Die Geschichte der 47 Rônin. Kapitel 2 (Teil 5)

Leseprobe - urheberechtlich geschütztes Material

Was bisher geschah

Der Fürst Asano von Ako hat sich von seinem Stadthaus zum Schloß des Shôguns begeben. Er muß einer wichtigen Audienz beiwohnen, eine Pflicht, dier er nur unter größten inneren Widerständen nachkommt. Asano denkt und handelt wie der einfache und unverdorbene Landadel generell konservativ und ist den traditionellen Werten verbunden. Er verabscheut alles höfische Getue. Vor allem hat Asano es abgelehnt, sich das Wohlwollen des Höflings Kira, eines mächtigen Hofschranzen, mit Bestechungsgeschenken zu erkaufen, obwohl er von Kira am Hofe das Shôguns abhängig ist.

 

Einer der Wächter öffnete ihm die Tür. Er betrat einen Warteraum vor der riesigen "Halle der Tausend Matten", in der die offiziellen Zeremonien abgehalten wurden. Hier wartete er, damit sich seine Augen an das gedämpfte Licht gewöhnen konnten.

 

Der Warteraum war geräumig. Er war von einer hohen Decke mit vergoldeten Stützbalken überspannt, die von reichgeschnitzten Säulen getragen wurden.

 

Als er die mit Goldborten gesäumten Matten betrat, bemerke der Fürst, dass, obwohl es noch reichlich Zeit bis zum Beginn der Zeremonien war, etliche seiner fürstlichen Kollegen bereits vor ihm angekommen waren.

 

Alle trugen ein Hofkostüm, das dem seinen ähnlich war. Die Gewänder der einzelnen Fürsten unterschieden sich nur in jenen Details, die den Rang ihrer Träger anzeigten. Einer der Anwesenden, der ein Kostüm trug, das dem des Fürsten Asano vollständig glich, außer, dass es von goldbrauner Farbe war, sah zu ihm herüber. Asano setzte sich in Richtung auf diesen Herrn in Bewegung.

 

Es war Fürst Date von Yoshida, ein schneidiger, athletisch wirkender Mann in den Dreißigern. Er würde im Protokoll der bevorstehenden Veranstaltung gewissermaßen den Gegenpart zur Rolle des Fürsten Asano übernehmen. Ihre beiden Namen waren durch das Los bestimmt worden. Sie würden als offizielle Repräsentanten des Shôguns beim Empfang der kaiserlichen Gesandten aus Kyôtô fungieren.

 

Es war eine jährliche Prozedur, einer der wenigen Kontakte zwischen dem Kaiser, der nur dem Namen nach der Regent war, und dem Shôgun, der der Inhaber der eigentlichen Regierungsgewalt war.

 

Sowohl Fürst Asano als auch Fürst Date hatten die Ehre ihrer Wahl mit der Begründung abgelehnt, dass sie mit der Etikette des Hofes nicht genügend vertraut seien, doch sie hatten mit ihrer Einlassung keinen Erfolg gehabt. Nun waren sie unter Kiras Fittiche gestellt, der mit ihnen die Einzelheiten des für diesen Anlass vorgeschriebenen Protokolls einzuüben hatte und beide waren, was das Einstudieren ihrer Rollen im bevorstehenden Zeremoniell betraf, vollkommen von Kira abhängig.

 

Während Date wenig Konflikte mit Kira hatte, musste Fürst Asano wegen seiner "Manieren vom Lande" ständige Zurechtweisungen hinnehmen. Nun, zu Beginn des letzten Tages, machte Fürst Date einen kühlen und selbstsicheren Eindruck, während Asano merklich besorgt war.

 

"Guten Morgen", sagte Fürst Asano mit nachlässiger Verbeugung.

"Guten Morgen, Fürst Asano", lächelte Date.

"Ihr seid früh dran, nicht wahr?"

"Nicht früher als Ihr", gab Fürst Asano zurück.

"Ist es möglich, dass Ihr nervöser seid, als Ihr erscheint?" Date lachte.

"Ihr seid der Nervöse. Man könnte meinen, Ihr müsstet in die Schlacht ziehen."

"Ich wünschte, es wäre eine Schlacht", erwiderte Fürst Asano unwillig. "Ich bin ein Junker vom Land. Mir fehlt das Geschick, mit diesen Höflingen in ihren ausgefallenen Hosen zurechtzukommen. Männer wie Kira", er sprach den Namen angewidert aus, "sind von niedrigerem Rang als wir, und doch sind wir gehalten, zu springen, sobald sie uns herumkommandieren."

Er schüttelte den Kopf.

"Ich scheine hier einfach meine Position nicht zu kennen."

"Ich verstehe nicht, weshalb Ihr mit Kira solche Scherereien habt", sagte Date mit listigem Lächeln. "Er hat mich respektvoll behandelt, obwohl ich genauso tollpatschig bin wie Ihr, was protokollarische Dinge anbetrifft."

Fürst Asano sah ihn wachsam an.

"Glaubt nicht, dass ich Euer Geheimnis nicht kenne, Fürst Date. Ihr habt seinen Forderungen nachgegeben und ihn ausgezahlt."

"Das habe ich nicht!" zischte Date.

"Nun, falls das Eure Berater für Euch übernommen haben sollten, würde das auch kein gutes Licht auf Euch werfen, schließlich sollte man wissen, was im eigenen Hause so alles vor sich geht!"

Dates Gesicht wurde rot. Er wollte gerade etwas Passendes erwidern, als sich die Schiebetüren zur inneren Halle öffneten und Fürst Kira schwerfällig heraustrat. Er lächelte herablassend in die Runde, wobei er seine modisch geschwärzten Zähne bleckte. Dieser Anblick ließ den Fürsten Asano erschaudern, der sich von solchen Zeichen der Dekadenz stets unangenehm berührt fühlte.

 

Die Nüsse, die gekaut werden mussten, um den schwärzenden Effekt an den Zähnen zu bewirken, waren teuer. Die Mode des Zahnschwärzens erschien ihm ohnehin als der Gipfel der Anstößigkeit, denn sie stand in äußerstem Gegensatz zu allem, was Buddha oder Konfuzius gelehrt hatten.

 

In Asanos Augen war Kira daher der Inbegriff dessen, was bei Hofe nicht stimmte. Er war korrupt, nutzlos und selbstgefällig ? und damit weit vom traditionellen Ideal der Samurais entfernt, weiter, als es überhaupt möglich schien.