Gewalt in der Gesellschaft - Nicht-tödliche Waffen verändern unsere Welt nicht zu unserem Vorteil

Gepfefferte Ladung - Die neue Generation von Reizstoffwaffen

Waffen sind Werkzeuge der Trauer /
Verächtlich dem Leben Achtenden.
Nicht drängt der Durchdrängte zu ihnen.
Waffen sind Werkzeuge der Trauer.
Nur gezwungen braucht sie der Erhabene.
Sein Kampf entspricht der Gesetzmäßigkeit.
Beruhung ist des Erhabenen Weise /
Nichts weiß er von den Weisen der Waffenfreudigen.
Waffenfreude ist Mordfreude.
Wen Mordfreude erfüllt / hat Leben verlassen.

Laotse, Tao Te King , ca. 5. Jh. v.u.Z.  / zit.n. TTK Jerven, XXXI

 

Beschreibung

Seit den 1990er Jahren haben mehrere europäische Staaten ihre Polizei mit Waffen ausgestattet, deren Wirkung auf dem Reizstoff Oleoresin Capsicum (OC) beruhen. Dieser Reizstoff wird aus Cayenne-Pfefferschoten gewonnen. Oleoresin Capsicum und seine Derivate sind daher als biologische Kampfstoffe zu verstehen.  Sie können flüssig versprüht oder von hochbeschleunigenden Abschußeinrichtungen ausgebracht werden, die die Pfefferladungen bis zu 145 km/h beschleunigen können und sie nach Herstellerangaben damit zu "flüssigen Geschossen" werden lassen.  

Ein anderer Reizstoff, das Capsaicin II,  wird synthetisch hergestellt. Es handelt sich hierbei um Pelargonsäure-vanillyl-amid und ist unter dem Handelsnamen PAVA bekannt. Die amerikanische Firma Pepperball verpackt diesen Stoff in Plastikgeschosse, für die sie spezielle Pistolen, Gewehre und sogar einer Multi-funktions-Taschenlampe mit Abschußeinrichtung herstellt. Dieser Stoff und Pepperball-Schußapparate sind seit 2002 auch in Deutschland erhältlich.

Der Wirkstoff im Oleum Capsikum, das Capsaicin, ist ein pflanzliches Nervengift. Auf der Haut ruft es Blasen hervor und erzeugt stark brennende Schmerzen, die bis zu einer Stunde anhalten können. Bei Augenkontakt löst Oleoresin Capsicum extremen Tränenfluß und krampfhaften Lidschluß aus und kann zu einer zeitweiligen, bis zu 30 Minuten andauernden Blindheit führen. Das Capsaicin kann zudem dauerhafte Hornhautschäden an den Augen hervorrufen. 

Über die Atemwege aufgenommen, lösen OC und PAVA Husten- und Würgereize aus. Sie bewirken eine Schwellung der Bronchien und lösen zudem Krämpfe im Brustraum aus, die die Betroffenen zwingen, sich zusammenzukrümmen.  In manchen Fällen kann dies Atemstillstand zur Folge haben. Insgesamt ist die Wirkung von OC und PAVA also erheblich stärker als die der früher üblichen "Tränen"-Gase.   

Weil OC ein regelrechtes pflanzliches Gift ist, ist es zwar durch das internationale Abkommen über biologische Waffen aus dem Jahre 1972 für den Kriegseinsatz verboten. In Deutschland und anderen europäischen Ländern sind Pfefferwaffen jedoch für polizeilichen Einsatz im Inneren und für den privaten Gebrauch gesetzlich ausdrücklich zugelassen. Sie werden von den Herstellerfirmen auch gezielt als "ideale, nicht-tödlich wirkende Waffe" für den Polizeigebrauch beworben. Wenn der Einsatz von Reizgasen wie OC im privaten Bereich zur Selbstverteidigung als zu bedenklich erscheint,  werden die entsprechenden Reizgaswaffen im Handel als "zur Tierabwehr geeignet" bezeichnet. 

Spätfolgen und Komplikationen

Wissenschaftliche Untersuchungen lassen erkennen, daß OC und PAVA zu Schädigungen des Erbgutes führen können. Sie können im Bereich der Augen Nervenfasern und der Hornhaut schädigen, sowie allgemein Schäden in Gehirn, Leber und Nieren auslösen. Besondere gesundheitliche Risiken gehen von Pfefferspray in Bezug auf die Haut und die Atmungsorgane aus. OC und PAVA können Allergien, Kehlkopf- und Bronchialkrämpfe, Atemstillstand und Lungenödeme auslösen oder sogar zu akutem Bluthochdruck und zu Unterkühlungen führen.  

Über die Langzeiteffekte von diesen im weiteren Sinne biologischen "Aufstandsbekämpfungsmitteln" liegen bisher noch kaum Erkenntnisse vor. Das gilt vor allem für den kombinierten Einsatz solcher Reizstoffe, wie er etwa für das Jahr 1999 in Seattle dokumentiert ist. Dort wurde CS und CN-Gas in Kombination mit Pfefferspray gegen Globalisierungsgegner versprüht. Unter den Demonstranten löste dies Panik aus, weil sie glaubten, es werde neuartiges Nervengas eingesetzt.  

Auch die Hersteller von Reizstoffwaffen warnen vor den Kombinationswirkungen ihrer Produkte. Die Firma Zarc International gibt zum Beispiel an, daß eine Mischung von CS und OC zu "Augenverletzungen und Blindheit" führen kann. Gerade solche Mischsysteme werden jedoch heute im Handel angeboten.

Das Stockholmer Friedensforschungsinstitut SIPRI warnt bereits seit 1975 vor den toxischen Langzeiteffekten chemischer "Aufstandsbekämpfungsmittel", die häufig erst Jahre nach dem Einsatz zu Tage treten können. Über die chronischen Erkrankungen, die von modernen Reizgasen ausgehen können und vor allem über deren wahrscheinlich karzinogene Wirkung ist bis heute nur wenig bekannt. Bei OC und erst recht bei PAVA besteht der Verdacht, daß sie zu Genmutationen und Krebs führen können. Daß sie dauerhafte Überempfindlichkeiten und direkten Schädigungen von Nervensystem, Lunge, Herz und Kreislauf auslösen können, ist bekannt. Die Gefahren gehen dabei nicht nur von den Wirkstoffen im OC oder dem PAVA selbst aus, sondern auch von den Stoffen und Treibmitteln, in denen diese Pfefferstoffe gelöst werden.  

Kritik

Zwischen 1990 und 1995 soll es allein in den USA über 60 Todesfälle im Zusammenhang mit Pfefferspray-Einsätzen gegeben haben. Amnesty International fordert daher, die Verbreitung von OC-Waffen zu unterbinden.  Eine Kommission des Europa-Parlaments, die zur Technologiefolgen-Abschätzung eingesetzt ist, hat den EU-Staaten dringend geraten, Verkauf, Anschaffung und Einsatz von Pfefferspray zu untersagen und zumindest weitere unabhängige medizinische Gutachten über die Wirkung von Reizstoffen auf Pfefferbasis abzuwarten. Diese Empfehlungen sind allesamt nicht befolgt worden. Auch in Deutschland kann man sich heute verschiedenen Pfefferwaffen gegenübersehen.

Es liegt auf der Hand, daß sich nichttödlich wirkende Waffen auch zum Offensiveinsatz eignen. Man muß damit rechnen, daß nicht nur die Polizei mit ihnen ausgestattet ist, sondern daß sie auch von Personen eingesetzt werden, die sie mit krimineller Zielsetzung verwenden.  

Generell wird man davon ausgehen können, daß nichttödlich wirkende Waffen leichtfertiger eingesetzt werden als herkömmliche Waffen. Die Hemmschwelle für ihren Gebrauch dürfte deutlich niedriger liegen, zumal viele von ihnen auf Distanz wirken und die Waffenanwender die Reaktion der Zielpersonen nicht so deutlich wahrnehmen. Dies wird die leichtfertige Anwendung von schwerer Gewalt begünstigen. Nichttödlich wirkende Waffen eignen sich nämlich in erschreckendem Maße, um beliebige Personen, zu welchem Zweck auch immer gefügig zu machen, um sie zu demütigen, zu quälen oder zu foltern. 

Es ist also mehr als fraglich, ob durch nichttödlich wirkende Waffen das Leben in unserer Gesellschaft sicherer wird. Eher ist anzunehmen, daß die neuen Waffentypen mit zunehmender Verbreitung in allen gesellschaftlichen Bereichen als Bedrohung aufgefaßt wird, was zu einer allseitigen zivilen Aufrüstung führen wird, wie sie derzeit bereits in den USA erkennbar ist. 

Walten im Einklang mit der Gesetzmäßigkeit /
Ist Walten ohne Gewalt.
Unter Waffen gehen heißt Untergang.
Hinter strengen Herren tobt strengere Herrschung /
Hinter großen Heeren folgt größere Verheerung.

Laotse, Tao Te King , ca. 5. Jh. v.u.Z. zit.n. TTK Jerven, XXX