Tao und Dô. Die brennende Frage nach dem WEG

Den ersten Schritt tun

"Häufung des Wissens vergrößert Beunruhung.
Zwischen Sicher und Vielleicht /
Ist da ein Unterschied?
Ist da ein Unterschied zwischen Gut und Schlecht?
Behauptungen zugeben oder bestreiten /
Ermöglicht neue Möglichkeiten der Behauptungen."

Laotse, TTK (20) in der Übersetzung von Walter Jerven

Theorie

Der WEG gleicht den Straßen. Alle Straßen insgesamt  umspannen eine gemeiname Welt. Straßen und Wege führen zu allen Zielen, zu  Land, zu Wasser und in der Luft. Sie verlaufen überall, sie führen überall hin und ununterbrochen voran.

Wo wir Straßen auch betreten: Da ist unser Ausgangspunkt. Schon der  erste Schritt nach dem Aufstehen am Morgen läßt uns unterwegs sein. Beim Gehen erwächst Voranschreiten, eine Richtung wird erkennbar. Wir folgen dem Verlauf und kommen auf dem WEG voran, auch wenn wir nicht darüber nachdenken, ja sogar, wenn wir überhaupt nicht wissen, wohin wir gehen. Und wie beiläufig folgen wir dem Lebensweg.

Bereits aus dem ersten Atemzug, mit dem ersten Schritt ergibt sich ein Fortschritt. Fortschreiten, das ist ein "Weg" vom Ausgangspunkt, ein "Hin" zum Ziel. Aber wohin gelangen wir am Ende? Und was ist "Lebensweg"?

Wenn wirklich alle Straßen miteinander verbunden sind, müßten wir, nachdem wir wirklich alle Wege durchschritten haben, wieder an einen Ausgangspunkt gelangen. Wohl deshalb heißt es: "Dôkan - Der WEG ist ein Kreis."

Ein Lebensweg, ein Übungsweg. Unterwegs gewinnen wir Erfahrung. Sie bleibt. Fortgeschrittene wissen aus Erfahrung, daß sie nach jedem Schritt wieder an einem Anfang stehen.

Am Ausgangspunkt ist das Ziel noch nicht klar. Oft erscheint es unerreichbar. Unterwegs erreichen wir, was uns vorher nicht erreichbar war. Damit uns der Mut nicht verläßt, ist es gut, immer nur an den einen Schritt zu denken, den wir jetzt tun. So gehen wir Schritte auf dem Weg. Immer nur hier und jetzt. Einen Schritt - und noch einen. Wenn wir gehen, erreichen wir schrittweise das bisher Fernliegende, das bisher Unerreichte.

Praxis

Wir können auf einem Kissen sitzen, unter einem Baum stehen oder auf einem Pferd reiten. Es spielt keine Rolle, ob wir Fauststöße üben, ob wir den Sinn eines Textes  ergründen, ob wir den Atem heute bewußter wahrnehmen als gestern. Es spielt keine Rolle, ob wir den Weg "Karate" nennen, "Tai Chi", "Qi Gong" oder "Yoga".

Es sind die bewußt geführten Schritte, die unser Tun in einen Übungsweg verwandeln. Unsere Schritte werden durch Aufmerksamkeit und Achtsamkeit zu  Lernschritten, zu Erfahrungsschritten. Wir erreichen mit jedem Üben ein Ziel. Wir gewinnen schrittweise mehr Erfahrung, größere Übungsfertigkeit, größere Klarheit in der Sache.

Was aber bedeutet "üben"? Wir üben, wenn wir so handeln, daß unsere gesamte Aufmerksamkeit auf unser augenblickliches Sein und unser gegenwärtiges Tun gerichtet ist.

Den WEG nicht wahrnehmen, das Ziel verfehlen

Auch wenn wir unaufmerksam sind, gehen wir den Lebensweg. Der WEG führt uns dann durch Landschaften, die wir nicht bemerken, er eröffnet uns Perspektiven, die wir nicht wahrnehmen. Wenn wir den Augenblick nicht erfassen, leben wir nicht. Wir üben nicht, wir lernen nicht. Schritt für Schritt verfehlen wir den Sinn des Lebens. Aber auch so kommen wir ans Ziel. Wir sind immer da, wo wir jetzt stehen.

 

"Man findet etliche Menschen,
die haben einen inneren Antrieb gehabt und sind dem nicht gefolgt.
Ihr Inneres und ihr Äußeres sind fern voneinander; und hierin liegt bei vielen Menschen der Mangel."

(Heinrich Seuse)

 

Heinrich Seuse. Christlicher Mystiker, geb. um 1295, gest. 1366