Waysun Liao - Die Essenz des Tai Chi

Eine Zusammenfassung von Astrid Albrecht (Teil 1)

Es heißt, daß die höheren Stufen des Tai Chi Chuan ohne ein Verständnis der ihnen zugrundeliegenden philosophischen und technischen Prinzipien nicht verwirklicht werden können.

Der in Amerika lebende Tai Chi Meister Waysun Liao hat drei für die Philosophie des Tai Chi Chuan grundlegende Schriften aus dem Chinesischen ins Englische übersetzt und kommentiert. Astrid Albrecht hat sein 1996 bei Knaur auf Deutsch erschienene Büchlein gelesen und zusammengefaßt. Hier ist zunächst der erste Teil dieser Zusammenfassung zu lesen. Er handelt vom philosophischen und historischen Hintergrund des Tai Chi.

Was ist Tai Chi?

Der Begriff Tai Chi bezeichnet das "Höchste" das "Urprinzip". Er bezeichnet das Unbegrenzte, die schrankenlose Existenz, das große Ewige. (Anm.d. Red.: Der philosophische Begriff des Tai Chi darf nicht unmittelbar mit der Kampfkunst "Tai Chi Chuan" gleichgesetzt werden. Diese sogenannte "Faustkampfmethode in Übereinstimmung mit den Urprinzip" beruht auf der Philosophie eben dieses Urprinzips des "Tai Chi".)

Das Urprinzip des Tai Chi zeigt sich in der unauflöslichen Dynamik der einander entgegen gerichteten Strömungen von Yin und Yang. Yin entspricht der "negativen" Kraft des Nachgebens, Yang der "positiven" Kraft des Handelns. Im Widerstreit dieser beiden Strömungen entsteht die materielle Welt.

Waysun Liao. Droemer Knaur.

Die Philosophie des Tai Chi unterstützt die volle Verwirklichung der Person (des Individuums), hebt dabei allerdings hervor, dass man dieses Ziel nur durch eine maßvolle, natürliche Lebensweise erreichen kann. In der Chinesischen Geschichte wurde oft das Ziel, die Höchste Person zu werden mit dem Machtanspruch eines höchsten Herrschers verwechselt. Die Idee eines schlichten, vom Wesen her natürlichen Menschseins wurde vergessen.

Mit Beginn der Ching Dynastie, als die Mandschu 1644 in das chinesische Reich einfielen, traten autoritäre Überwachung und Polizeistaat in den Vordergrund. Frauen hatten damals die Rolle, hilflos und schwach zu sein, während Männer zu kritiklosem Gehorsam gegenüber dem Kaiser erzogen wurden. Konkurrenz und Aggressivität wurde unterstützt. Das Ideal der Selbstbeherrschung wurde zur Durchsetzung der Ziele der Herrschenden mißbraucht.

Paradoxerweise war es eben diese gesellschaftliche Tradition, die das Tai Chi Prinzip hunderte von Jahren fortführte. Infolge dessen erlitt die Philosophie des Tai Chi  dasselbe traurige Schicksal wie die westliche Philosophie. Die spirituelle Philosophie der Buddhistischen Religion wurde inhaltlich ignoriert, während die (konfuzianisch begründeten) Zeremonien und Riten zur gängigen religiösen Praxis wurden.

Während die Herrschenden in China nur an produktiven Vorteilen interessiert waren, integrierten jene, denen nichts an weltlicher Macht gelegen war, das philosophische Grundkonzept des Tai Chi in ihre persönliche Lebensgestaltung. Die dem Tai Chi zugrundeliegende Philosophie  wurde zu einem integralen Aspekt aller traditionellen Künste wie etwa Kalligraphie, Literatur, Poesie, Musik und Kochkunst. Die Kampfkunst des Tai Chi Chuan, die in dieser Zeit ihren Aufschwung genommen hat, ist als System integrierter Körper- und Geistesschulung insofern einzigartig, als sie die ursprünglichen (philosophischen) Prinzipien des Tai Chi in einer schrittweisen, klar gegliederten Methodik anwendet.

Die Wurzeln des Tai Chi Chuan

Tausende Jahre lang beruhte das politische Herrschaftssystem auf Brutalität und Korruption. Dem widersetzten sich die ?Männer aus den Bergen", wie die taoistischen Einsiedler genannt wurden. Sie führten die spirituelle Praxis der Tai Chi Philosophie fort, ihr Lebenswandel glich dem von Mönchen. Sie entwickelten auf dieser Grundlage die Kampfkunst des Tai Chi Chuan. Nach und nach wurde diese als hochentwickelte Form der "Volkskunst" betrachtet, allerdings ausschließlich von Intellektuellen praktiziert.

Um etwa 200 n.Chr. entwickelte der taoistische Arzt Hua-T?o das Tierespiel, ein Übungssystem, das sich gezielt an den Bewegungen und Charakteristika verschiedener Tiere orientierte. Dabei handelte es sich vermutlich um die erste Systematisierung von Kampfkunst.

Um 475 n.Chr. kam Bodhidharma als buddhistischer Reformator von Indien nach China. Er gelangte ins nordchinesische Gebiet T?ang Fung zum Shaolin Tempel. Neben Meditation nahm er (nach Waysun Liao) die Körperschulung nach dem Fünf-Tiere-Spiel in die tägliche Übungspraxis auf, um sowohl die körperliche wie auch geistige Disziplin bei seinen Anhängern zu fördern und neben der spirituellen Entwicklung körperliche Abhärtung und Stärkung zu betonen. Die geistige Disziplinierung im Shaolin Tempel beruhte primär auf buddhistischer Meditation. Das von den Shaolin Mönchen entwickelte Kampfkunstsystem begründete die sogenannten äußeren Kampfstile in China.

Um das Jahr 1200 nach westlicher Zeitrechnung gründete der taoistische Mönch Chang San-feng auf dem Berg Wu-t?ang einen Tempel. Meister Chang legte besonderen Wert auf die Philosphie des Tai Chi, welche die Harmonie von Yin und Yang als Mittel zur Entfaltung des höchsten Lebensprinzips betrachtet. Er stellte die taoistische Mediation in Verbindung mit natürlichen, von einer inneren, sich fortentwickelnden Energie angetriebenen Körperbewegung ins Zentrum seiner Übung. Von Beginn an betonte dieses daraus resultierende Kampfkunstsystem, eben das sogenannte Tai Chi Chuan, ausdrücklich die Perfektionierung der inneren Kraft und Entfaltung der Weisheit.

In Kombination, quasi als Synthese aus der shaolinischen Tradition und  der Schule aus den Wu'tang Bergen,  haben sich Systeme wie Hsing-I (Form-Geist-System) oder Ba-Gua (Acht-Trigramm-System) entwickelt. Meister des Tai Chi Chuan, die in der genannten Weise die "höchste Lebenskunst" praktizierten, waren hoch geachtet, weil sie entsprechend ihrem ureigenen Lebensstil Gerechtigkeit und Nächstenliebe übten. Im Übrigen waren sie zumeist als Erzieher und Heilkundige tätig.

Zur Zeit der Mandschu-Kaiser, während der Ch?ing Dynastie, wurde der damals berühmteste Meister des Tai Chi Chuan, Yang Lu-ch'an (1799-1872), zu Dienst bei Hofe verpflichtet. Meister Yang, der Begründer des Yang Stils, vermittelte im Dienst der Obrigkeit bewusst nur einen Teil der traditionellen Kunst, eine Art Gymnastik langsamer Bewegungsabläufe, hielt aber die Methoden zur geistigen Disziplinierung und Hintergründe der inneren Übungen (Qi Gong) bewusst zurück. Einzig seinen Söhnen vermittelte er die Kunst vollständig. Ebenso hielten es andere Adepten der Kampfkünste, woraufhin sich die bis heute bekannten Familienstile entwickelten.