Abschied vom "Kangeiko in Malsch"

Von 2002 bis 2006 haben wir im Freizeitheim in Malsch (bei Heidelberg) einen besonderen Karate Lehrgang durchgeführt: Das "Kangeiko in Malsch". Wir haben Karate, Qi Gong und Zenmeditation zu einer dichten Einheit verwoben und dem Aspekt des gasshuku, des zusammen Wohnens und Trainierens eine für uns bisher unübertroffene Qualität verliehen. 

Von diesem Lehrgang müssen wir uns nun verabschieden. Es wird kein Kangeiko 2007 in Malsch geben... und auch keins in den Folgejahren. Wieso und weshalb und wie das seit langem vorhersehbare Ende nun gekommen ist, könnt Ihr aus dem Folgenden entnehmen. Zur Untermalung des Ganzen habe ich einige (bekannte) Bilder dazugefügt...  

Abschiedsstimmung. Allen, die mit dazu beigetragen haben, das Kangeiko in Malsch zu dem zu machen, was es gewesen ist, danke ich von ganzem, aus tiefstem Herzen.

 

Kangeiko in Malsch - was war das?

Jahr für Jahr haben einige wenige idealistische Helfer gemeinsam mit mir das "Kangeiko in Malsch" mit einem (im Grunde viel zu großen) Aufwand logistisch vorbereitet.  An meine wenigen, aber engagierten Helfer: DANKE! 

Anfang Januar, immer am Zweiten oder Dritten, sind wir mit jeweils fünfzehn Gleichgesinnten in "unser" Freizeitheim eingezogen. Eine kurze Einführung in den Sinn der Übung. Organisatorisches war zu klären. Und dann: Schweigen.

 

Wir erfüllten das schäbige Heim mit einem glühenden Leben. Haus und Teilnehmer atmeten shôshin, den Anfängergeist, fudôshin, den unbeweglichen Geist, und shugyô, Ernsthaftigkeit. Manche waren anfangs unsicher und ängstlich...  Vier Tage Schweigen und auf engstem Raum und unter für unsere überflußverwöhnte heutige Zeit schon ein bißchen kargen Verhältnissen meditieren, leben und trainieren... das wirft schon mal die ein oder andere bange Frage auf.

Die Erfahrenen wußten es vom vorigen Mal, die Neuen hatten es vielleicht gehört oder sie wußten es instinktiv, konnten es förmlich riechen: Diese Übung in "Karate und Meditation" war kein gewöhnlicher "Karate-Lehrgang", sondern ein Gesamtkunstwerk, das sie bis unter die Haut erfassen würde. 

Dôjô und Eßraum waren das selbe, also haben wir immer "umgebaut": Tische und Stühle rein und raus... .  Oft hatte ich das Gefühl, daß wir gerade beim schweigenden Tischetragen unsere Gemeinschaft zusammengeschweißt haben. Wir sind zusammen auf dem Meditationskissen gesessen, haben trainiert, gegessen, alles in ein und dem selben Raum. Aber das gemeinsame, Hand in Hand gehende Tischetragen war der Indikator für den inneren Zustand der Gruppe. Einander helfen, beistehen. Seishin ga tsuyoku natta: Die Herzen wurden stark. 

Wir arrangierten uns mit den Widrigkeiten. Das Duschen in der Männerdusche mit dem seit fünf Jahren defekten Brauseschlauch...die Frauen mußten erkennen, daß an der einzigen Brause in der Damendusche auf dem Wasserhahn das Rote blau und das Blaue rot ist... warm-ist-blau-und-kalt-ist-heiß. Das schärft die Sinne... 

Wir haben in einer Küche gekocht, in der es erst so richtig porentief sauber war, nachdem unser Lehrgang um war. Wir haben schweigend den Kniest weggeputzt, der im Laufe des Jahres von gleichgültigen Gruppen hinterlassen worden war. Trotzdem haben wir Jahr für Jahr  noch 30,-- Euro für Endreinigung bezahlt... Und das war's dann... bis zum nächsten Jahr.

Daruma Daishi - auf dem "Hausaltar" des Kangeiko in Malsch

Und wenn wir dann Jahr für Jahr nach jeweils vier Tagen auseinandergegangen sind, waren wir eine Gemeinschaft, die sich in Schweigen und  - man darf das schon sagen - wirklich harter Übung miteinander verschworen, verflochten, verschweißt hatte. Zu Beginn der Lehrgänge haben sich die alten Hasen gegenseitig freundschaftlich beschnuppert (na, trauste Dich wieder?) und die paar Neuen, die jedes Jahr dabei waren, herzlich in den Kreis aufgenommen. Und in wenigen Tagen wurden beim Kangeiko in Malsch fast Fremde zu Freunden, egal, woher sie zu unserem Kangeiko gekommen waren. Gleichgültig, ob sie Anfänger oder hochgraduierte Danträger waren... die Wirklichkeit im Hier und Jetzt hat jedem seine eigene Erfahrung gebracht. 

Anfang Oktober 2006 hatte ich (an Birgit) geschrieben: "Wenn es dieses Kangeiko einmal nicht mehr gibt, können wir allerhöchstens einen anderen Lehrgang machen. Der sollte dann schon gar nicht erst Kangeiko heißen. Das wird dann was anderes sein. Schnüff... schneuz... eine Ära wird einmal zu Ende gehen." 

Nun ist es soweit. Das Heim ist geschlossen. Die Ära ist zu Ende. Zukünftig wird es dieses Kangeiko nicht mehr geben. DIESES Kangeiko kann es nämlich nur so geben, wie es ist, wie es war... alles Andere wäre nur ein Imitat. Wir würden diese Geschlossenheit woanders nicht mehr so leicht hinbekommen, wir können nirgendwo sonst diese Atmosphäre erzeugen. Ich hatte geschrieben: "Ein Lehrgang, der an einen anderen Ort verlegt wird, wird auch anders heißen müssen. "Kangeiko in Malsch"... Du weißt schon... es kann nur einen geben. Nur einen solchen Lehrgang. Ich hab schon einen neuen Namen, für alle Fälle... falls es einmal Andernorts einen Neujahreslehrgang geben sollte, dem ich meine Handschrift verleihen kann.

Ein Abschiedsbrief

Hallo Birgit, 

am 16. Oktober (2006) habe ich Frau Gerber angerufen wegen des Freizeitheimes in Malsch. Sie sagte: 

"Haaach, Herr Albrecht.... Heute Mittag hatten wir's von Ihnen... Hör'n Sie... beim Ausräumen des Heims haben wir festgestellt, daß das Schild "Schweigen", das sie im Januar vergessen haben, immer noch an der Türe hängt... Verstehn Sie, Herr Albrecht... Beim AUSRÄUMEN..." 

Tja... und damit ist die traurige Nachricht auch schon offiziell. Was ich Dir vor Tagen geschrieben habe, war offensichtlich schon der Nachruf auf unser Kangeiko in Malsch.  

Demnächst werde ich ihn auf unsere Internetseite  setzen, die Du hoffentlich kennst. Vielleicht noch ein paar Bilder von der ollen Kaschemme dazu knipsen....

Das Heim wird abgerissen, das Grundstück wird als Bauland verkauft. Die Kirche ist pleite, alle Kultur wird weggespart. Dieses ganze Land wird in nicht allzuferner Zukunft mitsamt seiner Kultur weggespart sein. In der evangelischen Kirche Nord-Baden gibt es inzwischen zu wenig Kirchensteuerzahler, zu wenig Geld in öffentlichen Kassen, außerdem ganz allgemein zu viel Vetternwirtschaft, zu viel Verwaltung, zu viele Regeln, zu viele Verbote. Vor allem gibt es zu viel Sinn für schnelles Geld.  Diese Strukturen und Tendenzen werden allmählich alles zum Erliegen bringen. 

Nun sieht es also so aus, daß es Januar 2007 kein Kangeiko mehr geben wird. Ich kenne keinen geeigneten Ort, an den wir ausweichen könnten und ich kann auch keinen aus dem Boden stampfen. Wenn es einen irgendwie ähnlichen LG geben sollte, wird der schon mal teurer werden müssen, weil ich die Verpflegung zukünftig nicht mehr selbst organisieren möchte. 

Ob ich es wagen kann, irgendwo was zu mieten, mitsamt dem Catering... Ich weiß es nicht. Es gibt zu wenig Leute, die auf meinen Lehrgang kommen... mich kennt als Karateka ja so gut wie keiner...  Und wer will schon sowas wie unser Kangeiko? Die meisten der tapferen Karatekas haben ja Angst davor. Vier Tage Schweigen.... Ob es überhaupt noch mal einen Lehrgang "Karate und Meditation" geben wird? - Wann??? Wo??? Wer weiß? 

Vielleicht organisiert ja jemand irgendwo den LG und lädt mich als Lehrer ein...? Ein auf die Gegebenheiten abgestimmtes Programm kann ich immer schreiben. Lust hätte ich auch. Irgendwie war das Kangeiko (und sein früherer Vorläufer in Heidelberg) für mich schon immer die Krönung dessen, was ich unter Karate verstehe. Eine Reminiszenz an die Kultur der Stille. 

Aber vielleicht gibt es in Zukunft halt einfach einen solchen LG nicht mehr. Ich kann Karate- und Qi Gong-LG anbieten, mit und ohne Meditation... man wird sehen. 

Trotz trauriger Nachricht sendet Dir herzlich liebe Grüße: 

Andreas

 

 

Kangeiko 2008 in Schönau bei Heidelberg

(Im Jahre 2010 eingefügte Notitz):

Seit dem Jahre 2008 führt das Karate Dôjô Keiko-kan e.V. sein Kangeiko unter dem Motto "Karate und Meditation" nach altem und bewährtem Muster in Schönau durch. Schönau liegt wenige Kilometer östlich von Heidelberg.

Weil der Begriff "Kangeiko"schon so eingeführt war, haben wie ihn nun doch beibehalten. Seit 2008 heißt das Seminar ganz allgemein: "Kangeiko - Karate und Meditation". Veranstaltungshaus ist das ICC "Pfälzer Hof" in 69250 Schönau im Odenwald.

Die Ausschreibungen erfolgen auf dieser Internetseite unter "Aktuelles."