Die Geschichte der 47 Rônin. Kapitel 2 (Teil 4)

Leseprobe - urheberechtlich geschütztes Material

Was bisher geschah

Fürst Asano von Ako hat sich aus seinem Stadthaus in Edo zum Hofe des Shoguns aufgemacht. Die Szene ist bedrückend, dann begegnet dem kleinen Troß des Fürsten auch noch der Beerdigungszug eines... Hundes. Dies führt zu einem kurzen Aufenthalt des Fürsten und seiner Begleiter in der bizarren Straßenszenerie Edos. Schon ist diese kleine Unterbrechung auf dem Weg zum Ort des Dramas vorüber ... Da: die Sänfte des Fürsten Asano ist soeben aufgehoben worden und weiter wird sie zum Schloß des Shognus getragen...  

 

 

Fürst Asano dachte in seiner Sänfte über den toten Hund nach. Er schien ihm geradezu ein Sinnbild für diese wirre Welt von Edo zu sein: Tiere wurden hier behandelt wie Menschen! Er würde so etwas niemals verstehen. Er wünschte sich nichts mehr, als diese Stadt schleunigst wieder verlassen zu dürfen.

 

Als die Sänfte aus der letzten Gasse hinaus auf eine breite Straße getragen wurde, welche am Schlossgraben entlangführte, seufzte er und lehnte sich dann vor, um sich gründlicher umzusehen. Der Graben, der das Schloss umgab, war an dieser Stelle so tief, dass man das Wasser darin kaum sehen konnte. Er blickte auf eine hohe Mauer aus gigantischen Granitblöcken jenseits des Wassers, die eine unüberwindbare Barriere um das den Blicken entzogene Schloss bildete. Die Träger folgten dem Graben und schritten einen kleinen Hügel hinauf einem Eingangstor entgegen, welches eine enge, hohe Brücke über dem ruhigen Wasser bewachte.

 

Am Tor standen Wachen, die Haltung annahmen, als sich die Sänfte näherte. Sie waren mit Lanzen und Hellebarden bewaffnet, die sie in Hab-Acht-Stellung präsentierten, während Kataoka die Gruppe auswies und den Grund ihres Einlassbegehrens nannte. Sofort wurde ihnen durch einen Kommandoruf Passage gewährt. Darauf überquerten sie die Brücke und betraten den Hof des Schlosses. Rechts von ihnen erstreckte sich ein langer, hölzerner Bau, der eine volle Kompanie von wachhabenden Soldaten beherbergte. Bewaffnete hielten die Sänfte erneut auf, und Kataoka musste erneut endlose Ausweisformalitäten über sich ergehen lassen. Dann bewegte sich die Sänfte entsprechend den Sicherheitsbestimmungen im Schloss nur noch in gemäßigtem Tempo fort. Sie erreichte eine Vorburg, in der ausgewählte Edelleute mit ihren Familien lebten. Um diese Vorburg erstreckten sich in quadratischer Anordnung eine Reihe von Palästen und Höfen, die gleichsam eine eigene kleine Stadt bildeten, die den niederen Rängen der Beamten als Wohnstatt zugewiesen war. In den Straßen dieser Beamtenstadt war es jedoch ruhig, da die Beamten wie die meisten Edelleute in ihren Häusern damit befasst waren, sich auf die Ereignisse des Tages vorzubereiten.

 

Weiter hinten, auf einer höheren Ebene, erstreckte sich die innere Burg, die offizielle Residenz des Shôguns. Sie war von einem weiteren Graben und außerdem noch von einer gewaltigen Granitmauer umgeben, die dem äußeren Wall in ihrer Bauart vollkommen glich. Eine Zugbrücke führte über den Graben, der sie umgab. Als Fürst Asanos Tross sie überquerte, verlangsamte die Sänfte ihre Geschwindigkeit noch einmal ? entsprechend den unabänderlichen Regeln des Hofes.

 

Innerhalb der inneren Mauer erhoben sich einige mehrere Stockwerke hohe Wachhäuser. Sie wurden durch eigene Erdwälle geschützt, die jeweils in den Ecken der Befestigung lagen. Der strahlend weiße Turm der Hauptburg überragte alle übrigen Gebäude. Bei seinem Anblick tauschte Fürst Asano einen kurzen, einvernehmlichen Blick mit Kataoka: Der Anblick der großen quadratischen Masse aus Stein und Mörtel, die im Rhythmus enger, weißvergitterter Fenster gegliedert war und durch endlose Reihen von kurvigen Dächern unterbrochen wurde, die im Zick-Zack, eines über das andere getürmt, zu einem hohen Kamm aufragten, erinnerte sie an ihre Heimat. Am Ende jeder Dachgalerie befand sich, wie an ihrer Burg Akô, ein bronzener Fisch mit erhobener Schwanzflosse. Akô war zwar bei weitem nicht so hoch und auch nicht so reich verziert, doch allein die ähnliche Gestalt des Turmes weckte in ihnen heimatliche Gefühle.

 

Am Eingang zur Burg hielt die Sänfte an und Fürst Asano stieg aus. Er konnte das Gebäude, das sie angesteuert hatte, direkt über eine erhöhte hölzerne Veranda betreten, sodass die Träger ihm beim Verlassen der Sänfte keine Hilfe leisten mussten. Er sah mit einem Ausdruck der Abneigung auf sein leuchtend grünes Kostüm herab. Dass die Etikette eine solche Art der Bekleidung vorschrieb, vergällte ihm das Leben in der Hauptstadt eigentlich am meisten. Abgesehen von der albernen Stoffbahn, die auf einer Seite des Gewandes überhing und ihn stets, wenn er seinen Kopf neigte, behinderte, weil sie herunterzurutschen drohte, war er in einer breitschultrigen Kamishimo-Jacke festgebunden, die seine Armbewegungen einschränkte.

 

Doch das Schlimmste waren für ihn die schwerfälligen Hosen, die Kataoka nun für Fürst Asanos Eintritt in die Burg eilends zurechtzog. Die voluminösen Hosenbeine hatten nämlich einige Fuß Überlänge und breiteten sich hinter dem Träger in einem zweifellos ästhetisch interessanten Effekt flach über den Boden aus.

 

Ihr Schnitt erforderte viel Geschick beim Gehen, und Fürst Asano, von Natur aus ungeduldig, fühlte sich durch diese Kleidung eingeengt und verwundbar. Er verspürte unausgesetzt den Drang, Löcher in die Hosenbeine zu reißen und in gewohnter Weise voranzuschreiten, anstatt zierliche Schritte zu tun wie eine Frau in einem Kimono. Kataoka hatte das Gewand so auszurichten, dass es der Richtung angepasst war, in die sein Herr zu gehen beabsichtigte.

 

Er zog sich, als er damit fertig war, mit einer tiefen Verneigung zurück. Er würde nun gemeinsam mit den Trägern in der Nähe des Wachlokals warten, bis die Zeremonien vorbei waren. Es war ihm selbstverständlich untersagt, die innere Burg, unter welchen Umständen auch immer, zu betreten, denn niemand im Rang unterhalb eines Daimyôs wurde je zum jährlichen Empfang der kaiserlichen Gesandten zugelassen.

 

Fürst Asano nahm sich sichtlich zusammen, straffte seine Schultern und wandte sich zur Tür. Obwohl es nur ein kurzes Stück bis dahin war, schien es ihm doch endlos. Vorsichtig hob er einen Fuß nach dem anderen, stieß ihn jeweils leicht vorwärts, um ihn schließlich behutsamen Schritts nach unten direkt auf das Hosenbein abzusetzen. Er musste dabei einige Wachen passieren, die ihn beobachteten.

 

Der Fürst schritt an ihnen mit demselben Maß an Achtsamkeit vorüber, das er auch dem Shôgun entgegengebracht hätte, denn er wusste, dass Kira ihn gnadenlos zurechtweisen würde, wenn er auch nur einen falschen Schritt machte. Er war jedoch entschlossen, all diesen Höflingen und Stadtmenschen zu beweisen, dass auch ein Samurai vom Lande das Spiel nach ihren Regeln zu spielen wusste.