Der personenzentrierte Ansatz des Psychologen Carl Rogers und Grundhaltungen nach der Dôjôkun

Ein Beitrag von Dipl. Psych. Astrid Albrecht, 3. Dan Karate-dô

 

Der folgende Beitrag wurde von Astrid Albrecht verfaßt. Er legt dar, daß die Ziele der klientenzentrierten Psychotherapie mit den Idealen der Dôjôkun insofern übereinstimmen, als daß beide Denk-Modelle in gleicher Weise und mit den selben Methoden die Entwicklung der Persönlichkeit voranbringen.

 

 

Personenzentrierter Ansatz und Kampfkunstphilosophie

Der personenzentrierte Ansatz von Carl Rogers hat bezüglich seiner Grundannahmen aus dem Bereich humanistischer Philosophie mit den konfuzianisch, wie auch vom Zen geprägten Dôjôkun einiges gemeinsam.

 

 

Der Psychologe, Psychiater und Psychotherapeut Carl Rogers

Carl Rogers wurde am 08. Januar 1902 in Oak Park, einem Vorort von Chicago in Illinois geboren. Er lehrte bis 1963 als Professor für Psychologie und Psychiatrie an der Universität von Wisconsin. Als vom humanistischen Menschenbild geprägter Wissenschaftler und Therapeut begründete und entwickelte er die personenzentrierte Gesprächspsychotherapie und gründete in La Jolla, Kalifornien das "Centre for the Study of the Person".

 

In seinen späteren Lebensjahren beschäftigten Carl Rogers infolge eigener schwer zu verkraftender Lebenserfahrungen zunehmend auch spirituelle Fragen. Er begann, sich für fernöstliche Philosophie und Weisheitslehre zu interessieren. Rogers stellte immer wieder den nach Stimmigkeit und Ganzheitlichkeit suchenden Menschen in den Mittelpunkt seiner Betrachtung.

 

Bei einem Vortrag an der Universität Wien 1981 brachte er zum Ausdruck, daß er seine Forschungsergebnisse teilweise als "mystische Erfahrungen" betrachtete, die ihn an die 'Dimension des Transzendenten' stoßen ließen.

 

Im Jahre 1986 wurde die "Association for the Development of the Person-Centred Approach" gegründet, an deren erster Zusammenkunft in Chicago Rogers noch selbst teilnehmen konnte. 1987 wurde Rogers für den Friedensnobelpreis nominiert. Kurze Zeit nach seinem 85. Geburtstag verstarb er am 4. Februar 1987 in La Jolla in Kalifornien.

 

In fortgeschrittenem Alter von über 80 Jahren soll er einmal geäußert haben, daß ihm in Kindertagen geweissagt worden sei, er würde jung streben, weil er ein kränklicher kleiner Kerl gewesen sei. Diese Vorhersage habe sich nach seinem Dafürhalten zutiefst erfüllt, zumal er der Ansicht sei, wohl eines Tages jung zu sterben.

 

Nach Rogers ist unser menschliches Streben nach Selbstverwirklichung und Selbstaktualisierung zentral im Hinblick auf unser Handeln. Nach seiner Theorie sind wir Menschen bestrebt, alle in uns angelegten geistigen, seelischen und körperlichen Potentiale zu entfalten. Dabei hat jeder von uns das Bedürfnis nach bedingungsloser positiver Wertschätzung, also den Wunsch, angenommen zu sein, wie er ist.

 

Idealselbst und Realselbst

Schon im frühen Kindes- und Jugendalter setzen wir uns mit unserer Umwelt auseinander. Die hierbei gemachten Erfahrungen beeinflussen die Entwicklung unseres Selbstkonzeptes. Die Rigidität wichtiger Bezugspersonen bezüglich Bewertungen unserer Handlungen, deren Verschlossenheit und geringe Akzeptanz von Abweichungen von ihren Wertmaßstäben verursacht dabei häufig Blockaden in unserer Fähigkeit zur Entfaltung. Dabei kann es dazu kommen, daß unsere Idealvorstellung von unserem Selbst, (also wie wir gerne sein möchten), mit der Wahrnehmung und Bewertung des realen Selbst, (wie wir uns tatsächlich wahrnehmen), nicht übereinstimmt. Wenn Idealselbst und Realselbst zu stark voneinander abweichen, entsteht Inkongruenz, die schließlich zu psychischen Störungen bis hin zu Erkrankungen führen kann.

 

 

Personenzentrierter Ansatz

Der personzentrierte Ansatz bezeichnet die Haltung des Psychotherapeuten, die es dem Klienten ermöglicht, Blockierungen seiner Selbstaktualisierungstendenz aufzulösen und seine Wachstums- und Entwicklungsimpulse auszuleben. Drei Aspekte kennzeichnen diese therapeutische Grundhaltung:  

 

  1. Bedingungslose positive Wertschätzung der Person mit ihren Schwierigkeiten und Eigenheiten.
  2. Empathie im Sinne eines verständnisvollen Einfühlens in die Sichtweise des anderen, sowie die Fähigkeit, die Empathie zu kommunizieren.
  3. Kongruenz im Sinne eines Offenseins für die Wahrnehmung des eigenen Fühlens und Erlebens, sowie der eigenen Bewertungen, und infolge dessen Echtheit im eigenen Auftreten als Gesprächspartner und menschliches Gegenüber.

 

Das von diesen Grundhaltungen geprägte Beziehungsangebot an den Klienten als solches ist bereits heilsam und befördert seine Entfaltung nach seinen Möglichkeiten im oben genannten Sinne. Ziel der Therapie ist es, ein positives Selbstkonzept zu entwickeln, das in sich stimmig, also kongruent ist. Die 'fully functioning person' im Sinne Rogers, also eine vollständig funktionsfähige Persönlichkeit, ist das Resultat.

 

 

Positives Selbstkonzept

Personen mit einem positiven Selbstkonzept können Konflikte und unangenehme Ereignisse leichter bewältigen als solche mit einem beschädigten Selbstkonzept. Sie haben ein stabileres Selbstwertgefühl und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und insofern bessere Bewältigungsmöglichkeiten zur Verfügung und müssen auf Konflikte nicht mit Abwehr oder Aggression reagieren. Sie können sowohl positive als auch negative Gefühle aushalten und angemessen ausdrücken, sich mit den Anforderungen ihres Lebensalltags auseinander setzen und sich realistisch selbst einschätzen. Sie können die Realität akzeptieren und sich anpassen oder auch kritisch Stellung beziehen. Weil sie sich in sozialen Beziehungen auf den anderen einlassen können und Konflikte akzeptieren und konstruktiv austragen können, haben sie eher beständige Beziehungen. Sie können ihre Fähigkeiten entwickeln und sich in die Gemeinschaft einbringen. Sie handeln motiviert aus der Hoffnung auf Erfolg, nicht aus Angst vor Mißerfolg, bzw. um diesen zu vermeiden.

 

Der Bezug zur Dôjôkun

Die Dôjôkun, eine ethische Verhaltensnorm

Der Begriff Dôjôkun bezeichnet Leitsätze für den Ort, an dem die "Kunst des Weges" geübt wird. Als Wegkünste sind neben dem Karate-dô auch andere Künste wie Kalligraphie, Teezeremonie, Blumenstecken, etc. zu nennen, die als Weg oder Methode dienen, eine innere Weiterentwicklung zu befördern. Die Dôjôkun des Karate dô beinhaltet folgende Handlungsmaximen, die beim Üben dieser Kampfkunst zugrunde gelegt werden:

    1. Nach der Vollendung der Persönlichkeit streben.
    2. Den Weg der Wahrhaftigkeit bewahren.
    3. Den Geist der Bemühung entfalten.
    4. Den respektvollen Umgang hochschätzen.
    5. Sich vor unbesonnenem Mut in Acht nehmen.

Die diesen Leitsätzen zugrundeliegenden Haltungen sind mit den von Rogers als heilsam postulierten therapeutischen Grundhaltungen weitgehend kompatibel.

 

 

Vollendung der Persönlichkeit und Selbstaktualisierung

Nach der Vollendung der Persönlichkeit zu streben bedeutet letztlich nichts anderes wie ?Selbstaktualisierung? bei Rogers. Das Beste in sich hervorzubringen und zu entfalten erscheint auch für die Kampfkunst als wichtiger Wert und zu erstrebender Anspruch.

 

 

Weg der Wahrhaftigkeit und Echtheit

'Echtheit' oder 'Kongruenz' ist gefordert, wenn es darum geht, den Weg der Wahrhaftigkeit zu bewahren. Sich und andere nicht zu täuschen, sondern wahrhaftig zu sein, verläßlich und klar, nicht im Taktieren den eigenen Vorteil zu suchen, sondern zu den eigenen Überzeugungen zu stehen, ist eine Forderung, deren Umsetzung Mut erfordert.

 

Geist der Bemühung und Selbstaktualisierung

Den Geist der Bemühung zu entfalten ist wiederum notwendig, um die eigene "Selbstaktualisierung" voran zu bringen. Dasjenige hervorzubringen, was in uns steckt, erfordert stetiges Bemühen und die Fähigkeit, Lob und Kritik gleichermaßen konstruktiv verarbeiten zu können, ohne sich grundsätzlich vom Weg abbringen zu lassen, der zu werden, der man ist.

 

Respektvoller Umgang und Empathie

Den respektvollen Umgang hoch zu schätzen bezeichnet in letzter Konsequenz nichts anderes als ?Empathie? in Bezug auf ein Gegenüber, auch wenn Respekt und Empathie nicht identisch sind. Um dem anderen mit Respekt begegnen zu können, muß man ihn als Gegenüber verstehen und wertschätzen. Dazu ist es notwendig, sich zumindest vorübergehend in den anderen hineinversetzen zu können, selbst wenn man dessen Position inhaltlich nicht teilt. Empathie in Bezug auf den potentiellen Gegner hindert nicht daran, sondern ermöglicht erst, ihm in klarem, fairen Kampf zu begegnen. Nur wenn man sich in den Gegner hineinversetzt, ist man auf dessen Aktionen eingestellt und kann auf das bereits Antizipierte nahezu reflektorisch reagieren.

 

 

Unbesonnener Mut und Kongruenz

Sich vor unbesonnenem Mut in Acht nehmen bedeutet, mit sich eins sein, sich zurückzunehmen und zu beobachten. Dies entspricht der Forderung nach Kongruenz. Eine in diesem Sinne kongruente Haltung läßt diese Haltung dem Gegenüber Raum zur Entfaltung. In der Ausübung einer Kampfkunst ist es ohnehin nicht sinnvoll und zielführend, sich der eigenen Impulsivität hinzugeben und als draufgängerischer Heißsporn in einen Kampf einzutreten. Vielmehr sind Impulskontrolle und Emotionsregulation gefordert, um erfolgreich aus einem Kampf hervorgehen zu können. Die eigene Besonnenheit kann im Übrigen idealer Weise auch dazu führen, eine kämpferische Auseinandersetzung zu vermeiden.

 

 

Schlußbemerkung

Die Ziele des Verhaltenskodex der Dôjôkun stimmen also weitgehend mit den von Rogers formulierten Zielstellungen des therapeutischen Handelns überein. Um dies ganz deutlich zu machen, möchte ich abschließend noch einmal auf Rogers Theorie Bezug nehmen, indem ich den Gesprächs- psychotherapeuten und Erziehungswissenschaftler Prof. Reinhard Tausch zitiere, der die klientenzentrierte Psychotherapie nach den Ansätzen von Carl Rogers in Deutschland bekannt gemacht hat:

 

"Eine Person, die offen ist für die Fülle der Informationen über sich selbst, (die sie) aus ihrer äußeren Umwelt, ihrer Erinnerung und ihrem Organismus einschließlich des Fühlens (erhält) und die sich damit intensiv auseinandersetzt - mit (all den) den verschiedenen Auffassungen, mit den eigenen Bedürfnissen und (mit) den Bedürfnissen anderer sowie mit den Effekten ihres Verhaltens - wird nicht blind und triebhaft handeln. Sie wird kein blinder Vollstrecker von Normen oder Weltanschauungen anderer sein.

Sie ist eine voll funktionierende Person, die über sich selbst bestimmen kann, (eine Person)

die innere Freiheit lebt." (TAUSCH/TAUSCH 1991, S. 83)

 

 

TAUSCH R. und TAUSCH A.: Erziehungs-Psychologie. Begegnung von Person zu Person,

Hofgrefe Verlag für Psychologie, 1991