Die Geschichte der 47 Rônin. Kapitel 2 (Teil 7)

Leseprobe - urheberechtlich geschütztes Material

Was bisher geschah

Der Daimyô Asano von Ako hat dem Fürsten Kira den erwarteten Bestechungsobulus für die Erfüllung seinen regulären Dienstpflichten verweigert. Kira hat zu zu einem letzten und äußersten Mittel gegriffen, um Asano zur Zahlung seiner Schmiergeldforderung zu zwingen: Er hat den Fürsten Asano tödlich beleidigt.

Aber Asano reagiert darauf nicht im erwarteten Sinne. Statt daß er nun seinen Obulus entrichtet, um den Zudringlichkeiten Kiras ein Ende zu bereiten, zieht Asano sein Schwert und verletzt Kira schwer.

Kira liegt verwundet am Boden. Einige der Umstehenden haben im letzten Augenblick verhindern können, daß Asano den Verletzten mit einem weiteren Schwertstreich tötet, da betritt der Shôgûn den Raum...

Er war auf den Anblick, der sich ihm hier bot, nicht vorbereitet. Er atmete hörbar ein und taumelte zurück, als müsse er stürzen. Einige der Anwesenden konnten erraten, was sich in ihm abspielte.

Vor siebzehn Jahren hatte sich in genau diesem Raum ein ähnlicher Vorfall zugetragen. Seither war Tsunayoshi all die Jahre hindurch von den Eindrücken jenes Ereignisses heimgesucht worden. Damals war hier sein Premierminister niedergestreckt worden. Er war an Ort und Stelle gestorben, getötet von einem jungen Mitglied des Hofes, das es, so sagte man, dem Minister verübelt hatte, dass er große Teile der Macht, die eigentlich rechtmäßig nur dem Shôgun zugestanden hätten, am Hofe selbst übernommen hatte. Hinter verschlossenen Türen munkelte man auch, Tsunayoshi selbst sei für den Anschlag verantwortlich gewesen, obwohl dies nie bewiesen worden war. Der Attentäter war auf der Stelle von den versammelten Fürsten hingerichtet worden, und seine eigentlichen Motive waren daher immer ein Geheimnis geblieben.

Jetzt war es Tsunayoshi, als spielte sich die ganze Szene erneut vor seinen Augen ab. Er war von der Situation sichtlich überfordert. Als er zu Kiras bewegungslosem Körper trat, überkam ihn eine plötzliche Wut. Das Blut schoss ihm ins Gesicht. Angewidert befahl er zwei Dienern, seinen angeschlagenen Zeremonienmeister, den man nun keinesfalls noch makellos nennen konnte, hinaus und in ein anderes Vorzimmer zu schaffen. Dann wandte er sich den Übrigen zu.

"Was geht hier vor?", stieß er in scharfem Ton hervor.

Er erhielt keine Antwort.

"Ihr dort", er wies mit seiner weichlichen Hand auf den Fürsten Date, "erzählt mir, was passiert ist."

Date ließ den Arm des Fürsten Asano los, verbeugte sich und schluckte vor Erregung vernehmlich. Als er sich aufrichtete, stieß er seine Worte kurz und formell hervor, als würde er einem Befehlshaber auf dem Schlachtfeld Bericht erstatten.

"Fürst Asano fühlte sich offensichtlich durch etwas, was Fürst Kira zu ihm gesagt hat, beleidigt. Wir sahen, dass er schockiert war. Wir sahen, wie er sein Schwert zog und augenblicklich den Fürsten Kira damit niederschlug. Es war, als sei er von einer Macht getrieben worden, die seinen Willen übermannt hatte."

"Er zog sein Schwert und schlug Kira?", unterbrach der Shôgun. "Kennt irgendjemand die Worte, die Kira gesprochen hat, die Worte, die zu dieser gesetzlosen Tat geführt haben?" Niemand antwortete, vor allem Kajikawa nicht, der durch die Schiebetüren zum inneren Raum spähte und sehr genau wusste, wann es besser war, seinen Mund geschlossen zu halten.

"Also gut, dann haltet ihn hier fest", sagte Tsunayoshi eisig. Er wandte sich dem Fürsten Asano zu.

"Ihr habt keine Achtung, mein Herr, vor dem Anstand dieses Hofes?"

"Ich bedaure aufrichtig." Fürst Asano kniete nieder und neigte den Kopf bis zum Boden. "Ich habe keine Entschuldigung."

"Es gibt Regeln für jeden Anlass", fuhr Tsunayoshi fort, "sorgsam durchdachte Regeln, die jedermann befolgen muss. Davon gibt es keine Ausnahmen ? nicht einmal für meine eigenen Angehörigen. Für den, der diese Gesetze nicht kennt, mag es eine Ausnahme geben, doch ich bin sicher, mein Herr, dass Ihr Euch nach so vielen Jahren des Dienstes als Daimyô nicht auf eine solche Ausnahme berufen könnt."

"Nein... nein, murmelte Fürst Asano, der aus tiefstem Herzen hoffte, dies alles sei nur ein böser Traum, aus dem er bald erwachen würde.

Tsunayoshi wandte sich an die Umstehenden. "Das Verbrechen ist offensichtlich genug. Gleiches gilt für die Strafe. Dieser Mann bleibt in Gewahrsam. Ich werde mich mit meinen Beratern besprechen. Die Zeremonie wird verschoben."

Mit einer Geste des Abscheus betrachtete der Shôgûn die Blutflecken auf dem Boden, wandte sich dann um und schritt auf die Schiebetüren zu, die zur großen Halle führten. Einer seiner Gefolgsleute erschien in der Tür, trat aber unterwürfig zurück, um ihm Platz zu machen.

"Schrecklich", sagte der Shôgun zu diesem Höfling. "All unsere Pläne sind wegen dieses einen verantwortungslosen Samurais durcheinander gekommen. Nur weil er sich im Schloss nicht zu benehmen weiß! Möglicherweise müssen wir sogar unsere Tanzvorstellung absagen."

Dann entfernten sie sich und Fürst Asano war mit seinen Bewachern allein. Er kniete noch immer und blickte fest zu Boden, während ihn die Übrigen mit ehrfürchtigem Schweigen beobachteten. Er verharrte mit steinerner Miene, obwohl sein Magen rebellierte und es ihm fast unmöglich war, klar zu denken. Er glaubte, den Verstand verlieren zu müssen, doch er beherrschte sich und ließ sich seine Schwäche nicht anmerken. Sein einziger Gedanke war, dass er allen beweisen musste, dass er sehr wohl seinen Platz kannte. 

Eine Stunde verstrich in Stille. Schließlich drang von draußen der Marschtritt Bewaffneter herein. Fürst Tamura, der rotgesichtige, geschäftige Daimyô von Ichinoseki, platzte durch einen Seiteneingang, zusammen mit einem Trupp wachhabender Samurais. 

Einen Augenblick verharrte er unentschlossen, als er den Fürsten Asano in seiner erstarrten Haltung erblickte. Fürst Tamura war zuvor selbst ein hoher Wachmann gewesen. Deshalb hatte Tsunayoshi ihn vermutlich mit der Verhaftung Asanos beauftragt. Im Angesicht des Fürsten erfüllte ihn diese Aufgabe nun jedoch mit Verlegenheit. Es war leicht, Anweisungen zu geben, wenn man es mit Gaunern und Taschendieben aus Edo zu tun hatte, doch einen gleichgestellten Daimyô zu verhaften, das war etwas anderes. 

Widerstrebend trat er zu dem Knienden und legte ihm die Hand auf die Schulter.

"Auf Befehl des Shôguns", sagte er.

Fürst Asano stand gehorsam auf und folgte ihm nach draußen. Dort wartete eine Sänfte, zusammen mit einem Dutzend Samurais und über dreißig Dienern, doch Asano kannte keines der Gesichter der hier Versammelten. Er sah sich verzweifelt nach Kataoka um. Gerade wollte er die Sänfte besteigen, als Tamuras Ruf ihn zurückhielt. Mit einiger Verlegenheit reichte er ihm ein schlichtes Dienergewand und forderte ihn auf, es über die höfischen Roben zu ziehen.

Fürst Asano war angesichts dieser Unverschämtheit bestürzt, doch dann wurde ihm klar, dass dies nur zu seinem eigenen Vorteil geschehen sollte. In diesem Gewand würde ihn niemand erkennen, wenn er durch die Straßen von Edo getragen wurde, sodass ihm eine öffentliche Erniedrigung erspart bleiben würde.

Widerstrebend streifte er also das Dienergewand über und bestieg die Sänfte, über die Fürst Tamura dann persönlich ein großes Netz warf, das die Mannschaften dann mit einem Seil vertäuten. Nun war dem Gefangenen jede Möglichkeit genommen, durch eine Flucht Schande über seinen Bewacher zu bringen.

Der Befehl zum Abmarsch erscholl. Der Zug machte sich zum Anwesen des Fürsten Tamura auf den Weg. Als er das Wachlokal passierte, kam er ganz nahe am dort wartenden Kataoka vorbei, der von all dem, was sich im Schloss abgespielt hatte, nichts wusste. Er hatte keine Ahnung davon, dass es sein Fürst Asano selbst war, der hier als Gefangener abtransportiert wurde.