Der Weg der Übung - Schritte zum Ziel

Das Naturgesetz in der Geisteswelt

 

Zurückhaltende und Heftige
Redegewandte und Einfältige
Alberne und Kriecher
Heimtückische und Unverschämte
Voreilige und kalte Spötter
Gesellschaftsmenschen und Selbstgewisse
Tyrannen und Vereinsamte

 

Diese Menschenarten wandern miteinander auf der Erde umher
Jeder geht seinen Zielen nach
Und bis ans Ende der Tage beachten sie einander nicht
Und bis ans Ende der Tage verstehen sie gegenseitig ihre Gefühle nicht
Und bis ans Ende der Tage verkehren sie nicht miteinander
Und bis ans Ende der Tage bringen sie einander nicht vorwärts
Und bis ans Ende der Tage bringen sie einander nicht zur Besinnung
Bis ans Ende der Tage

 

Nicht 

 

Bestandsaufnahme

Diese Zeilen sind frei nach Liä Dsi (auch Liezi, Lieh Tzu oder Liä-Tse) formuliert. Die ihnen zugrunde liegenden Gedanken sind seinem "Wahren Buch vom quellenden Urgrund" entnommen. 

 

Selbst wenn man Liä Dsis Gedanken als Beschreibung der Realität werten möchte, ist ihr pessimistischer Grundzug unübersehbar. Dennoch muß die Einsicht in die Realität des Menschseins nicht in Resignation führen. Der Originaltext des Taoisten Liä Dsi endet in der Übersetzung von Richard Wilhelm mit folgenden Worten: 

 

Das ist der Zustand der Menge. Ihr Äußeres ist vielgestaltig, und doch folgen sie alle den ewigen Gesetzen und sind dem Schicksal unterworfen. 

 

Auch wenn wir als Menschen dem Schicksal unterworfen sind und den "Ewigen Gesetzen" folgen, können wir unser selbstbezogenes Verhalten aufgeben. Dazu stehen uns verschiedene Übungswege offen.

 

Übungswege

Wohin sollte ein Übungsweg einen Übenden führen? Die Interessenlagen und Veranlagungen sind vielfältig. Jeder geht seinen Zielen nach, Zielen, die denen anderer Menschen nur selten entsprechen. Daher sind meist alle von allen in ihrem Fühlen, Wünschen und Denken getrennt. Zur Überwindung dieser Isolation wurden zahllose Übungswege entwickelt. Sie führen dahin, daß Menschen über alles Trennende hinweg das sie verbindende Gemeinsame erkennen können.

 

 

Alle wirklichen Übungswege eröffnen die Möglichkeit, Einfluß auf den menschlichen Geist zu nehmen. Sie zeigen auf, wie der Geist gesammelt und ausgerichtet werden kann. Wenn Menschen dadurch ihr selbstbezogenes Meinen und Wünschen überwinden können, kann ihr Geist zur Ruhe kommen. So wird Mitte und Stille erfahrbar.

 

 

 

Über Geist und Wahrnehmung

Von Subjektivität und Objektivität

Alle Wahrnehmung wurzelt im Geist. Jede Wahrnehmung kann trügen. Wir können überzeugt sein, daß wir etwas sicher sehen oder klar erkennen, und doch ist es möglich, daß wir uns irren. Dennoch entscheiden wir aufgrund aktueller Eindrücke, meist nachdem wir unsere Gewohnheiten und Erinnerungen befragt haben. Wir beurteilen unsere Welt nach vorgefaßten Meinungen und entscheiden über Gegenwart und Zukunft aufgrund von Träumen, Hoffnungen und Vermutungen.

 

Unsere Theorien und Wahrheiten sind jedoch wandelbar. Sie können sich im Prozeß unseres Denkens verändern. Dies läßt unser Urteil über Dinge und Ereignisse unsicher werden. Wer hätte nicht schon erfahren, daß er heute etwas anderes für richtig hält als gerade noch gestern? Wie können wir da noch unseren Feststellungen und Rückschlüssen, unseren Überzeugungen und Einsichten trauen? Wir fragen uns angesichts dessen: Was ist objektiv, was ist subjektiv? Gibt es eigentlich etwas Beständiges, etwas Verläßliches im Geist oder in der Außenwelt? ? Wir versuchen, dieser beunruhigenden Frage auszuweichen, indem wir unser Denken und unsere sich ändernden Meinungen als Ausdruck von Lebendigkeit werten. Doch im Grunde hilft das nicht weiter. 

 

Wenn wir etwas zu wissen glauben, woher wissen wir, daß wir es wirklich wissen? Sind wir überhaupt? Existieren wir? Wer sind wir? ? Solche Fragen lauten, im Stile des Zen formuliert: Wer ist es, der fragt? - Wer ist es, der (hier) liest? Wer denkt? 

 

Übung als Weg

Die Philosophie des Ostens sucht die Antwort auf solche Fragen nicht in Erörterungen und Theorien, sondern in ihren Übungswegen. Im Tun und Erleben werden auf den Wegen des Zen oder des Yoga, auf den Wegen des Karate oder des Qi Gong Antworten gefunden.

 

Mit Hilfe der Techniken eines Übungsweges bereiten wir unseren Geist vor. Die Techniken des Karate, die Asanas und das Pranayama des Yoga, die Haltungen und Bewegungen des Qi Gong sind verschiedene Mittel, mit deren Hilfe wir unsere Konzentrationskraft schulen können. Haben wir auf diese Weise Fähigkeiten erworben, erproben wir sie im Alltag. Sind wir allmählich ruhiger und gelassener geworden, können wir uns umso mehr unserer Übung zuwenden. Mit der Zeit wird unsere Technik müheloser, unsere Wahrnehmung feiner; Atmung, Konzentration und Koordination ersetzen rohe Kraft. 

 

Nach und nach lassen wir uns nicht mehr so leicht ablenken. Zunächst bewahren wir Konzentration noch mit Hilfe unseres bewußten Wollens, später, wenn meditative Sammlung eingetreten ist, wird es leichter.

  

Allmählich können wir über Haltung, Atmung und Bewußtsein hinausgehen. In den japanischen Kampfkünsten spricht man von sutemi, vom "Fallenlassen des Körpers". Dieses "Fallenlassen" oder "den Körper aufgeben" bedeutet, seine Selbstbezogenheit aufzugeben. Man folgt nicht mehr dem meinenden und abwägenden Ego, sondern den ewigen Gesetzen des Urgrundes.

 

Wenn wir uns in den Urgrund fallen lassen, können wir aus dem Urgrund heraus handeln. Von da aus entsteht alles hier und jetzt, leicht und unvoreingenommen, so als geschehe es zum ersten Mal. Wir bewegen uns natürlich und unbewußt. Der Geist tritt unvermittelt zu Tage. Dem meinenden Selbst bleibt weder Zeit noch Raum, um aufgrund falscher Wahrnehmungen irreführende Interpretationen zu produzieren oder unzutreffende Vermutungen anzustellen.

 

Nur solange wir unser egoistisches Denken und Meinen zwischen uns und das ewige "Hier und Jetzt" stellen, solange wir also noch über unsere "Technik" nachdenken, bleibt unser Verhalten kunstvoll und künstlich, unser Handeln langsam und zögerlich.

 

 

"Hüftdrehung, Beinarbeit, fester Stand..."

Auf den höheren Stufen der Übung werden Handlung, Bewußtsein, Körper und Geist zur Einheit. In den Kampfkünsten üben wir zunächst Technik (jap.: waza) und Form (jap.: kata). Doch sobald uns waza und kata gleichsam zur zweiten Natur geworden sind, können wir ohne persönliches Ich-gesteuertes Wollen unsere Kunst "spielen". Wir haften nicht mehr an den grundlegenden Prinzipien, die wir zu Anfang gelernt und über die Zeit beharrlich geübt haben. Wir "bedienen" uns ihrer nicht einmal mehr. Die Prinzipien treten vielmehr spontan zu Tage, wir agieren unbewußt und frei. 

 

Die Übung enthält zwar Elemente wie "Hüftdrehung, Beinarbeit, fester Stand.....". Sie zielt aber von Anfang an darüber hinaus. Daher streben wir danach, in der Übung über Haltung und Atmung, über Bewußtsein und Bewegung, über Körper und meinendes Selbst hinauszugelangen. 

 

Wir können darauf vertrauen, daß wir allmählich aus den einzelnen Elementen von Form und Technik ein Gesamtgefühl entwickeln, so wie ein an allen vier Enden angezündeter Bogen Papier schließlich insgesamt von einer einzigen Flamme erfaßt wird.

 

Sobald im Übungsprozeß der erste Funke aufgenommen ist, entwickelt sich das Ganze nach und nach. Jeder wahrhaftig Übende wird unfehlbar zu jener Natürlichkeit geführt, die ihm in seiner individuellen Unverwechselbarkeit entspricht. Natürlichkeit wurzelt in jenem quellenden Urgrund, auf den wir unser Sein zurückführen. Aus ihm gehen die "ewigen Gesetze" hervor, aus ihm wächst unser Gefühl für die Einheit des gesamten Kosmos. Im Urgrund und in der Natürlichkeit erkennen wir das All-Gemeinsame, von hier aus gesehen ist alles Trennende überwunden. Der Weg ist zum Ziel geworden. Erst wenn wir da angekommen sind, sind wir wirklich unterwegs.

 

 

Links zum Thema

 

Karate, Yoga und Spiritualität; Patanjali, Yogasurta

http://www.karate-wiesloch.de/index.php?id=662