Die Bewegungslose Weisheit des Leeren Geistes

Wie findet der Mensch seine grundlegende Ganzheit?

Der folgende Aufsatz beruht auf einer Ausarbeitung, die Leo Ruland im Sommer 2007 im Rahmen seiner Prüfung zum 4. Kyû Karate-dô im Keiko-kan dôjô in Wiesloch vorgelegt hat. Leo hatte die Aufgabe, "Die Geheimnisvollen Aufzeichnungen von der Bewegungslosen Weisheit (jap.: Fudô chishin myô roku) zu lesen und die Grundgedanken des Textes herauszuarbeiten. 

Das Fudô chishin myô roku, ein Brief, den im 17. Jahrhundert der Zenmönch Takuan Sôhô an den Schwertmeister Yagyû Munenori geschrieben hat, behandelt nicht in erster Linie technische Fragen, sondern erörtert vor allem die Frage, wie sich individuelles "Ich" und "Wahres Wesen" in einem realen Kampf zueinander verhalten. Daraus resultieren Überlegungen, wie ein Mensch seine grundlegende Ganzheit realisieren kann.

Takuan Sôhô und Yagyû Munenori

Takuan Sôhô (1573- 1645) war ein buddhistischer Mönch aus der Linie des japanischen Rinzai Zen. Im Jahre 1608, wurde er, erst 36jährig, Abt des Daitoku-ji Tempels in Kyôtô. Obwohl er mit dem Shogunat in politische Zwistigkeiten geriet und zeitweilig in Ungnade gefallen war, wurde er vom Shogun Tokugawa Iemitsu 1632 zum ersten Abt des Tokai-ji Tempels in Edo ernannt. 

Meister Takuan hat den Geist des Zen-Buddhismus in viele Bereiche der japanischen Kultur vermittelt. Er beeinflußte dadurch unter anderem die Fechtkunst, die Gartenkunst, den Teeweg und die Kalligraphie.

Yagyû Munenori (1571 - 1646) wurde aufgrund seiner Verdienste in der Schlacht von Sekigahara im Jahre 1600 zum offiziellen Schwertlehrer der Tokugawa Shogune ernannt. 

Von konfuzianischem, taoistischem und zen-buddhistischem Gedankengut beeinflußt, veröffentlichte Munenori im Jahre 1623 das "Buch der geheimen Strategien" (jap.: Heiho kaden sho) und zwar elf Jahre, bevor Miyamoto Musashi sein "Buch der Fünf Ringe" (jap.: Gorin no Sho) verfaßte.

Zen und Kampfkunst

Zen ist mit einigen Richtungen ostasiatischer Kampfkunst eng verwoben. Zurückführen läßt sich diese Verbindung auf den legendären Mönch Bodhidharma, der die Kampfkunst als Vorübung zur Meditation im Kloster Shaolin einführte. Bodhidharma gilt seither als Begründer und Patriarch aller Zen-Meditations-Traditionen und jener Kampfkünste, die mit dem Kloster Shaolin in Verbindung stehen. 

Vor allem in Japan betreibt man aus diesem Grund bis heute die Kampfkünste nicht nur als gymnastische Übung oder praktiziert sie aus einem bloßen Interesse an historisch-praktischer Kriegskunst. Man sieht in den Kampfkünsten, soweit sie unter die Klassifikation budô fallen, vor allem auch spirituelle Wege, welche die Entwicklung der körperlichen und geistigen Dimensionen des Menschseins in ihrer Gesamtheit zum Ziel haben.

Der Geist der "Leere"

Im Zen wird der gleiche Geisteszustand angestrebt wie in der Kampfkunst. Es geht immer um einen "Geist der Leere". "Leer" ist der Geist, wenn er nicht in Gedanken und innere Monologe verstrickt ist, sondern die jeweils gegenwärtige Situation uninterpretiert genau so wahrnimmt, wie sie ist.  

Dieser "Geist der Leere" wird auf paradoxe Weise umschrieben. Er gilt als "bewegungslos" und verharrt dennoch nie bei einem Sinnes- oder Gedankenobjekt. Obwohl er niemals "anhält", verfällt er dennoch nicht in die Gedankenketten eines hektischen Kausaldenkens. 

Über diese auf den ersten Blick widersprüchliche Geisteshaltung schreibt der Zenmöch Meister Takuan Sôhô an den Fechtmeister Yagyû Munenori in seinem Brief unter dem Titel "Fudô chishin myô roku", zu deutsch: "Über den Geist der bewegungslosen Weisheit."

Die Grundgedanken in Takuan Sôhôs "Fudô chishin myô roku"

Bewegungslose Weisheit

Ein wesentliches Konzept des Meisters Takuan Sôhô liegt in der Formulierung der "bewegungslosen Weisheit", die auf dem Gedanken vom "leeren Geist" beruht. 

Unter einem "leeren" oder "unbewegten" Geist versteht Takuan keinesfalls eine Geisteshaltung, die als im herkömmlichen Sinn gedankenlos oder gar unaufmerksam zu werten ist. "Leer" oder "bewegungslos" ist der Geist nach Takuans Auffassung ganz im Gegenteil gerade dann, wenn er sich im Zustand einer ununterbrochenen, allumfassenden Aufmerksamkeit befindet, wenn er sich also in vollem Umfang als präsent oder geistes-gegenwärtig erweist. Warum spricht Takuan Sôhô nun aber gerade in diesem Zusammenhang von einer "Leere" oder "Bewegungslosigkeit" des Geistes? 

Das "Verweile doch, du bist so schön..." des fernen Ostens 

Bewegung wird im Buddhismus (und im Taoismus, einer Philosophie, die den Zen- Buddhismus stark beeinflußt hat) als der natürliche Zustand der Welt angesehen. Bewegung entsteht zwischen den Polen von "Yin" und "Yang". Die Polarität dieser Entitäten bewirkt in allen Dingen und Erscheinungsformen ständig wechselnde Bewegungstendenzen. Ein Stillstand ist in diesem System nicht denkbar. Alles befindet sich im Fluß, alles ist in einem ständigen Wandel begriffen. 

Der Geist hat nun aber dennoch die Freiheit und Möglichkeit, bei jeder x-beliebigen Erscheinung der Innen- oder Außenwelt zu verharren. Bleibt der Geist in diesem Sinne "stehen", fällt er aus dem kontinuierlichen Fluß der Entwicklung von Zeit und Raum heraus. Dies geschieht zum Beispiel dadurch, daß der Geist an etwas Vergangenem haftet oder etwas Bevorstehendes erwartet.  

Während der Geist nun bei seinen Thema verharrt, bewegt sich die Welt im Fluß der allgemeinen und stetigen Verwandlung weiter. Aus der Sicht eines außerhalb des Systems gedachten Beobachters würde das "Verweilen" des Geistes im Verhältnis zum Wandel aller Dinge als eine relative Bewegung erscheinen. "Bewegungslosigkeit des Geistes" würde ein solcher gedachter Beobachter dagegen immer dann feststellen, wenn der Geist sich in ununterbrochener Präsenz dem sich ständig wandelnden "Hier und Jetzt" anpassen würde. Dann nämlich könnte der gedachte Beobachter zwischen der geistigen Präsenz und der Entwicklung der Dinge niemals eine Differenz feststellen. 

Unvoreingenommen und daher leer 

Ein "leerer" Geist ist also gegenüber allen Erscheinungen immer völlig offen und unvoreingenommen. Er beurteilt nicht, haftet an nichts an und kann sich daher permanent dem Lauf der Dinge anpassen. Da er nichts zurückbehält von dem, was gerade gewesen ist, und nicht auf das schließt, was sich demnächst aus dem Gewesenen ergeben könnte, ist er stets unbeeindruckt. Obwohl und gerade weil er alle Einflüsse jederzeit auf der Höhe der Zeit augenblicklich wahrnimmt und widerstandslos akzeptiert, ist er aus anderer Warte in all seiner Fülle im Hier und Jetzt durchaus als "leer" zu bezeichnen.

Die zehntausend Arme der Kannon

Diese "leere" Verfassung des Geistes verdeutlicht Meister Takuan Sôhô anhand eines bekannten Bildes der Göttin Kannon. So wie Kannon zehntausend Arme hat, die sie alle zur selben Zeit mühelos kontrolliert, ist der "leere" Geist in zehntausend Richtungen präsent und nimmt alles gleichzeitig wahr, ohne einer Einzelheit den Vorzug zu geben. 

Beschränkt sich der Geist nun auf eine bestimmte Wahrnehmung in nur einer Richtung, erlischt augenblicklich seine allumfassende Geistes-Gegenwart. Die Aufmerksamkeit ist gebunden. Der Geist wird von einer einzelnen Wahrnehmung erfüllt und ist augenblicklich gegenüber allen anderen Erscheinungen unaufmerksam. 

Angesichts eines heransausenden Schwertes

Fixiert sich der Geist also an eine einzelne Sache, bleibt er bei dieser "stehen" und vergißt darüber alles andere. Für den Samurai bedeutete das, daß er sich nicht von einem heransausenden Schwert beeindrucken lassen durfte, da ihm sonst im Geist keine Kapazität für eine angemessene Reaktion geblieben wäre. Ebensowenig hätte er sich auf sein eigenes Schwert konzentrieren dürfen, denn in dem Moment, in dem er seine Aufmerksamkeit auf das eigene Schwert gerichtet hätte, hätte er das heransausende Schwert des Gegners nicht mehr gebührend beachten können. Eine angemessene Reaktion auf die gegebene Situation wäre ihm dann wohl kaum noch möglich gewesen. 

Ebenso gilt im Karate-dô, daß man seinen Geist nicht von Einzelheiten "fesseln" lassen darf, weil man dadurch gegenüber allem andern augenblicklich unachtsam werden würde. Daher stellt Funakoshi Gichin in der siebten Maxime seiner Nijû jô fest: "Unglück geschieht immer aus Unachtsamkeit". 

Stets wachsam

Wenn der Geist dagegen stets aufmerksam und nicht unachtsam ist, ist die Grundvoraussetzung zum angemessenen Handeln gegeben. Beim angemessenen Handeln kommt es darauf an, daß der Körper dem Geist unmittelbar folgt. Der "Raum" zwischen Wahrnehmung und Reaktion wird so klein gehalten, daß, wie Takuan soho sich ausdrückt, "nicht einmal ein Haar hindurchpaßt". Einem Schwertkämpfer bleibt keine Zeit zu einer tiefschürfenden Analyse: Er muß unmittelbar im Hier und Jetzt auf einen soeben im Entstehen begriffenen Schlag seines Gegners reagieren können, wenn er diesem erfolgreich begegnen möchte. 

Niemals nachlässig

Für einen Übenden der Kampfkunst bedeutet dies, daß er die Anwendung seiner Technik kontinuierlich praktizieren muß. Will er in seiner Kampfkunst ein dem Hier und Jetzt angemessenes Handeln verwirklichen, müssen ihm nämlich die Bewegungen in Fleisch und Blut übergegangen sein. Es darf kein Erwägen mehr geben. Dem Wahrnehmen muß das Handeln unmittelbar folgen, so wie "ein Funke dem Anschlag des Feuersteins folgt". 

Immer aufmerksam

Was Funakoshi im  siebten Spruch seiner Nijû jô als "Unachtsamkeit" bezeichnet, beschreibt Takuan als die "Plage des Verweilens".  Meister Takuan bezieht sich auf den "verweilenden" Geist, der "stehen bleibt", sobald er sich aus seiner unmittelbaren Geistes-Gegenwart ablenken läßt oder seine Aufmerksamkeit isoliert und zielgerichtet auf einen Einzelaspekt der Gesamtsituation richtet.  

Takuan ist der Ansicht, daß die Konzentration auf den Hara, die Körper- und Geistesmitte des Menschen, für Anfänger zwar ein durchaus geeigneter Kristallisationspunkt seiner Aufmerksamkeit sei, daß das Fernziel einer natürlichen Geisteshaltung aber erst erreicht werde, wenn es gelinge, den Geist frei streifen zu lassen, ohne ihn an etwas Konkretes zu heften.

Diese Haltung illustriert Takuan Sôhô unter anderem anhand eines Beispiels. Er spricht von einem Ball, der auf dem Wasser treibt und sich dessen Lauf in seiner Bewegung unmittelbar anpaßt, ohne zu verweilen. Dieser Gedanke findet sich als konkrete Übungsanweisung ebenfalls in den Nijû jô wieder: "Lerne deinen Geist zu kontrollieren und befreie ihn dann." (Funakoshi Gichin, Nijû jô, Nr. 6)

Zusammenfassung

Ein Konzentrations-"Punkt" des "rechten Geistes" ist demnach nicht vorhanden. Weil er nicht zu fassen, nicht zu definieren oder sonst festzulegen ist, wird der frei entfaltete Geist als "Nicht-Geist" bezeichnet. Allein dieser "Nicht-Geist" nimmt jede Situation so auf, wie sie ist, ohne sich an ihr aufzuhalten und ohne sie zu bewerten. Ein solcher "Geist im Fluß", ein im Sinne Takuans "bewegungsloser Geist" ist das eigentliche Ziel jeder spirituellen Übung.