Tao und Dô. Vom schlichten Wesen des WEGes

Unbemerkte Allgegenwart

Es ist unsichtbar.
Wir hören es / doch horchen es nicht.
Es ist unerhorchbar.
Wir fassen es / doch erfassen es nicht.
Es ist unerfaßbar.

Dies Dreifache ist das untrennbar Einfache.
Es ist das Undurchdringliche und doch das Lichte.
Es flutet und ebbt /
Aus All ins Nichts.
Gestaltung des Gestaltlosen.
Erscheinung des Erscheinungslosen.
Es ist das Fließende / Unnambare.
Man geht ihm entgegen und sieht nicht Anfang.
Man folgt ihm nach und sieht nicht Ende.
Es ist der Kreislauf der Wiederkehr des Ewigen.

 Laotse, TTK (14) in der Übersetzung von Walter Jerven

Der große WEG

Der WEG hat  weder Namen noch Gestalt. Sein Verlauf erscheint verwirrend und doch ist er der Grund, der uns beständig trägt. 

Der WEG ist das Allumfassende, ist das, was größer ist als wir. Der WEG ist mehr als die Welt, mehr als die Gesamtheit der Straßen, der Richtungen, der Möglichkeiten. Wir erahnen es und verneigen uns.

Mitten auf dem WEG sind wir in ganz alltägliche Geschäftigkeiten verstrickt. Wir starren auf jede Steigung und Krümmung, auf jeden Stolperstein vor unseren Füßen. Was ist schon vom Ganzen erkennbar? Nur selten berührt uns der Trost, den uns die Geborgenheit im Allumfassenden zu spenden vermag. Dennoch - der WEG trägt Schritt für Schritt.  

Das Wesen / das begriffen werden kann /
Ist nicht das Wesen des Unbegreiflichen.
Der Name / der gesagt werden kann /
Ist nicht der Name des Namenlosen.
Unnambar ist das All-Eine / ist Innen.
Nambar ist das All-Viele / ist Außen.
 

Laotse, TTK (1), erste Hälfte. In der Übersetzung von Walter Jerven.

Alltägliche Wege

Was sind Wege? Was sind gewöhnliche Straßen? Die sichtbaren Wege tragen Namen. Sie haben Charakter und Färbung, Richtung, Atmosphäre und Umgebung. Gewöhnliche Straßen, das sind Schillerstraßen, Goethestraßen, Industriestraßen, Schlachthauswege.

Einige Wege tragen Namen, über die wir nicht nachdenken. Wir bemerken kaum, daß auch sie Wege sind. Doch sie haben Charakter und Färbung, Richtung, Atmosphäre und Umgebung. Solche Wege heißen etwa Alltag, Ehe, Freundschaft, Kind. Oder Arbeit... oder auch Musik. Wieder andere Wege sind Streit und Versöhnung, Freude, Stille. Einige Wege heißen Meditation, Karate, Qi Gong, Tai Chi, Yoga. Zehntausend Namen sind nicht genug.  

Es gibt auf dem WEG auch Nebenstraßen, auf denen man Zerstreuung findet. Große, bedeutende Nebenstraßen sind Gedankenlosigkeit und Unachtsamkeit. Oft münden sie in Sackgassen, aus den man nur herauskommt, wenn man umkehrt. Solche Wege heißen zum Beispiel Gier, Sucht und Bosheit, Mißgunst, Lieblosigkeit, Haß.  

Alle Wege und Straßen sind in dem einen WEG beschlossen. Er verleiht ihnen ihre Form und Gestalt, ihre Farbe und ihr Leben. 

All-Eines und All-Vieles sind gleichen Ursprungs /
Ungleich in der Erscheinung.
Ihr Gleiches ist das Wunder /
Das Wunder der Wunder /
Alles Wunder-Vollen Tor.
 

Laotse, TTK (1), zweite Hälfte. In der Übersetzung von Walter Jerven

Noch einmal Praxis

Was heißt es, einen Weg zu beschreiten? Müssen wir auf der körperlichen Ebene beginnen, wenn wir uns mit Kampfkunst, Qi Gong oder Meditation beschäftigen?

Der WEG führt jeden nach seinen Bedürfnissen. Er umfaßt alle Wege; die Kreuzungen und Abzweigungen auf dem WEG sind ohne Zahl. Es gibt unendlich viele Zugänge. Vielleicht hören wir das Entscheidende von Freunden, lesen es in einem Buch oder im Internet, sehen es in einem Film oder hören es in der Straßenbahn. Vielleicht betreten wir auch ein Dôjô, eine Yogaschule oder einen anderen "Ort des WEGes" und beginnen tatsächlich mit körperlicher Übung. Es heißt: "Wenn der Schüler bereit ist, erscheint der Lehrer." Diese Erfahrung bestätigt sich immer wieder.

Voraussetzungen

Oft wird behauptet, man müsse diese oder jene Voraussetzungen erfüllen, um einem Weg zu folgen. Manche glauben, es bedürfe großer Selbstdisziplin, damit man meditieren könne oder Karate betreiben. Manche möchten erst ihr Gewicht reduzieren oder mit dem Rauchen aufhören. Manche glauben, ehe man sich auf den Weg machen könne, müsse man Vegetarier werden, müsse auf Alkohol verzichten oder überhaupt ein mönchisches Dasein fristen. Doch so ist es nicht. Der WEG ist immer hier, die Wege können jederzeit beschritten werden.

Wer einem Weg folgt, um den WEG zu erfahren, muß keinen bestimmten Regeln folgen. Einzig muß er bereit sein, Aufmerksamkeit zu entfalten! - Wer aufmerksam einem Weg folgt und darüber seine Bewußtheit entwickelt, wird in seinem Leben bestimmte Dinge früher oder später ändern - andere vielleicht auch nicht. Größere Bewußtheit führt jedoch ganz allmählich zu folgender Einsicht:  

Übertriebene Farben fährden das Sehen.
Überstiegene Töne töten das Hören.
Überspitzte Kost kostet den Geschmack.
Überreizte Erregung erregt Unnatürlichkeit.
Überhäufter Besitz besitzt den Besitzenden.
Also der Erwachte:
Ihn verleitet nicht Zeitliches.
Ihn leitet das Zeitlose.

Laotse, TTK (12) in der Übersetzung von Walter Jerven 

Wir können also einen ersten Schritt dort tun, wo immer uns der Ruf erreicht. Sobald wir aufmerksam eine Stecke des Weges gegangen sind, werden wir uns unserer Selbst bewußt. Wir bemerken, daß wir ganzheitliche Wesen aus Körper, Geist und Atem sind. Und wir werden nach und nach darauf kommen, daß wir unsere Schätze nicht verschleudern wollen. 

Fortschritte

Wenn wir achtsam Schritt vor Schritt setzen, können uns auch unsere Fortschritte auf dem Weg nicht blenden. Denn heißt es nicht: "Dôkan - der WEG ist ein Kreis."?

Es ist kein Fortschritt allein darin zu sehen, daß man sich beim Qi Gong anmutig bewegen kann, daß man beim Zazen oder im Yoga lange Zeit bewegungslos zu verharren vermag oder daß man als Karateka in der Lage ist, hohe Tritte auszuführen oder andere zu besiegen. Ein Fortschritt ist vielmehr darin zu sehen, daß man die verschiedenen Aspekte des Lebens harmonisch miteinander vereinen kann. Fortschritte zeigen sich darin, daß man in der Lage ist, sein Verhalten zu überdenken. Sie zeigen sich in all unseren Beziehungen, in den Beziehungen zu andern ebenso wie in denen zur Natur.

Der größte Fortschritt besteht vielleicht darin, daß man sich unbeeindruckt von allem Voranschreiten die eigene Natürlichkeit bewahrt. Wer könnte hochmütig werden angesichts des WEGes?