Karate und HathaYoga - Körperarbeit als spirituelle Übung

Modernes Karate ist ausdifferenziert

Karate hat sich im Laufe des zwanzigsten Jahrhunderts ausdifferenziert: es kann heute den Charakter eines Ausgleichssports oder einer rasanten Wettkamfsportat haben, kann spirituelle Disziplin oder Kriegskunst sein und noch vieles andere mehr. In fast jeder Übungsgruppe wird Karate anders interpretiert und daher mit unterschiedlicher Akzentsetztung geübt.

 

Im folgenden Artikel interessiert uns Karate vor allem als spiritueller Übunsweg. Unter dem Einfluß der modernen Lebenswelt des Westens ist ein solches "spirituelles" Karate wahrscheinlich körperbewußter und achtsamer, sicher aber sanfter geworden als es die alte Kriegskunst Okinawas einst war. In seiner modernen Ausprägung haben sich wichtige Grundelemente des Karate, nämlich Kihon und Kata zu einer dynamischen Haltungsschule entwickelt, die ähnlich wie das Hatha Yoga den eigenen Körper zum Ausgangspunkt der Übung nimmt. Eine Zusammenschau beider Übungswege kann daher ungeahnte Synergieeffekte hervorbringen.

 

Auch spirituell orientiertes Karate hat Körperbezug

Spirituell orientierte Karate-Übungen unterliegen zumindest anfänglich dem Imperativ, daß alle Praxis vom eigenen Körper ausgehen muß, weil der Mensch am eigenen Körper am ehesten Veränderungen erreichen kann. In dem Maße, in dem sich den Übenden das Verständnis für den eigenen Körper erschließt, in dem Maße können sie ihren Körper mit Atem und Geist in Beziehung setzen. Dieser Übungsansatz kann sowohl auf dem Weg des Karate als in der Übungspraxis des Hatha Yoga zu höchsten spirituellen Einsichten und Erfahrungen führen.

 

Körper und Geist werden in einem einheitlichen Prozeß geformt

Wenn wir diesen Körper mit Achtsamkeit üben, formen wir zugleich Körper und Geist. Dieses Üben in Achtsamkeit kann in den asanas des Hatha Yoga in gleicher Weise geschehen wie bei der Übung der hochdifferenziert beschriebenen Ausführung von Kihon-und Katatechniken des Karate.

 

In beiden Disziplinen spielt Achtsamkeit, Selbstbeobachtung und eine teilweise sehr subtile körperliche Korrektur und Regulation die zentrale Rolle.

Dies ist möglich, weil sich dem Menschen alle Erfahrungen, die er in dieser Welt sammelt, ausschließlich über den Körper erschließen. Ohne Körper gibt es kein kein Fühlen, kein Denken und kein Handeln.

 

Alle Lebensumstände bilden sich im Körper ab: die Art und Qualität von Ernährung und Wohnung, die Aufmerksamkeit, die der Mensch seiner Umgebung entgegenbringt, seine sozialen Beziehungen, die klimatischen Einflüsse, denen er ausgesetzt ist. Geistige und seelische Verfassung sind lediglich ein Resultat der Erfahrungen, die wir uns über den Körper "an uns selbst" vermitteln. Dies geht so weit, daß man geneigt ist, sich zu sagen: dieser Körper, das bin ICH.

 

Die Bedeutung der Philosophie des Ashtanga Yoga für Karatekas

Karate entstammt einem Kulturkreis, in dem die Philosophien von Konfuzianismus und Daoismus, die Lehren der Shintô-Religion und vor nicht zuletzt die Zen-Philosophie das Denken beeinflußt haben. Während Karate mehr am chinesischen Kulturkreis orientiert ist, richtet sich Hatha Yoga an den Strömungen indischer Philosophie aus. Dennoch sind beide Disziplinen trotz ihrer Körperorientiertheit mit philosophischen Lehrgebäuden eng verknüpft.

 

Grundlegend für die Theorie und Philosophie des Hatha Yoga ist das Yoga-Sutra, das einem (historisch nicht nachweisbaren) indischen Gelehrten mit Namen Patanjali zugeschrieben wirtd und eine weitere Schrift, die mit dem Yoga-Sutra in Zusammenhang gesehen wird, die Hatha Yoga Pradipika.

 

Vor allem das Yoga-Sutra des Patanjali ist weltanschaulich nahezu neutral. Ein besonderer Teil dieses Yoga-Sutra bildet die Darstellung des "Achtgliedrigen Weges", des philosophischen Ashtanga Yoga, das im zweiten und dritten Kapitel des Sutras dargelegt wird.

 

Für Karatekas ist dieser "Achtgliedrige Weg", der nicht mit dem "Edlen Achtfachen Pfad" des Buddhismus verwechselt werden sollte, unter dem Aspekt  "Karate als spirituelle Übung" nicht uninteressant. Der "Achtgliedrige Weg" aus dem Yoga-Sutra des Patanjali zeigt nämlich eine klare Möglichkeit auf, wie eine körperliche Betätigung mit Spiritualität in Beziehung gesetzt werden kann.

 

Im Einzelnen empfiehlt der "Achtfache Pfad" dem nach höchster Einsicht strebenden Adepten, sich zunächst mit Fragen der Ethik und Moral (1) auseinanderzusetzen, unter anderem mit Gewaltlosigkeit und Wahrhaftigkeit. Diese beiden Größen sind im Besonderen auch für Karatekas interessant. Danach geht es um Selbstdisziplin (2) und hier - wieder unter anderem - um die Unterpunkte Reinheit (analog dem japanischen Makoto) und Zufriedenheit. Erst an dritter Stelle des "Achtfachen Pfades" steht die körperliche Übung (3). Im Yoga sind die Asanas Gegenstand der körperlichen Übung, im Karate sind es Kata und Kumite. Auf der körperlichen Übung baut die Beherrschung des Atems (4) auf, welche die Entwicklung mentaler Disziplin zum Gegenstand hat.

 

Mit der Atemkontrolle wendet sich ein Übender mehr seinem Inneren zu, weil sich die Aufmerksamkeit richtet sich Vorgänge richtet, die das Innen mit dem Außen verbindet. Folgerichtig besteht die nächste Stufe dann aus dem Pratjahara, dem sich nach innen ausrichten, also dem Rückzug der Sinne aus der Außenwelt (5), so daß eine Ablenkung der Konzentration möglichst vermieden wird.

 

Nahtlos erwächst also aus der Atemkontrolle und der Kontrolle der Sinne die Stufe der Konzentration (6). Ab hier ist der Weg ein Selbstläufer, die Entwicklung folgt aus sich heraus, ohne weiteres Zutun: Der Zustand der Konzentration wird, wenn er unentwegt aufrecht erhalten werden kann, von selbst zu Meditation (7). Wer schließlich im Zustand der Meditation zu verweilen vermag, verwirklich damit das höchte Ziel, Samhadi, die "Einheit" (8). Für einen Karateka würde sich diese "Einheit" im Aufgehen in der gegebenen Situation, dem "Wissen" des Gegners, in einem Handelungsfluß ohne Zögern und Bedenken manifestieren.

 

Das bis hierher dargestellte Modell einer körperbezogenen Spiritualität gehört der Yogaphilosophie an, kann aber von Karatekas durchaus nachvollzogen werden.

 

Buddhistische Philosophie für Karatekas

Ein Berührungspunkt zwischen indischer und chinesischer Philosophie ist aber vor allem im Buddhismus gegeben. Sowohl (körperliches) Yoga als auch Karate können mit dem Ziel der Persönlichkeitsentwickung auf buddhistischer Grundlage betrieben werden. Da der Ur-Buddhismus weit mehr ein psychologisches Sytem zu eben dieser Persönlichkeitsentwicklung ist als eine Religion, kann er mit seinen Theorien beiden Systemen sein philosophisches Gedankengebäude zur Verfügung stellen.

 

Für den Karateka ist es deshalb auch möglich, seine Übung auf den psychologischen Methoden des Ur-Buddhismus abzustützen. Und in der späteren Entwicklung gerade der chinesischen Kampfkünste, die das okinawanische Karate und damit alles heute existierende Karate irgendwann einmal in seinen Vorläufern beeinflußt haben, wird der Karateka auf den Einfluß des Klosters Shaolin stoßen. Dieses buddhistische Reformkloster, ist in seiner Bedeutung für  Kampfkunst, Zen und Persönlichkeitsentwicklung von unbestreitbarer Wichtigkeit. Daher kann auch shaolinisches Gedankengut heutigem Karate zur Grundlage einer spirituellen Kampfkunst-Praxis dienen.

 

Links zum Thema

Karate als Übungsweg:

http://www.karate-wiesloch.de/index.php?id=104

 

Was ist eigentlich Spiritualität?

http://www.karate-wiesloch.de/index.php?id=97

 

Karate-dô - Karate als spiritueller Weg. - Was ist am Karate spirituell?

http://www.karate-wiesloch.de/index.php?id=243

 

Kampfkunst und Philosophie

http://www.karate-wiesloch.de/index.php?id=233

 

Was ist am Karate spirituell? - Eine wissenschaftliche Erörterung des Spiritualitätsbegriffs im Karate:

http://www.karate-wiesloch.de/uploads/media/skarate_01.pdf