Shintô in Germanien?

Zum "Weg der Götter" in Europa

Angenommen, man würde aus religionssoziologischer Warte das Christentum Europas dem Buddhismus Japans gleichsetzen, könnte man den vorchristlichen Religionen Europas in gewisser Weise einen Platz parallel zum japanischen Shintô zuweisen.

Shintô heißt auf Deutsch "Weg der Götter".  Im Keiko-kan Magazin vom November 2007 haben wir im Rahmen unseres "interessanten Links" zur Enzyklopädie des (japanischen) Shintô verwiesen. In diesem Monat wollen wir auf eine Seite aufmerksam machen, die mit einem "Weg der Götter" in unserem geographischen Raum zu tun hat. 

Einen solchen europäischen "Weg der Götter" gab es in vorchristlicher Zeit. Und heutzutage gibt es ihn tatsächlich wieder. In Deutschland und ganz Europa sind nämlich etwa seit der Zeit um den ersten Weltkrieg religiöse Strömungen entstanden, die an die eigentlich längst erloschenen indigenen Religionstraditionen Europas anknüpfen. Sie werden unter dem Oberbegriff "Neopaganismus" oder "Neuheidentum" zusammengefaßt.

Die Motivation einzelner Menschen, in der Gegenwart eine neopagane Religiosität zu leben, ist vielschichtig. Manche suchen ein naturnahes Lebensgefühl angesichts der sie umgebenden hochtechnischen Zivilisation. Sie befürworten Umweltschutz und leben humanitäre und humanistische Ideale. Sie bringen dies zum Ausdruck, indem sie sich den Kräften des Natürlichen anvertrauen, die sie unter den Namen von Göttinnen und Göttern anrufen.

Viele fühlen sich aber auch in einem durch und durch "protestantischen" Ansatz von der faktischen "Priesterreligion" der etablierten Kirchen abgestoßen. Sie suchen ihr persönliches und unmittelbares Glaubenserlebnis in alten mystischen Traditionen oder leben ein neuheidnisches "Priestertum aller Gläubigen", analog zu einer bekannten Forderung Martin Luthers.

Fast alle Neuheiden lehnen dogmatische Glaubensbekenntnisse ab. Die ganz überwiegende Mehrzahl betont das Recht auf ein individualisiertes Erleben und das eigenständige Interpretieren ihrer Religiosität. Der mainstream der Szene akzeptiert deshalb die Vielfalt individuell gestalteter Kulte als gleichberechtigt.

Nicht wenige der europäisch orientierten Neuheiden stehen in weltweiten Netzwerken mit außereuropäischen Heiden in Verbindung. Europäer, die etwa einem germanischen, keltischen oder wendischen Heidentum anhängen, unterhalten Kontakte nach Afrika oder Amerika zu Vertretern von dort heimischen Stammesreligionen und nicht zuletzt nach Asien, vor allem zum Hinduismus und zum Shintô nach Japan.

Die neopaganen Strömungen sind insgesamt der Kritik der konservativ-bürgerlichen Welt ausgesetzt. Seitens der Kirchen wird der "Rückfall" ins Heidentum beklagt. Bewegungen und Personen, die sich mit germanisch-nordischer Religiosität befassen, wie "Asatrú" und die "Alte Sitte" müssen sich außerdem immer eine Nähe zum Neonazitum nachsagen lassen, schon allein, weil prominente Nationalsozialisten wie der SS-Führer Heinrich Himmler und auch Adolf Hitler selbst ein starkes Interesse an einer germanisch orientierten Religiosität an den Tag gelegt haben. Dies schadet der neopaganen Bewegung bis heute nachhaltig.

In der Tat ist das Neuheidentum, nicht zuletzt das keltisch und germanisch orientierte, politisch nicht neutral. Wer in Internetseiten sorgfältig recherchiert, kann durchaus bei etlichen Seitenbetreibern einen deutlichen Drang nach "rechts" feststellen. (Diese Tendenz kann man im Übrigen auch im japanischen Shintô beobachten.) Es gibt aber auch viele neuheidnische Gruppierungen, vielleicht ist es sogar die Mehrzahl, die eher nach links, zur Ökologie oder zum Feminismus hin tendieren. Manche Gruppierungen im Neopaganismus sind erklärtermaßen anti-rassistisch, anti-nationalistisch und anti-faschistisch orientiert und leben ihr Heidentum basisdemokratisch und ökologisch. Beispiele für solche Gruppen sind der "Steinkreis", der "Rabenclan" oder die antifaschistische Initiative "Heiden gegen Hass".

Unser interessantes Link führt in diesem Monat zu einer Seite, die dem Versuch einer  Wiederbelebung der Religion unserer germanischen Vorfahren gewidmet ist. Sie ist (nach meinem Kenntnisstand 2007/2008) eine der am besten recherchierten Seiten zu diesem Thema, die in deutscher Sprache zur Verfügung steht.

Dem Initiator dieser Seite, Volker Wagner alias "Stilkam", sind vor einigen Jahren vom links-ökologischen Flügel der Neuheidenbewegung politische Ansichten im rechten Meinungs-Spektrum unterstellt worden. Wenn man die damalige Diskussion im Netz jedoch genau verfolgt, stellt man fest, daß Stilkam vor allem deshalb in das Kreuzfeuer der Kritik geraten war, weil er eine inhaltlich differenzierte Auseinandersetzung mit politisch rechten Positionen nicht gescheut hat. Meiner Meinung nach sind die Vorwürfe gegen Stilkam nicht haltbar. (Zu meiner eigenen Sicherheit verweise ich an dieser Stelle trotzdem auf die Nutzungsbedingungen unserer karate-wiesloch-Seite, vor allem auf das, was über meine Verantwortlichkeit bezüglich des Inhalts verlinkter Seiten gesagt ist!)

Mit seiner leider gelegentlich während größerer Überarbeitungsperioden vom Netz genommenen Seite zur "Alten Sitte", hat Stilkam ganz zweifellos Beachtliches für das moderne Heidentum geleistet. Wer also mal was über "Shintô in Germanien" in Erfahrung bringen möchte, findet hier den Link zu Stilkams Seiten betreffend der "Alten Sitte".

Viel Spaß beim Forschen!