autobiographie "Karate-Dô. Mein Weg" enthalten. Der Text ist wohl auf dem Umweg über das Englische aus dem Japanischen ins Deutsche übersetzt worden. Wegen erkennbarer kultureller Mißverständnisse und seiner deutschsprachigen Ausgestaltungen ist auch dieser Text nicht unproblematisch. Solange wir nichts besseres haben, müssen wir allerdings damit zufrieden sein. Funakoshis Biographie ist beim Werner Kristkeitz Verlag in Leimen bei Heidelberg erschienen.

Die dôjôkun ist in der durch die JKA (Japan Karate Asotiation) verbreiteten Fassung wohl der allgemeinste und grundlegendste Text der modernen Karatephilosophie. Im Jahre 2003 habe ich selbst ein kleines Büchlein über die Dôjôkun bei schlatt-books veröffentlicht, ("Dôjôkun. Die Ethik des Karate-dô"). Darin habe ich vor allem den sprachlichen Gehalt dieses "Leitfadens für den Ort des Weges" untersucht und erläutert. So steht nun ein behutsam ins Deutsche übersetzter und erläuterter Text als Einstieg in die Karatephilosophie zur Verfügung.

Einen kritischen Blick auf die Dôjôkun wirft der allezeit zu schnoddrigen Betrachtungen aufgelegte US-Amerikanische Karatemeister Rob Redmond in seinem Artikel "The Dôjôkun's Lack of Guidance".

Weitere interessante Texte zur Karatephilosophie finden in Heiko Bittmann 's Doktorarbeit Berücksichtigung. Sie ist inzwischen in weiterer Auflage erschienen und kann unter dem Titel "Karatedô. Der Weg der Leeren Hand - Die Meister der vier großen Schulrichtungen und ihre Lehre" direkt beim Verlag Heiko Bittmann bestellt werden.

Eine überaus wichtige Quelle ist Harry Cook 's "Shôtôkan Karate. A Precise History". Dieses Buch zeigt in beeindruckender Weise den Wandel der Wertmaßstäbe, die dem Karate im Verlauf seiner jüngeren Geschichte zugeorndet worden sind.

Interessant könnte auch das Schrifttum von Werner Lind aus Bensheim sein. Die Veröffentlichungen von Werner Lind sind allerdings unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten von geringerem Interesse, da Lind in der Regel seine Quellen nicht offenlegt, was sehr bedauerlich ist.