Die Geschichte der 47 Rônîn. Kapitel 2 (Teil 3)

Leseprobe - urheberechtlich geschütztes Material

Was bisher geschah

In der letzten Folge wurde uns der Bösewicht dieser Geschichte ein erstes Mal vorgestellt: Fürst Kira, der Zeremonienmeister am Hofe des Shôgun. Er ist mächtig. Er liebt das Elegante und ist modebewußt, daraus resultiert in diesem Falle, daß er geldgierig, korrupt und hinterhältig agiert. Alles in allem ist Fürst Kira ein wenig widerlich.

 

Dann treten wir dem Shôgun Tsuneyoshi (Tokugawa) selbst gegenüber. Geboren im Jahr des Hundes. Er macht einen weibisch-affektierten Eindruck, gibt sich selbstverliebt und erscheint dem aufmerksamen Beobachter deshalb persönlich wenig standfest. Verständnisvoll sagt man sich: Verweichlichter Hochadel. Er ist nicht wirklich unsympatisch, aber offensichtlich ein Spielball der Kräfte am Hof. Seiner Unberechenbarkeit, die sich mit seiner großen Macht verbindet, läßt ihn unheimlich erscheinen.  

 

Fürst Asano, der Samurai alter Schule, macht von seiner Stadtresidenz aus zur Audienz bei Hofe auf. Seine Frau, die Fürstin Asano, ist um ihren Gatten in Sorge. Dessen Stolz und seine Abneigung gegen höfisches Getue, seine Geradlinigkeit und sein aufbrausendes Wesen lassen nichts Gutes ahnen. Er wird unweigerlich auf den Fürsten Kira treffen, der doch ganz offensichtlich fest entschlossen ist, für seine Beraterdienste auch vom Fürsten Asano von Ako Schmiergelder zu fordern.

 

Und jetzt...

 

 

 

Der Diener lachte heiser über diese Bemerkung und rief seinem Gefährten zu:

"Der hohe Herr will wissen, warum wir unserem Passagier nicht mehr Ehrfurcht erweisen. Sollen wir es ihm zeigen?" "Natürlich", antwortete der andere Mann. "Warum auch nicht?"

 

Die Sänfte nahm ihren Weg durch den immensen Garten, der das Anwesen umgab. Fürst Asano genoß die bemerkenswert ästhetische Wirkung, die von ihm trotz der winterlich kahlen Bäume im frühen Morgenlicht ausging. Es gab im ganzen Garten kein einzelnes gestalterisches Element, das sich in den Vordergrund gedrängt hätte. Er präsentierte sich als Gesamtkomposition in jener umfassend natürlichen Heiterkeit und Gelassenheit, die einst von seinem Großvater sorgfältig geplant worden war, zu einer Zeit, in der es noch Kriege und andere Bedrohungen gegeben hatte und die Daimyôs viel Zeit in der Hauptstadt verbringen mußten. Inzwischen hatten sich die Zeiten geändert. Es hatte während der letzten Jahre, solange Fürst Asano zurückdenken konnte, nicht einmal mehr einen kleineren Aufstand gegeben. Es schien ihm, wie schon so viele Male zuvor, daß das Leben zur Zeit seines Großvaters aufregender gewesen sein mußte. Damals war das Schwert noch dazu bestimmt gewesen, Streitigkeiten aus der Welt zu schaffen. Inzwischen war es zu einem einfachen Rangabzeichen verkommen.

 

Die Sänfte wurde rasch durch das Tor getragen, so schnell, daß Kataoka in einen leichten Trab fallen mußte, um mit ihr Schritt zu halten. Doch als sie in den Lärm und das Gedränge in den engen Straßen der Stadt eintauchte, waren die Träger gezwungen, eine langsamere Gangart anzuschlagen. Die meisten Passanten wichen zur Seite, als sie die wappengeschmückte Sänfte eines Daimyôs erblickten. Doch im allgemeinen Gedränge nahm sie nicht jeder sofort wahr oder gab wenigstens vor, sie nicht bemerkt zu haben, um hartnäckig weiter seinen Geschäften nachzugehen, bis er entschlossen zur Seite geschoben wurde.

 

Fürst Asano hatte sich nie an das bunte Durcheinander der verschiedenen Gesellschaftsschichten gewöhnt, das in Edô üblicherweise herrschte. Von den höchsten Edelleuten des Hofes bis zu den niedrigsten Gemeinen drängte sich ein jeder hier im Geschäftszentrum, um bei reich und fett gewordenen Händlern zu kaufen.

 

Es waren hier alle Schichten der Bevölkerung vertreten, selbst heruntergekommene Rônins, wie man jene Samurais nannte, die keinem Dienstherrn verpflichtet waren. Man sah Bauern, die ihre Wirtschaft aufgegeben hatten und nun in die Stadt gekommen waren, um Arbeit zu finden. Manche von ihnen waren viel zu stolz, um sich ein Stück Brot zu erbetteln. Ganz anders die professionellen Bettler, die laut und frech, wie es in Edô üblich geworden war, um Almosen anhielten.

 

Sie erinnerten den Fürsten Asano an den Jungen, mit dem es am Morgen die Auseinandersetzung wegen der Feuerstelle gegeben hatte. Obwohl er heute seine Stellung verloren hatte, war doch kaum anzunehmen, daß er in Schwierigkeiten steckte. Leute wie er besaßen genug Unverfrorenheit, um sich augenblicklich das Wissen anzueignen, das sie brauchten, um auf der Straße ihr Glück zu machen. Vielleicht schrie er hier bereits irgendwo lauthals um irgendwelche Gaben, vielleicht gab er sich als Mönch aus, der im Namen einer verdienstvollen Sache bettelte.

 

Auf einmal mischte sich in das überwältigende Getöse in den Gassen ein ganz anderes, eigentümliches Geräusch. Von irgendwoher erklang das Lied des Todes. Kataoka wies die Träger an, zur Seite zu treten, um eine entgegenkommende Beerdingungsprozession vorbeizulassen. Durch das Fenster der Sänfte konnte Fürst Asano sehen, daß der Leichenzug aus nur zwei Männern bestand, beide offensichtlich Diener, die einen groben, ungewöhnlich kleinen Sarg an einer Stange zwischen sich trugen. Kataoka erstarrte wie vom Donner gerührt an der Seite der Sänfte, als Fürst Asano ihm die Bemerkung zuwarf:

"Nicht gerade das beste Omen am frühen Morgen, was, Kataoka?"

Kataoka drehte sich um und sah, daß sein Herr nicht lächelte. Er fühlte den Drang, etwas zu unternehmen, um die düstere Stimmung seines Fürsten aufzuhellen.

 

Die Diener mit dem Sarg hatten ihren Gesang gerade unterbrochen. Als sie näher kamen, murrte einer von ihnen über die Last. In einer Mischung aus Verzweiflung über die gedrückte Stimmung seines Herrn und aus Ärger über die schlechten Manieren dieses Mannes, rief Kataoka ihm zu:

 

"Ho! Seine Last ist klein genug! Worüber beschwert Er sich? Kann Er seinem Toten nicht mehr Ehrfurcht erweisen?"

Der Diener lachte heiser über diese Bemerkung und rief seinem Gefährten zu:

"Der hohe Herr will wissen, warum wir unserem Passagier nicht mehr Ehrfurcht erweisen. Sollen wir es ihm zeigen?" "Natürlich", antwortete der andere Mann. "Warum auch nicht?"