Karate - ist das Budô, Bushidô oder Bujutsu?

Vorbemerkung

Budô, Bushidô und Bujutsu sind keine Sportarten

Eine Kampf- oder Kriegskunst kann sich entweder als budô, bushidô oder bujutsu darstellen. Vorneweg kann man sagen, daß sich keine dieser drei Kategorien ohne Differenz oder Reibungsverluste mit dem assoziieren läßt, was wir im modernen Sinne als Sport bezeichnen. 

 

Karate wird nun aber - und dies nicht nur im Westen - hauptsächlich als Ausgleichs- Breiten- und Wettkampfsport betrieben oder als Selbstverteidigungsmethode geübt. Was nun aber  Karate (oder Karate-dô) im philosophisch-theoretischen Sinne abgesehen von "Sport" wirklich ist, hängt davon ab, ob und wie es sich in die aus Japan übernommene Systematik der Bewegungs- Kampf- und Kriegskünste einordnen läßt. Dies wird letztlich vor allem danach zu entscheiden sein, unter welchen Gesichtspunkten Karate in einem Verein oder einer Schule entsprechend dieser Einteilung in der Praxis betrieben wird.

 

 

Was ist Budô?

Ohne auf die differenzierten Probleme bei der Übersetzung des japanischen Begriffes budô einzugehen, übersetzen und verstehen wir budô hier kurzerhand als "Kampfkunst". Damit grenzen wir auch im deutschen Sprachgebrauch budô eindeutig von bujutsu ab, das wir mit "Kriegskunst", besser noch mit "militärischer Methodik" übersetzen. Budô ist ein Terminus, mit dem wir vor allem die Konzeptionen von Charakterschulung, Selbstverteidigung und spiritueller Übung in gleicher Weise verbunden sehen.

 

Da das Wort "Kampfkunst" den Begriff der "Kunst" beinhaltet, eröffnet es die Möglichkeit, die Ausübung von budô auch unter dem Aspekt des persönlichen, individuellen und künstlerischen Ausdrucks zu sehen.

 

Die Festlegung, Budô mit dem Begriff "Kampfkunst" zu übersetzen, hat also bereits programmatischen Charakter. Dies wird besonders deutlich, wenn man dem Begriff  budô die anders ausgerichteten Begriffe bushidô und bujutsu gegenüberstellt, mit denen budô vor allem bei uns im Westen aber auch in Japan (!) fälschlicherweise oft synonym gebraucht wird.

 

Was ist Bushidô?

Bushidô ist die mittelalterlich-feudalzeitliche Lebensphilosophie der samurai, die in erster Linie von von konfuzianischem Gedankengut, aber auch von Zen und Shintô geprägt worden ist. Das Wort bushidô  bedeutet "Weg des Kriegers". Es bezeichnet den Verhaltenskodex, dem sich einst die japanischen Feudalkrieger, also die japanische Ritterschaft, verpflichtet fühlten.

 

Bushidô kann durchaus als das japanische Äquivalent zu  europäischer "Ritterlichkeit", "Chivalry" oder "Chevalerie" angesehen werden. Genau wie für die europäische Ritterschaft die ritterlichen Ideale von Brauch und Herkommen bestimmt waren, war bushidô eine Lebensweise, der sich die Angehörigen des japanischen Schwertadels aufgrund alter Tradition verpflichtet fühlten.

 

Die wichtigsten Eigenschaften, die jemand aufweisen mußte, der sich dem japanischen bushidô verpflichtet fühlte, waren gi (Rechtschaffenheit oder Gerechtigkeit), yu (Mut), jin ( Mitmenschlichkeit, Menschenliebe oder Respekt), rei (Gesittung und höfisches Benehmen), makoto (innere Reinheit, Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit), meiyo (Ehre) und chûgi (Treue, Pflichtgefühl und Loyalität). Besonders aus heutiger Sicht ist chûgi, die absolute Loyalität des Gefolgsmannes gegenüber seinem Dienst- und Lehnsherrn äußerst augenfällig. Sie verpflichtete die abhängingen Dienstmannen darauf, in Erfüllung ihrer Loyalitätspflichten für ihre Herren sogar ihr Leben zu lassen. 

 

Auch wenn Begriffe wie "Ritterlichkeit", "Chivalry", "Chevalerie" und bushidô im modernen Leben durchaus noch gebraucht werden, um aufrechte Charaktere oder gerechtes, rücksichtsvolles und höfliches Benehmen zu bezeichnen, haben modernes "bushidô" und moderne "Ritterlichkeit" weder in Japan noch sonst in der Welt noch viel mit dem Ethos und der Lebenswirklichkeit der mittelalterlichen Feudalkrieger zu tun. Der Grund ist darin zu sehen, daß die strengen Loyalitätsverhältnisse, also die "Lehnstreue" hierzulande und das chûgi in Japan, heute nicht mehr existieren. 

 

Die Gedanken und Werte des bushidô können in vollem Umfang nur in einem  feudalistischen  Kontext empfunden und gelebt werden. Sie sind daher auch nur in diesen Zusammenhängen

verständlich. Vor allem die Pflicht zu bedingungsloser Unterwerfung eines Einzelnen unter seinen Fürsten, die einst in der Tradition des bushidô nicht hinterfragt wurde, geht unter den heutigen gesellschaftlichen Verhältnissen völlig ins Leere. Ein "echtes" bushidô im traditionellen Sinne gibt es also nicht mehr.

 

Dennoch ist es auch heute nicht von der Hand zu weisen, daß in Rechtschaffenheit,  Mut,  Mitmenschlichkeit  und  Respekt,  in gesittetem und höflichem Benehmen, in Aufrichtigkeit, Pflichtgefühl und Loyalität und in der Anerkennung auch der eigenen Würde ethische Werte zu sehen sind, die wieder mehr Beachtung finden sollten. Man darf es mit dem bushidô" allerdings nicht so weit übertreiben, daß man die morbide Todesbereitschaft japanischer Samurai kopiert, verherrlicht und ins moderne Leben überträgt, wie dies in den letzten Jahren in völligem historischen Anachronismus verschiedentlich geschehen ist.

 

 

 

Was ist Bujutsu?

Der dritte Begriff, zu dem an dieser Stelle etwas gesagt werden soll, ist bujutsu. Um die Dinge klar auseinanderzuhalten, ordnen wir dem Begriff bujutsu ausschließlich die "artes martiales" zu, die Kriegskünste, die militärischen Charakter haben. Bujutsu bezeichnet also militärische Kampfmethoden mit und ohne Waffen, die geübt werden, um in militärischen Auseinandersetzungen eingesetzt zu werden.

 

Der Begriff budô grenzt sich, wie bereits oben gezeigt, davon klar ab. Budô entspricht nach unserer Auffassung dem Terminus  "Kampfkunst". Dieser dem Zivilen zugeordnete Begriff ist mit Charakterschulung, Selbstverteidigung und spiritueller Übung in gleicher Weise verbunden.

 

 

Wie ordnet sich Karate in diese Begrifflichkeit ein?

Aus dem oben Gesagten folgt, daß man das gegenwärtig geübte Karate, wenn man es nicht unter ausschließlich oder überwiegend sportlichen Gesichtspunkten betreibt, entweder dem budô oder dem bujutsu zuordnen kann. 

 

Karate ist budô, wenn es vorwiegend unter ethischen, moralischen und spirituellen Aspekten betrieben wird. Es neigt sich jedoch dann mehr dem bujutsu zu, wenn der Selbstverteidigungs- und Kampfaspekt ins Zentrum des Übens rückt. Das, was in den nicht ausdrücklich sportorientierten Schulen geübt wird, ist daher systematisch irgendwo zwischen budô und bujutsu einzuordnen.