Die Geschichte der 47 Rônîn. Kapitel 2 (Teil 2)

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Was bisher geschah

Die wichtigsten Hauptakteure wurden vorgestellt. Das Unheil kann seinen Lauf nehmen.

Ôishi, der erste und ranghöchste Samurai unter den Gefolgsleuten derer von Asano ist uns schon aus dem ersten Kapitel bekannt. Nun wird uns Fürst Asano von Ako selbst vorgestellt. Der Ärmste wird noch im Verlaufe des aktuellen Kapitels wieder abtreten... hach... aber genau das macht ihn zur Hauptperson. Man ahnt es ja schon...

Dann haben wir einen ersten Blick auf Kataoka geworfen, einen jungen Samurai, der immer zu Späßen und Scherzen aufgelegt ist. - Sein charakterliches Gegeteil lernen wir in einem Samurai namens Hara kennen, einem alten Haudegen, der etwas humorlos und oft mürrisch agiert. Fast kommt ihm in der Geschichte der 47 Ronin eine Art Hagen-von-Tronje-Rolle zu. Na Gut... er wird nicht zum Verräter. Aber ein bischen unheimlich ist er schon.

Dann ist da Mimura, ein treuer Koch, der sich, obwohl nicht von Stand, als sehr mutig und entschlossen erweisen wird. Und schließlich haben wir einen namentlich nicht genannten Diener kennengelernt, einen frechen und unangenehmen Jungen, der im Stadthaus derer von Asano in der Küche nachlässig seinen Dienst versieht. Im Verlaufe der Handlung des Romans wird von ihm noch viel Gefahr ausgehen....

Und jetzt...

Im Schloss war Kira ebenfalls früh auf den Beinen. Als Zeremonienmeister war er für die Einhaltung des Protokolls am Hofe verantwortlich. Dies verpflichtete ihn, sowohl hinsichtlich seiner Kleidung als auch seines Benehmens selbst ein makelloses Vorbild zu geben. Er brachte nicht unerhebliche finanzielle Opfer, um einen hohen Standard zu halten.

Die Roben, die für ihn bereitlagen, glichen im Stil denen, welche die zur Aufwartung erscheinenden Daimyôs und Hofbeamten trugen. Für sich selbst hatte er eine nachtschwarze Robe gewählt, auf deren übergroßen Ärmeln riesige weiße Wappen prangten, eine Ausstattung, die ihm eine weit eindrucksvollere Erscheinung garantierte als jedem anderen.

Kira war mittleren Alters. Er versuchte jedoch älter auszusehen, weil er glaubte, dadurch könne er seine Würde steigern. Bis auf zwei tief zusammengezogene Linien, die sich zwischen seine Augenbrauen gruben, war sein Gesicht jedoch frei von Falten, und sein schwerer Körper war stark und zugleich beweglich. Er hatte sich seine Zähne in Übereinstimmung mit der neuesten Mode geschwärzt, sodass seine Zuhörer in ein dunkles, gleichsam zahnloses Loch blickten, wenn er seinen Mund zum Sprechen öffnete.

Merkwürdigerweise sorgte sich Kira über das Verhalten des Fürsten Asano trotz seiner großen, wenn auch zeitlich beschränkten Macht über das ganze Land und den Shôgun. Fürst Asano war durch die alte Schule der Samurais gegangen und schien daher die Tatsache offensichtlich zu ignorieren, dass in der modernen Zeit Schmiergelder in der richtigen Tasche mehr von Nutzen sein konnten als die geforderten, aber im Grunde bedeutungslosen Bekräftigungen einer ohnehin selbstverständlichen Loyalität gegenüber dem Shôgun. Durch seine Haltung war Asano eine Bedrohung für Kiras Lebensstil.

Seit drei Tagen hatte Kira nun schon versucht, dem Fürsten Asano den Gedanken näherzubringen, dass es sinnvoll sei, dem Zeremonienmeister des Hofes für seine Dienste eine Anerkennung in Form von Geld zukommen zu lassen. Dazu hatte er zunächst Schmeichelei, dann diskrete Hinweise und schließlich gar Beleidigungen eingesetzt. Doch Asano fuhr fort, ihn zu ignorieren, und Kira fürchtete, dass dieser Fürst, wenn er mit seiner Einstellung durchkam, ein in Kiras Sinne unerwünschtes Beispiel abgeben könnte.

Kiras Gehalt als Hofbeamter war nicht hoch, und er verspürte nicht den Wunsch, aufgrund der Starrköpfigkeit eines einzelnen Fürsten seine Nebeneinkünfte zu verlieren. Er musste also einen Weg finden, um diesen Mann zur Einsicht zu bewegen. In der Vergangenheit hatte er nämlich stets von jedem dieser wohlhabenden jungen Narren, die bei Hofe herumschwirrten, erhalten, was er von ihnen wollte, und er war entschlossen, es auch diesmal zu bekommen.

Seine Gedanken wurden durch einen atemlos herbeieilenden Diener unterbrochen, der ihm verkündete, dass der Shôgun Tsunayoshi ihn sofort zu sehen wünsche. Rasch streifte sich Kira seine Roben über und fluchte, weil das Ankleiden aufgrund der gebotenen Eile nicht in der Sorgfalt erfolgen konnte, die er beabsichtigt hatte. Er hastete aus der Tür und über die Höfe zum inneren Palast und fragte sich dabei ununterbrochen, was beim Shôgun schon so früh am Morgen solche Aufregung verursachte, dass er ihn zu sich rufen ließ. Im einundzwanzigsten Jahr seiner Herrschaft hatte Tsunayoshi nämlich allen Grund, zufrieden zu sein. Gegen seine Position hatte es seit Jahrzehnten keine Aufstände gegeben, hauptsächlich, weil seine Vorfahren in ihrem Bemühen, das Land zu befrieden, sehr gründlich gewesen waren.

Zuerst hatten sie das Land unterworfen. Dann hatten sie alle strategisch wichtigen Orte ihren Blutsverwandten zugesprochen. Seine Vorgänger hatten ihm zudem einen Gefallen damit erwiesen, dass sie alle Ausländer vertrieben hatten, mit Ausnahme einer kleinen Gruppe holländischer Handelsleute auf einer winzigen Insel am südlichsten Ausläufer des Landes.

Der Einfluss des Christentums, das mit den Ausländern nach Japan eingedrungen war, hatte sich auch nach der Vertreibung aller Missionare noch einige Zeit gehalten. Doch seit dem letzten großen Massaker bei Shimabara vor sechzig Jahren, dem fast alle Christen zum Opfer gefallen waren, war das Land frei von dieser Art kleiner Ärgernisse.

Jetzt, nach langen Jahren des Friedens, wuchsen die Städte, die Händler waren erfolgreich und die Künste florierten. Es stimmte zwar, dass der Preis für Reis stieg, das aber wurde als eine Schuld der Bauern angesehen, die seltsamerweise nicht in der Lage waren, das Beste aus ihrem Land herauszuholen. Im Großen und Ganzen wurde Tsunayoshi jedoch nicht von irgendwelchen Sorgen um den Staat belastet. Doch das heißt nicht, dass er gar keine Sorgen hatte.

Als Kira eintrat, keuchte er heftiger, als es nötig gewesen wäre. Er konnte sehen, dass der Shôgun sich aufrichtig um etwas sorgte. Kira verbeugte sich so tief, wie es seine Roben zuließen und hob dann die Augen. Tsunayoshi war ein hochgewachsener, schmaler Mann in den Fünfzigern, der affektiert in einem reichlich geschmückten Empfangsraum auf- und abschritt. Seine Sorge galt, wie sich herausstellte, nicht etwa irgendwelchen dringenden Staatsangelegenheiten, sondern vielmehr der Frage, wie die Aufführung einer Tanzgruppe bei den für diesen Tag geplanten Zeremonien aufgenommen werden würde. Er hatte die Tänzer selbst ausgewählt und trainiert und sorgte sich nun, ob sie sich auch gut in Szene setzen könnten. Er war so besorgt, dass er eine zweite Probe angeordnet hatte. Aus diesem Grund hatte er Kira bestellt. Er wollte, dass sich die Tänzer so schnell wie möglich in der "Halle der Tausend Matten" einfanden, sodass sie ihren Auftritt noch einmal durchgehen konnten, bevor die ehrenwerten Gäste eintrafen.

"Ihr wisst nicht, wie viel mir das bedeutet", erklärte er Kira und wedelte in weibischer Geste mit seinem Kimono-ärmel. 

"Ich habe so hart gearbeitet, damit diese Aufführung ein Erfolg wird ? sie muss einfach perfekt sein!" Kira neigte seinen Kopf.

"Ich fühle mit Eurer Exzellenz, doch ich bin sicher, dass es keinen Grund zur Sorge gibt. Die Zeremonien werden so reibungslos ablaufen wie immer."

"Die Zeremonien, ja ? aber der Tanz, der ist es, der mir besonders am Herzen liegt. Er ist bei solchen Anlässen ein neues Element, und wenn er fehlschlägt, werde ich zum Gespött!"

"Niemand würde es wagen...", begann Kira.

"Die Fachleute werden hinter meinem Rücken lachen, auch wenn sie öffentlich nichts sagen werden", meinte Tsunayoshi wissend. "Doch genug davon ? alles andere ist in Ordnung, richtig? Keine Probleme auf Eurer Seite, hoffe ich?"

"Es gibt immer Probleme, Eure Exzellenz, es gibt aber nichts, was ich nicht selbst in den Griff bekomme."

"Gut", lächelte der Shôgun. "Das ist es, was ich von meinen Höflingen hören will. Ich wünschte, sie wären alle so beflissen wie Ihr."

Kira lächelte zurück und entblößte seine geschwärzten Zähne.

"Alles, was ich kann, habe ich dank Eures Vorbildes gelernt." Er verbeugte sich und wandte sich zum Gehen, dann zögerte er und drehte sich mit vorgetäuschtem Widerstreben um. "Es gibt da einen jungen Daimyô, der Ärger verursachen könnte, doch ich hoffe, seine unangenehme Art bald korrigieren zu können."

"Ihr meint Asano, nicht wahr? Ich habe bemerkt, dass er sich nicht so wohlfühlt wie die anderen. Wollt Ihr, dass ich mit ihm spreche?"

"Nein ? ich glaube nicht, dass das nötig ist. Er wird keine Probleme machen, sobald ich ihm seinen Platz klargemacht habe."

"Nun gut ? ich überlasse das Euch. Aber nun ruft mir rasch die Tänzer herein, verstanden?"

"Ich höre und gehorche", antwortete Kira formell. Nach einer Verbeugung eilte er davon, so schnell es seine feinen Roben zuließen. Er wusste aus Erfahrung, dass Tsunayoshis Geduld niemals lange währte.

In seine zeremoniellen Roben gekleidet, an denen jedes einzelne Detail wieder und wieder geprüft worden war, wurde Fürst Asano zu der Sänfte geleitet, die ihn zum Schloss des Shôguns bringen sollte. Kataoka, ebenfalls prachtvoller als gewöhnlich gekleidet, befahl gerade den acht stämmigen Sänftenträgern die Stangen aufzunehmen, als die Fürstin Asano im Eingang des Anwesens erschien, um sich von ihrem Gatten zu verabschieden. Kataoka wies die Träger an zu warten und trat dann zur Seite, sodass sich sein Herr ungestört mit seiner Gemahlin unterhalten konnte.

"Bitte", sagte sie, als sie sich durch das Fenster zu ihm lehnte, "bitte versprich mir, deine Fassung zu bewahren. Zeige dem Hof von Edo, dass auch wir vom Lande unseren Platz in der Gesellschaft kennen. Vielleicht ? vielleicht ist es sogar jetzt noch nicht zu spät, ein paar Münzen in die richtigen Hände zu legen."

Fürst Asano machte eine Geste der Ungeduld, doch sein Ausdruck wurde milder, als er ihre Sorge sah. Er antwortete ihr mit freundlichem Tadel.

"In feierlichen Angelegenheiten wie dieser wäre es ein billiger und vulgärer Akt, dem Zeremonienmeister des Hofes mehr als ein Anstandsgeschenk zu machen, und ich gedenke nicht, mich auf eine andere Ebene zu begeben. Meine Berater stimmen mir darin zu."

"Deine Berater stimmen zu, weil du deine Entscheidung bereits getroffen hast. Sie wissen, dass es nutzlos ist, dir zu widersprechen. Ich kann das sehen. Versprich mir zumindest, dass du seine Anweisungen in Würde aufnimmst und deine Fassung nicht verlierst, ja?"

"Ich verspreche es", sagte er, und im Vertrauen darauf, dass er es auch so meinte, trat sie zurück und zwang sich zu einem Abschiedslächeln. Fürst Asano gab nun dem wartenden Kataoka ein Zeichen, der daraufhin den Trägern den Aufbruch befahl.

Als sie um die Ecke des Hauses bogen, sah Kataoka Hara, der ihren Abmarsch beobachtete, und er fing eine unausgesprochene Warnung aus seinen Augen auf:

"Wache gut über unseren Herrn."

Kataoka nickte, als er vorüberging, und dann verschwand Hara hinter ihnen.

 

*****

Für die Erlaubnis, diesen Auszug aus dem Roman "Die Geschichte der 47 Rônin" von John Allyn als Leseprobe in diese Seiten einzustellen, danke ich dem Verlag schlatt-books, der die deutschen Rechte an diesem Text innehat. 

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