Die Geschichte der 47 Rônin. Kapitel 2 (Teil 6)

Leseprobe - urheberechtlich geschütztes Material

Was bisher geschah

Fürst Asano von Ako muß sich anläßlich eines Empfangs an den Hof des Shôgûns in Edo begeben, wo er repräsentative Aufgaben übernehmen soll. Er sieht sich in der höfischen Umgebung mit Intrigen und Günstlingswirtschaft konfrontiert. Fürst Asano verachtet die verkommenen Sitten bei Hofe ebenso wie die verweichlichten und dekatenten Höflinge, die sie pflegen und macht daraus auch keinen Hehl.

Besonders dem Zeremonienmeister, einem Fürsten namens Kira setzt Asano von Ako seinen Widerstand entgegen, obwohl er von dessen Wohlwollen abhängig ist. Eine bedrückende und gespannte Atmosphäre hat sich aufgebaut und verdichtet sich zusehends...

Nachdem die üblichen Verbeugungen ausgetauscht waren, schaute Kira forschend zum Fürsten Asano herüber, in der Hoffnung, einen Hinweis darauf zu entdecken, dass dieser seine Einstellung geändert habe. Es wird schon einen Weg geben, um auch diesen adeligen Einfaltspinsel gefügig zu machen, dachte er bei sich. Er beabsichtigte, ihn ab sofort mit schärferen Mitteln anzugehen, und würde ihn nun durch Beleidigungen demütigen. Vielleicht zeigte ein solches Vorgehen bei diesem stolzen jungen Mann dann endlich den gewünschten Erfolg.

Kira war jeder weitere Vorstoß in seiner Sache einen Versuch wert. Außerdem gab es für sein Vorhaben keinen besseren Zeitpunkt als den augenblicklichen. Kira baute darauf, dass auch Asano wusste, dass es, gleich unter welchen Umständen, ein Kapitalverbrechen war, im Schloss ein Schwert zu ziehen.

Als Kira sich nun auf den Fürsten Asano zubewegte, wandte sich dieser instinktiv ab, was Kira natürlich nur als ein Zeichen von Verachtung deuten konnte. Daher hielt der schwarzgekleidete Zeremonienmeister überrascht inne. Dann änderte er abrupt seine Richtung und lenkte seine Schritte zu Fürst Date hinüber.

Der brüskierende Akt von Seiten des Fürsten Asano ließ indessen Kira förmlich den Kragen platzen, seine Adern schwollen an. Er wusste nun, dass es aussichtslos war, wenn er weiterhin versuchte, das Geld einzutreiben, das ihm vermeintlich zustand. Daher beschloß er, den Fürsten Asano nun vor allem für seine Zahlungsunwilligkeit zu bestrafen ? für seinen Unwillen zur Bestechung und für seine Grobheit.

Kira flüsterte mit dem Fürsten Date. Er schien ihm weitere, das Protokoll betreffende Anweisungen zu geben, was dem Fürsten Asano natürlich nicht entgehen konnte und mit unglaublicher Bedrückung erfüllte. Er wusste, dass ihn seine eigene Unbeherrschtheit einmal mehr Kiras Wohlwollen gekostet hatte. Wenn Kira ihn jetzt überging, würde er nicht wissen, was er während der Zeremonie zu tun hatte. Panik stieg in ihm auf, wenn er daran dachte, welche Entehrung sein Familienname erfahren würde, falls er die Etikette auf irgendeine unvorhersehbare, deshalb aber nicht weniger unverzeihliche Weise verletzen sollte. Kira war nun einmal der anerkannte Experte für solche Angelegenheiten, und das wenigste, was er, Asano hätte tun können, war, diesem Mann umgänglich zu begegnen, selbst wenn er ihn verachtete.

Er versuchte, eine an Kira gerichtete Entschuldigung in Worte zu fassen, als sich unerwartet die Außentür öffnete. Sein Herz raste bei dem Gedanken, dass bereits jetzt die kaiserlichen Gesandten den Saal betreten könnten. Als er jedoch sah, dass in der Tür nur ein Höfling aus der Umgebung der Mutter das Shôguns erschien, atmete er erleichtert auf.

Der Höfling war ein plumper, kleiner Mann mit Glubschaugen namens Kajikawa. Normalerweise hätte ihn Fürst Asano ignoriert, doch bei dieser Gelegenheit war er scharfsinnig genug, seine Gefühle nicht zu zeigen.

Als sich Kajikawa schüchtern in der Runde umsah, lächelte ihm Fürst Asano ermutigend zu. Dieses Lächeln wirkte. Kajikawa schlurfte herüber. Als er angekommen war, versank er in einer übertrieben respektvollen Verbeugung vor Asano. Dann hob er mit einem froschartigen Lächeln den Kopf.

"Fürst Asano", flüsterte er atemlos, "ich habe gehört, dass es eine Änderung im Zeitplan gegeben hat, und ich möchte, ähem, ich würde gerne wissen, um was es sich dabei handelt, damit ich es der Mutter unseres erhabenen Shôguns mitteilen kann. Wenn es nicht zuviel Umstände bereiten sollte."

Damit beendete er seinen Wortschwall mit einer jener vorgeschriebenen Höflichkeitsfloskeln, die vorsahen, dass man eindeutige Aufforderungen in offenen und unbe-stimmten Formulierungen verebben ließ.

Fürst Asanos Augen wanderten unfreiwillig zu Kira hinüber. Dieser war der Einzige, der diese Frage beantworten konnte, und Asano sah mit Unbehagen, dass Kira mit schwarzem Lächeln zu ihm herüberblickte, denn er hatte die Frage offensichtlich gehört.

"Gebt Euch nicht damit ab, diesen Tölpel etwas zu fragen", sagte Kira laut und in würdevoller Übertreibung.

"Wenn es sich um eine Angelegenheit des Zeremoniells handelt, fragt mich oder Fürst Date oder auch einen der Bediensteten, wenn es beliebt, denn sogar die Diener wissen besser Bescheid wie das Protokoll heute abläuft, als unser verehrter Fürst Asano!"

Kajikawas Gesicht wurde rot, und seine Augen weiteten sich noch mehr als sonst. Er verbeugte sich unsicher und blickte unschlüssig in die Runde. Fürst Asano indessen war totenbleich geworden und stand reglos, wie versteinert. Kajikawa fühlte plötzlich, wie eiskalte Angst nach ihm griff.

Rasch zog er sich in Richtung der Schiebetüren zurück. Er wollte den Fürsten Asano nicht noch weiter demütigen, indem er hier im Raum um Auskunft bat. Er beschloss, seine Frage einem der Höflinge draußen zu stellen.

Gerade wollte er durch die Tür schlüpfen, als er bemerkte, dass sich Fürst Kira majestätisch durch den Raum auf den Fürsten Asano zubewegte und vor ihm anhielt, um ihm etwas zuzuflüstern. Kajikawa war sich nicht sicher, doch er glaubte zu hören, dass Fürst Kira eine Bemerkung über die Fürstin Asano machte. Auch Fürst Asano hatte Mühe, seinen Ohren zu trauen, als er hörte, was Kira sagte.

"Ihr könntet Euch all diesen Ärger erspart haben", zischte dieser heimtückisch. "Wenn Euer Geld Euch soviel bedeutet, so gibt es natürlich auch andere Wege, meine Vorliebe fürs Besondere zu befriedigen. Wie ich höre, habt Ihr eine hübsche Frau mit einem runden, mondgleichen Gesicht."

Das war mehr, als der Fürst ertragen konnte. Das Blut wich vollends aus seinem ohnehin bleichen Antlitz und schien ihm die Brust zu zerreißen. Er war gänzlich von Sinnen. Sein Schwertarm glitt ans Heft seiner Waffe. Kiras Hand fasste in gleichzeitigem Reflex, fast instinktiv, das eigene Schwert, obwohl er nicht die Absicht hatte, es zu ziehen. Diese Bewegung war ein tragischer Fehler. Fürst Asano vermutete in ihr die Annahme seiner Herausforderung. Sein Schwert flog aus der Scheide, schoss fahl aufblitzend in die Höhe und fraß sich, im selben Augenblick niedersausend, in Kiras Körper. Dieser, an der Schulter getroffen, taumelte und stürzte.

Fürst Asano hob, um erneut zuzuschlagen, sein Schwert. Doch Fürst Date und einige der anderen stürzten beherzt vor und konnten dies im letzten Moment verhindern. Eine Sekunde verrann in würgender Stille. Der Bann brach, als Kajikawa laut schluckte und in den Nebenraum flüchtete. Fürst Asano stand noch bewegungslos über Kiras Körper, als ihm die umstehenden Männer beide Schwerter abnahmen.

So stand er noch immer, den geistesabwesenden Blick gleichsam zu Glas erstarrt, als sich die Schiebetür erneut öffnete. Der Shôgun persönlich, Tokugawa Tsunayoshi, betrat den Raum. Hinter ihm war eine Gruppe von Jungen in Kostümen zu sehen, die alle seltsam still und in ihrer Pose grotesk erstarrt erschienen. Tsunayoshi wirkte in seinem eigenen Tanzkostüm noch weibischer als sonst.