Waysun Liao - Die Essenz des Tai Chi

Eine Zusammenfassung von Astrid Albrecht (Teil 2)

Es heißt, daß die höheren Stufen des Tai Chi Chuan ohne ein Verständnis der ihnen zugrundeliegenden philosophischen und technischen Prinzipien nicht verwirklicht werden können.

Der in Amerika lebende Tai Chi Meister Waysun Liao hat drei für die Philosophie des Tai Chi Chuan grundlegende Schriften aus dem Chinesischen ins Englische übersetzt und kommentiert. Astrid Albrecht hat sein 1996 bei Knaur auf Deutsch erschienene Büchlein gelesen und zusammengefaßt. Hier ist nun der zweite Teil dieser Zusammenfassung zu lesen. Er befaßt sich mit den Fragen der inneren Energie des Tai Chi Chuan.

Dieser Teil ist in der Knaur-Ausgabe des Textes von Meister Liao inhaltlich nur schwer zu erfassen. Der Verlag hat zur Umschrift der chinesischen Begriffe meist die Wade-Giles Umschrift genutzt, allerdings nicht konsequent. Wer das herrschende Umschriften-Diseaster kennt, versteht, daß man dadurch nur mit relativer Sicherheit auf die chinesischen Originalausdrücke schließen kann. Das Textverständnis wird erheblich erschwert, teilweise unmöglich gemacht.

Die durch das Umschrift-Problem entstandene begriffliche Unschärfe im deutschen Text läßt sich auch in der Zusammenfassung kaum bereinigen - es sei denn, man wäre ein auf diesem Gebiet versierter Sinologe. Um das Verwirrspiel nicht zu vergrößern, haben wir die Umschrift der Knaur-Ausgabe in vollem Umfang übernommen, auch wenn sich in vielen Bereichen die Pinyin-Umschrift durchgesetzt hat. Das Umschrift-Kudedelmuddel aus dem Chinesischen wird noch lange Probleme bereiten. Wir bitten, dies zu entschuldigen.

Die innerere Energie des Tai Chi Chuan

Das Ch'i bestimmt die jeweilige geistige und physische Verfassung des Menschen. Es bedeutet wörtlich "(Atem-)Luft", "Kraft", oder auch "Energie" bzw. "Leben". Entsprechend der chinesischen Theorie gibt es drei Energieebenen:

  • Die Basisebene wird von der "Essenz" (Ching) des lebenden Organismus gebildet.      
  • Die zweite Ebene (Ch'i) ist der Ort der Manifestation der Lebensenergie.      
  • Die dritte Ebene (Shên) schließt zudem die spirituelle Energie mit ein.  

Die Kraft, die durch Ch'i erzeugt wird, nennt man Ching. Nei Ching entspricht der inneren Kraft. Die eigene Vorstellungskraft verhilft uns zu einer bildlichen Vorstellung (Visualisierung) des Energieflusses (Ch'i - Flusses), der so im Körper wahrnehmbar und schließlich mit Hilfe der Imagination lenkbar wird.

Li bezeichnet demgegenüber die physikalische Kraft, die aus der körperlichen Bewegung (dem Kraftstoß) resultiert. Der Unterschied zwischen Li und Ching besteht darin, dass Li körperliche Bewegung erfordert, während Ching den indirekt aus der Bewegung resultierenden Effekt bezeichnet. Bei der Ausübung von Tai Chi Chuan wird Ch'i und Li genutzt, um Ching in den Gegner hinein zu "applizieren", also Kraft zu übertragen.

Über das Gewahrwerden und Herausbilden von Ch'i

Meditation und Bewegung bilden die Voraussetzung, um sich der inneren Energie, des eigenen Ch'i, bewusst zu werden, es als Fließgefühl oder Strömung im Körper zu spüren, so daß man schließlich Geist und Körper in (energetische) Übereinstimmung bringen kann. Mit fortschreitender Übung verbessert sich nicht nur die Form der Bewegung, sondern nach und nach auch die Intensität des Ch'i-Empfindens.

Falls der Ch'i-Fluss behindert oder blockiert wird, entstehen Krankheitssymptome. Nach den Auffassungen der TCM ist es daher vorbeugend sinnvoll - und im Krankheitsfalle heilsam - wenn das Fließgleichgewicht des Ch'i aufrecht erhalten bzw. wieder hergestellt wird.  "Der Körper hat bereits Ch'i, du musst es nicht herstellen. An dir liegt es jedoch, dein Ch'i zu akkumulieren, es neu zu ordnen und es dazu einzusetzen, die innere Kraft, Ching zu erzeugen." (Waysun Liao, S. 93)  Der Tai-Chi-Übende kann sein individuelles Gewahrwerden von Chi nach der Ansicht von Waysun Liao durch folgende Schritte steigern:

  • Entspannungspraxis
  • Atemkontrolle
  • Entfaltung von Konzentration
  • Koordinierungspraxis
  • Mediation und Imagination
  • Meditatives Üben der Bewegungsformen des Tai Chi Chuan
  • Üben zu zweit
  • Training mit Hilfsmitteln (z.B. mit Schwert, Messer, Stock).

Entspannungspraxis

Shoong bedeutet "sich entspannen, loslassen, nachgeben". Im Laufe unseres Lebens vom Säuglingsalter bis ins hohe Alter verhärten und versteifen wir in aller Regel zunehmend. Mit shoong ist sowohl körperliches als auch geistig-psychisches Loslassen und Entspannen gemeint. Das hingebungsvolle Üben in diesem Sinne wird von den Taoisten auch als "Zusammenschluss von Himmel und Erde" bezeichnet.

"Bleibst du du selbst, dann wirst du von der Gesamtheit des Universums ausgeschlossen sein. Kannst du dich aber aufgeben, dann wirst du wahrhaftig ein Bestandteil des Universums werden." (Waysun Liao, S. 98)

Anschaulich wird das Konzept von shoong in der folgenden Beschreibung dargestellt: Stellt man eine Tasse voll Wasser auf die Oberfläche eines Sees, ohne dass sich deren Inhalt mit dem Wasser des Sees vermischt, so ist das Wasser in der Tasse nicht dasselbe wie das des Sees. Das Wasser ist nicht "entspannt". Wird das Wasser aus der Tasse nun un den See gegossen, entspannt sich das Wasser aus der Tasse in das Wasser des Sees hinein. Das ist shoong, Entspannung.

Man stelle sich nun vor, man sei das Wasser in der Tasse, geschmeidig, anpassungsfähig, angeschmiegt an die Wand des Behältnisses. "Wenn das Wasser, das du bist, in den See gegossen wird, bist du der See."  (Waysun Liao, S. 99) Diese Durchlässigkeit, das unmittelbare Eingehen einer Verbindung mit dem Universum, die vollständige Beruhigung des Geistes, das ist die im Tai Chi Chuan angestrebte Form der Entspannung.

Atemkontrolle

Der Begriff Ch'i ist im chinesischen Wort für "Luft" oder "Atemluft" enthalten. Luft und Ch'i sind also eng miteinander verwandt. Dies erklärt, weshalb man in China davon ausgeht, dass sich der Ch'i Fluss im Gefolge des tiefen Atems emfinden läßt oder daß sich die Wahrnehmung des Ch'i- Flusses aus der Atembeobachtung ergibt. 

Die von Waysun Liao beschriebene Methode des "verdichteten Atmens" kann in seinem Buch a.a.O. nachgelesen werden. Dort findet man auch die von ihm detalliert beschriebenen Übungen zur Atemlenkung  "Von der Nase zum Tan T'ien", "Den Tai Chi Ball drehen", "Atmen bis zur Sohle" - um nur einige Beispiele zu nennen.

Die Autorin dieser Zusammenfassung hält es für empfehlenswert, hierzu die Unterstützung von in diesen Dingen erfahrenen Lehren zu suchen und nicht unreflektiert drauflos zu üben. Das Prinzip der Natürlichkeit ist primäres Kriterium der individuellen Fortentwicklung: Nachspüren, einfach üben, nichts forcieren! - und das kann man erstaunlicherweise - nicht von Natur aus.

Der verstorbene Tai Chi Meister Cheng Man-ch'ing soll geäußert haben: "Ignoriere dein Ch'i nicht, aber versuche auch nicht, sein Wachstum zu fördern". Oder anders, mit einem japanischen (?) Sprichwort ausgedrückt: "Man kann das Wachstum von Pflanzen nicht dadurch beschleunigen, dass man an ihnen zieht."

Entfaltung der Konzentration

Wenn man sich um die Verbesserung der eigenen Fähigkeiten im Tai Chi Chuan bemühen möchte, sollte man sich auf Bewusstseinsbildung und innere Arbeit konzentrieren. Dies kann man durchaus auch im Alltag umsetzen, indem man den Dingen, mit denen man gerade befasst ist, volle Aufmerksamkeit schenkt und ganz bei der Sache ist. Mit Achtsamkeit im Hier und Jetzt zu üben und sich nicht ablenken zu lassen, ist der Schlüssel zum Erfolg.

Anfangs ist es wichtig, der richtigen Ausführung der Bewegung die ganze Aufmerksamkeit zu widmen. Im Laufe der Zeit werden die Formen vertrauter, die Bewegungsabfolgen müheloser. Bald können sie ohne Nachdenken ausgeführt werden, so dass der Focus auf innere energetische Prozesse verlagert werden kann.

Waysun Liao betont, dass es äußerst wichtig ist, die Bedeutung der Bewegungen in ihrer Anwendung in der Kampfkunst zu verstehen.

Koordinierungspraxis

Wenn man die angemessene geistige und physische Koordination nicht erreicht, kann das Ch?i im Innern nicht optimal fließen, bzw. im Äußern keine optimale Wirkung entfalten. Um dies jedoch zu erreichen ist es notwendig, Körper- und Geistestätigkeit zu einem harmonischen Handlungsganzen zu vereinen.

Ein Beispiel für eine derartige Koordiniertheit gibt ein Säugling, wenn er im wahrsten Sinne des Wortes mit Leib und Seele schreit. Sein Geist, sein Atem und sein Körper funktionieren vollkommen koordiniert und in der richtigen Reihenfolge. Körper, Geist und Atem verbinden sich zu einem einzigen, vollständig geordneten Ganzen.

Meditation und Imagination

Im Folgenden beschreibt Waysun Liao im Einzelnen, wie man durch Imagination und Meditation die Empfindung für den Ch?i-Fluss steigern kann. Auf die Beschreibung dieser Übungen wird hier hier nicht weiter eingeganen und statt dessen auf das Buch selbst verwiesen.

Meditatives Üben der Tai Chi Form

Eine Möglichkeit, den Ch?i-Fluss wahrzunehmen, besteht darin, die Tai Chi Formen in meditativer Weise zu üben. Sofern nur das körperliche Training im Fokus der eigenen Bemühungen steht, wird das Resultat der Übung lediglich in einer Tai-Chi-artigen Gymnastik bestehen. Möchte man allerdings lernen, Körper und Geist als geschlossene Einheit zu koordinieren, ist meditative Praxis erforderlich.

Üben zu zweit

Um die im Tai Chi Chuan vorkommenden verschiedenen Varianten der Kraftentfaltung begreifen zu können, ist das Üben zu zweit unerlässlich. Über die Körpererfahrung wird es dem Übenden möglich, zwischen schiebenden und kreisenden Kräften, diversen Varianten von Druck und Zug sowie unterschiedlichen Wirkungsweisen verschiedener Geschwindigkeiten der Bewegungsausführung zu unterscheiden und die Folgen der jeweiligen Kraftanwendung abzusehen.

Training mit Hilfsmitteln

Traditionell wird im Tai Chi Chuan mit diversen Hilfsmitteln wie Messer, Stock oder Schwert geübt. Laut Waysun Liao (a.a.O., S. 139) gilt die Übung der Schwertform als wirksamstes Mittel zur Steigerung des eigenen Gewahrwerdens von Ch'i.

Das Schwert sei mit seiner ausgewogenen Gewichtsverteilung und charakteristischen Elastizität sozusagen in Verlängerung der Extremität des Armes als Erweiterung des Körpers zu verstehen. Durch diese "Verlängerung" werden die einzelnen Bewegungen deutlicher und müssen präziser ausgeführt werden, um effizient zu sein.